Verschuldet für eine halbe Ewigkeit

Der Bund gibt Bonds aus, die über 50 Jahre laufen – und die Anleger reissen sich darum. Was macht die Papiere so begehrt?

Anleihen in Schweizer Währung sind begehrt bei Anlegern: Banknoten verschiedener Notationen.

Anleihen in Schweizer Währung sind begehrt bei Anlegern: Banknoten verschiedener Notationen. Bild: Keystone

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Was an den Anleihenmärkten in der Schweiz geschieht, sorgt selten für Schlagzeilen. Dass der Bund nun aber eine Anleihe gleich für 50 Jahre ausgegeben hat, stösst allerdings auf Interesse, immerhin kommt das nicht alle Tage vor. Das letzte Mal im Jahr 1999.

Eine Anleihe (auch Obligation oder Bond genannt) ist letztlich nichts anderes als ein gehandelter Kredit – nur dass der Kredit gehandelt werden kann und er damit einen Preis («Kurs») hat, der von jenem der zurückzuzahlenden Summe abweichen kann.

Eine 50-jährige Anleihe bedeutet daher, dass der Bund einen Kredit über 50 Jahre an den Kapitalmärkten aufnimmt. Dafür bezahlt er einen jährlichen Zins (Coupon genannt) von 2 Prozent. Tatsächlich erhalten die Käufer der Anleihe – faktisch die Kreditgeber an den Bund – nur 1,6 Prozent für das geliehene Geld. Der Grund dafür ist, dass der Bund die Anleihe zu mehr als 100 Prozent des Wertes (sogenannt «über pari») ausgibt, als er zurückbezahlt. Konkret lag der Ausgabekurs bei 113,7.

Die Bedeutung des Zinsrisikos

Auch 1,6 Prozent sind gemessen am gängigen Zinsniveau in der Schweiz noch immer viel. Das Niveau der Langfristzinsen – gemessen an der Rendite 10-jähriger Anleihen – ist mit 0,8 Prozent nur halb so hoch. Doch eine fünfzigjährige Anleihe ist hoch riskant. Die sehr lange Laufzeit erhöht vor allem das Zinsänderungsrisiko markant. Das heisst, ein Anstieg des allgemeinen Zinsniveaus (und der Inflation) führt zu einer starken Entwertung einer derart lang laufenden Anleihe (siehe Box). Gerade weil das Zinsniveau und die Inflation sich in der Schweiz auf historischen Tiefstwerten befinden, ist die Wahrscheinlichkeit sehr gross, dass in den nächsten fünfzig Jahren bei beiden ein deutlicher Anstieg erfolgt.

Angesichts des tiefen Zinsniveaus ist nicht schwer nachvollziehbar, weshalb der Bund sich über eine derart lange Frist verschuldet. Egal was mit dem gehandelten Wert der Anleihe geschieht, bezogen auf die einst zurückzuzahlende Summe muss er bis in 50 Jahren jährlich bloss 2 Prozent Zins für das jetzt erworbene Geld bezahlen. Für den Staat ist das eine Möglichkeit, das tiefe Zinsniveau auch langfristig anzubinden.

Dennoch kommt der Anstoss für diese äusserst lang laufende Anleihe offenbar nicht vom Bund selbst, sondern entsprach einem Bedürfnis der Kapitalmärkte. «In jüngster Zeit haben uns institutionelle Anleger vermehrt auf die Möglichkeit eines neuen 50-jährigen Eidgenossen angesprochen», erklärte Philipp Rohr, Sprecher der Eidgenössischen Finanzverwaltung, bereits im Mai der Nachrichtenagentur Reuters.

