Ungleichheit lähmt die Wirtschaft

Die Ungleichheit ist der grösste Zankapfel zwischen Obama und Romney. Wenn Einkommen und Vermögen auseinanderdriften, ist das aber mehr als ein politisches Problem. Selbst konservative Ökonomen kommen zur Einsicht, dass die Wirtschaft leidet.

Er verkörpert die Superreichen in den USA und unterstützt die Konservativen mit Millionen: Kasino-Magnat und Multimilliardär Sheldon Adelson, hier mit seiner Frau Miriam (Juli 2012).

Er verkörpert die Superreichen in den USA und unterstützt die Konservativen mit Millionen: Kasino-Magnat und Multimilliardär Sheldon Adelson, hier mit seiner Frau Miriam (Juli 2012). Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sollen die Superreichen mehr Steuern bezahlen oder nicht? Das ist der Kern der aktuellen Debatte in den US-Wahlen. Bisher haben dabei moralische Kriterien dominiert. Die Republikaner prangern die Neider an, die Demokraten plädieren für mehr Fairness. Aber was ist mit den wirtschaftlichen Folgen? Welche Konsequenzen hat eine Ökonomie der Superreichen? Neue wissenschaftliche Studien stellen alte Thesen infrage.

Die Argumentation der «Superreiche sind gut für die Wirtschaft»-Fraktion lautet verkürzt wie folgt: Wohlstandsunterschiede stacheln den Ehrgeiz an. Wenn mein Nachbar fleissiger ist als ich und sich ein grösseres Haus leisten kann, dann will ich mit ihm gleichziehen und strenge mich ebenfalls mehr an. Superreiche sind zudem risikofreudiger. Sie investieren in junge Unternehmen oder in riskante Projekte. Damit fördern sie Innovation und schaffen neue Jobs. Schliesslich hilft der Luxuskonsum der Reichen auch den Armen. Privatjets müssen gebaut und Villen mit Dienstpersonal bestückt werden. Deshalb sorgt eine Wohlstandsflut dafür, dass alle Boote in die Höhe gehoben werden.

Ineffizient und schädlich

In den letzten Jahrzehnten hat sich die Einkommens- und Vermögensschere immer weiter geöffnet. Mittlerweile hat sie absurde Dimensionen erreicht. In den USA beispielsweise sind 2011 gemäss Angaben des amerikanischen Handelsdepartements mehr als 90 Prozent der Früchte des bescheidenen Aufschwungs an das reichste Prozent der Bevölkerung geflossen. Diese zunehmende Konzentration des Einkommens in den Händen von ein paar Superreichen ist nicht nur ein moralischer Skandal. Selbst bei konservativen Ökonomen wächst die Einsicht, dass dies auch eine Gefahr für die Wirtschaft darstellt. So kommt beispielsweise der «Economist» in einem ausführlichen Dossier zur Lage der Weltwirtschaft zum Schluss, dass «die Ungleichheit ein Ausmass erreicht hat, wo sie ineffizient und schädlich für das Wachstum» geworden ist.

Konkret stellt der «Economist» fest: «Untersuchungen von Ökonomen des IWF legen den Schluss nahe, dass Einkommensunterschiede das Wachstum verlangsamen, Finanzkrisen auslösen und die Nachfrage schwächen. (…) Etwas mehr umstrittene Studien stellen gar einen Zusammenhang zwischen Einkommensunterschieden und verschiedenen Krankheiten her, von Fettleibigkeit bis Selbstmord. In vielen Ländern lösen die zunehmenden Wohlstandsunterschiede selbst bei der Elite Unbehagen aus. Eine Umfrage des World Economic Forum in Davos hat dieses Jahr ergeben, dass die Ungleichheit das wichtigste Problem des kommenden Jahrzehnts sein wird.»

Umdenken bei OECD und IWF

Auch die These, wonach risikofreudige, superreiche Investoren für Innovationen sorgen, ist selbst bei den bedeutendsten Investoren umstritten. Mohamed El-Erian, Chef des grössten Bondhauses Pimco, hat kürzlich in einem Beitrag auf Theatlantic.com die Folgen der Risikofreudigkeit wie folgt beschrieben: «Wir sind vom Finanzengineering verführt worden», stellt El-Erian fest. «Zu wenig Wachstum, zu viele Schulden und eine durchgeknallte Kultur sind die Folgen, die sich kulminiert haben im Chaos der Finanzkrise von 2008 und den Nachwirkungen – ein sehr teurer Schock für die Gesellschaft, dessen Auswirkungen noch Jahre zu spüren sein werden.»

Selbst bei den zentralen Wirtschaftsorganisationen hat ein Umdenken eingesetzt. Wie die «New York Times» berichtet, hat die OECD, der Vatikan der Volkswirtschaft, dieses Jahr die USA bereits mehrmals vor den «negativen Konsequenzen» der grossen Einkommensunterschiede gewarnt und eine ganze Reihe von Massnahmen dagegen vorgeschlagen. Auch der IWF, die Polizei der Volkswirtschaft, bläst ins gleiche Horn. «Wenn eine Handvoll Jachten plötzlich zu Luxuskreuzern werden und den anderen einfache Ruderboote bleiben, dann läuft etwas schief», stellt der IWF zuhanden der US-Regierung fest.

Stiglitz und der Teufelskreis

Der Ökonomieprofessor und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz gehört zu denen, die schon lange vor den negativen Folgen der Ungleichheit warnen. Er befürchtet, dass sich die modernen Industriestaaten in einem Teufelskreis befinden. «Steigende Ungleichheit bedeutet eine schwächere Wirtschaft», stellt er fest. «Das wiederum bedeutet noch mehr Ungleichheit und eine noch schwächere Wirtschaft. Die ökonomische Ungleichheit fördert eine politische Ungleichheit, und so wird die Möglichkeit, die Wirtschaft zu stabilisieren, immer geringer.»

Erstellt: 17.10.2012, 13:31 Uhr

Artikel zum Thema

Schlacht der Lügen und Halbwahrheiten

Im zweiten TV-Duell deckten sich Mitt Romney und Barack Obama gegenseitig mit Anschuldigungen ein. Wie viel dabei gelogen wurde, analysierten US-Politexperten. Mehr...

Der Gelangweilte wurde zum Leben erweckt

Analyse Die zweite Debatte der US-Präsidentschaftskandidaten gab Barack Obama eine Gelegenheit, die Pleite von Denver auszubügeln. Zumeist ergriff er sie, ohne seinen republikanischen Kontrahenten zu demontieren. Mehr...

«Obama brüllte, Romney brüllte zurück»

Der zweite Auftritt des US-Präsidenten sei viel besser gewesen, sind sich die US-Medien einig. Doch auch sein Herausforderer habe sich gut geschlagen. CNN-Umfrage sieht den Amtsinhaber als Sieger. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Kunst in der Luft: Seifenblasen machen Spass vor dem Louvre in Paris. (19. Juli 2019)
(Bild: Alain Jocard) Mehr...