«Uns bleibt nicht viel Zeit»

Atomausstieg, Gebäudesanierungen und ökologische Steuerreform: Die Schweiz ringt um ihre Energiepolitik. Was gilt es, dabei zu beachten? Fatih Birol, Chefökonom der Internationalen Energieagentur, im Interview.

«Wir sind auf dem 6-Grad-Szenario»: Fatih Birol, Chefökonom der Internationalen Energieagentur.
Video: Simon Schmid

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Herr Birol, die Schweiz will auf erneuerbare Energien setzen. Wie weit wird sie damit kommen?
Energietechnisch ist die Schweiz Teil von Europa. Und in Europa wird künftig sicher mehr und mehr erneuerbare Energie produziert – speziell aus Wind, Sonne und Biomasse. Doch die Bedeutung dieser Energien dürfte auch künftig limitiert bleiben: Im grossen Ganzen wird sich wohl nicht viel ändern.

Was meinen Sie damit?
Energieproduktion und -verbrauch bleiben durch fossile Energieträger dominiert: Öl, Kohle, Gas. Das gilt global wie auch im europäischen Kontext. Um einen Durchbruch bei erneuerbaren Energien zu erzielen, müssten CO2-Emissionen und somit fossile Energien global mit einem Preis versehen werden.

Heisst das, der Liter Benzin müsste künftig fünf Franken kosten?
Die Schweiz könnte sicher mit gutem Beispiel vorangehen und ein wichtiges Signal an Konsumenten senden: Bitte, verbraucht nicht so viel fossile Energie. Aber falls andere Länder nicht mitziehen, bringt das nicht viel. Die Schweiz könnte ihren Benzinpreis auf fünfundzwanzig Franken erhöhen, und es hätte keine Wirkung. Sogar ein vollständiger Wachstumsstopp in Europa würde wenig nützen, solange China oder Indien ihre Politik nicht ändern.

Wie schlimm beurteilen Sie als Ökonom den Klimawandel?
Uns bleibt nicht viel Zeit. Bis 2017 muss ein bindendes internationales Klimaabkommen unterzeichnet werden. Schafft das die internationale Politik nicht, so schliesst sich die Tür zu jenem Pfad, der eine moderate Klimaerwärmung von 2 Grad beschreibt. Stattdessen öffnet sich dann eine andere Tür: Diejenige einer Erwärmung von 6 Grad. Für die Welt wäre das ein Katastrophenszenario. Es wäre das Tor zur Hölle.

Zur Hölle? Ist das nicht etwas übertrieben?
Solche Worte sind durchaus angebracht. Wir würden heissere Sommer und längere, rauere Winter erleben. Hunderte Millionen von Menschen würden aus Entwicklungsländern auswandern. Städte wie Venedig würden wohl überschwemmt. Es gäbe gigantische Veränderungen in der Vegetation. Das Alltagsleben würde wirklich völlig verändert. Sie können sich das auch so ausmalen: Anstatt der täglich gelieferten Flasche Milch würden Sie eine Flasche voll Schlamm vor der Haustür finden.

Wie realistisch ist es, dass sich klimapolitisch etwas bewegt?
Zwei Länder blockieren die Verhandlungen: die USA und China. Zusammen sind sie für etwa 50 Prozent der globalen CO2-Emissionen verantwortlich. Solange sich diese Länder nicht bewegen, passiert nichts. Angesichts der politischen Debatte habe ich allerdings wenig Hoffnung, dass China oder Amerika ihre Ansichten in naher Zukunft ändern werden.

Die USA haben jetzt wieder billiges Öl zur Verfügung. Was heisst das?
Die Fracking-Methode zur Ölförderung wird Amerikas Wettbewerbsfähigkeit gegenüber dem Rest der Welt stärken. China wird versuchen, den USA zu folgen, und deshalb auf unkonventionelles Gas setzen – das heisst auf Schiefergas, Tight Gas und Kohleflözgas. Als Verlierer stehen dann Europa und Japan da. Ohne eigene Gasvorkommen werden sie mit höheren Energiepreisen auskommen müssen. Auch beim Öl wird Europa gemäss unserer Prognose künftig der zweitgrösste Importeur nach China sein.