Starke Nachfrage bei Institutionellen

Tatsächlich haben die Investoren ein sehr grosses Interesse für die Anleihe gezeigt, wie die Ergebnisse der «Zeichnung» offenbaren, wie sie die Schweizerische Nationalbank (SNB) veröffentlicht hat: Für 969 Millionen Franken kamen Gebote, 565 Millionen Franken hat der Bund schliesslich zugeteilt, 300 Millionen behält er wie meistens als Eigentranche, die er je nach Marktentwicklung auch später noch auf dem Markt platziert. Das hohe Interesse ist auch der Grund, weshalb der Bund die Anleihe mit einem Wert «über pari» ausgeben konnte (siehe oben).

In einer Radiosendung hat der einstige SP-Nationalrat und Ökonom Rudolf Strahm spekuliert, das Interesse an der Anleihe könnte von ausländischen Anlegern kommen, die auf eine langfristige Aufwertung des Frankens setzen, wie sie sich auch in den letzten 50 Jahren gezeigt hat. An den Kapitalmärkten hält man diese These für nicht besonders glaubwürdig. Vor allem, weil Währungsspekulationen über einen derart langen Zeitraum hoch riskant wären und für die nächste Zukunft (die auch bei Langläufern im Vordergrund steht, siehe Box) die Schweizerische Nationalbank eine Aufwertung des Frankens mit allen Mitteln verhindern will.

Die Erklärung ist viel einfacher: An solchen Anleihen sind vor allem institutionelle Anleger interessiert, die ihrerseits ähnliche fixe langfristige Verpflichtungen haben, und sie kommen durch den Kauf einer solchen Anleihe zu einem sicheren Einkommensstrom (aus den jährlichen Coupons), der das aktuelle Zinsniveau wie erwähnt deutlich übertrifft. In erster Linie werden an den Kapitalmärkten hier Lebensversicherer ins Spiel gebracht.

Sehr lange laufende Anleihen finden sich schliesslich nicht nur bei der Eidgenossenschaft, sondern auch bei anderen Staaten. Im Jahr 2012 hat zum Beispiel Mexiko mit einer Anleihe mit hundertjähriger Laufzeit für Aufmerksamkeit gesorgt. Aber auch Unternehmen bedienen sich solcher Langläufer: So haben zum Beispiel auch Walt Disney oder Coca-Cola Anleihen mit einer Laufzeit von 100 Jahren ausgegeben. Doch selbst 100-jährige Laufzeiten sind nicht das Maximum: Grossbritannien hat noch eine aus dem Jahr 1932 ausstehen, die erst 2049 ausläuft. Und es existieren sogar ewige Anleihen («Perpetuals»), also solche, die gar nie enden. Wie in der Box erklärt, spielt allerdings auch ein Rückzahlungsbetrag bei sehr langen Anleihen nur noch eine geringe Rolle und der Anleihenschuldner kann diese Anleihen auch von sich aus zurückbezahlen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.06.2014, 12:37 Uhr

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Etwas technisch ausgedrückt entspricht der Wert jeder Anleihe dem durch das Zinsniveau diskontierten Gegenwartswert aller künftigen Zahlungen daraus (der jährlichen Couponzahlungen und der Rückzahlung am Ende der Laufzeit). Wegen der Zinsenzinsrechnung potenzieren sich die Diskontfaktoren mit jedem weiteren Jahr Laufzeit. Bei Anleihen mit einer Laufzeit von 50 oder gar 100 Jahren wird der Gegenwartswert aus Zahlungen in weiter Ferne sehr stark verringert und spielt daher nur noch eine kleine Rolle. Das gilt selbst für die Tilgung der Anleihe am Ende einer sehr langen Laufzeit. Kommt dazu, dass ein Anstieg der Inflation auf die gleiche Art wie ein Anstieg des Zinsniveaus kaufkraftbereinigt den Wert der Anleihe verringert. In langen Zeiträumen wird sie sich allerdings ohnehin direkt im Zinsniveau niederschlagen. Die grosse Bedeutung der Diskontierung über derart lange Zeiträume bedeutet ausserdem, dass sich auch eine Zinsänderung sehr viel stärker auf den Gegenwartswert und damit den Kurs der Anleihe auswirkt als bei kürzer laufenden Anleihen. (mdm)

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