Macht der Atomausstieg vor diesem Hintergrund Sinn?
Ich verstehe und respektiere die Entscheidung der Regierungen von Deutschland oder der Schweiz, künftig auf Nuklearenergie verzichten zu wollen. Allerdings müssen sich die Länder auch über die Konsequenzen im Klaren sein. Zu glauben, man könne diese Energie vollständig durch erneuerbare Energie ersetzen, ist naiv. Gas und Kohle werden als Ersatz dienen müssen, wie man bereits heute in Deutschland sieht. Der Atomausstieg hat also negative Auswirkungen auf den Klimawandel.

Und auf den Strompreis? Aktuell ist Strom ziemlich billig.
Bleiben grössere Veränderungen im Elektrizitätsmarkt aus, so müssen wir künftig mit höheren Elektrizitätspreisen rechnen. Was für manche Produzenten eine gute Nachricht ist, aber Konsumenten und Staaten höhere Ausgaben bescheren wird.

Welchen Beitrag kann die Energieeffizienz leisten?
In der Politik werden ja viele gute Absichten geäussert. Aber was wir bisher beobachten, ist eher das Gegenteil: Wir machen global in Sachen Energieeffizienz keine Fort-, sondern tendenziell Rückschritte. Am schlimmsten ist die Situation in Asien. Aber auch in Europa sind keine bedeutenden Bestrebungen im Gang. Immerhin gibt die EU, die kürzlich eine entsprechende Direktive verabschiedet hat, Anlass zur Hoffnung.

Werden Effizienzverbesserungen nicht laufend durch Mehrkonsum ausgeglichen?
Diese Gefahr ist tatsächlich sehr gross. Theoretisch könnten uns Verbesserungen bei der Energieeffizienz wichtige Zeit bei der Abmilderung des Klimawandels geben. Aber wenn Staaten nichts dagegen tun, führen Effizienzverbesserungen höchstens zu günstigerer Energie und befeuern so den Verbrauch. Um diesen sogenannten Rebound-Effekt einzudämmen, wird die Internationale Energieagentur im November eine neue Kampagne lancieren.

Welche Empfehlungen richten Sie an die Staaten?
Im Detail kann ich das noch nicht bekannt geben. Sicher ist, dass es irgendeine Form von Besteuerung braucht. Wenn man im Bereich Energieeffizienz Verbesserungen erzielen will, kann man nicht alles dem Markt überlassen.

In der Schweiz wird viel über Gebäudesanierungen und dergleichen diskutiert.
Das ist sicher sinnvoll ausgegebenes Geld. Allerdings muss man auch festhalten: Um CO2-Emissionen einzusparen, ist es besser, das Geld in Entwicklungsländern auszugeben. Jeder Franken, der im Ausland ausgegeben wird, nützt etwa viermal so viel wie in der Schweiz.

Ist die Schweiz energiepolitisch auf dem Holzweg?
Die Schweiz macht generell einen sehr guten Job. Das Problem liegt auf der übergeordneten Ebene. Eine sinnvolle Struktur für Investitionen würde einen Preis für Emissionen im In- und Ausland voraussetzen. Womit wir wieder bei der internationalen Politik wären: Es braucht unbedingt ein Abkommen, welches jedem Land vorschreibt, seine Emissionen zum Beispiel bis zum Jahr 2030 um X oder Y Prozent zu senken. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.09.2012, 14:01 Uhr

Der grosse Energieüberblick

Fatih Birol ist Direktor der Sektion Global Energy Economics bei der Internationalen Energieagentur in Paris. Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat den 54-Jährigen am Swiss Energy and Cloimate Summit in Bern getroffen und ein Interview geführt. Im Video sehen Sie einen Zusammenschnitt des Vortrags, den Birol in Bern hielt.

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