Von wegen mehr Geld für die Japaner

Premier Shinzo Abe ­verspricht höhere Löhne, aber bei der Bevölkerung kommt das nicht an.

Behauptet, dank seiner Abenomics genannten Politik stiegen die Löhne: Premier Shinzo Abe zieht derzeit als Wahlkämpfer durchs Land. Foto: Christopher Jue (Keystone)

Behauptet, dank seiner Abenomics genannten Politik stiegen die Löhne: Premier Shinzo Abe zieht derzeit als Wahlkämpfer durchs Land. Foto: Christopher Jue (Keystone)

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Bevor ein japanisches Unternehmen einen Mitarbeiter ins Ausland schickt, organisiert es einen Englischlehrer. Das ist meist dringend nötig. Obwohl die Japaner in der Schule jahrelang Englisch büffeln, sind nur wenige zu simplen ­Gesprächen fähig. Die Tokioter Firma «Sprache & Kultur» (die in Wirklichkeit anders heisst) hat sich darauf spezialisiert, der Wirtschaft solche Hauslehrer zu vermitteln. Jüngst suchte die Firma eine neue Administratorin, eine Sekretärin, die auch organisiert und die Buchhaltung macht. Die Neue ist sympathisch, kompetent und spricht gut Englisch. Sie arbeitet für einen Stundenlohn von 850 Yen, 6.90 Franken, nur 8 Prozent mehr als der gesetzliche Mindestlohn. So schlecht hat die Firma noch niemanden bezahlt. Die Mitarbeiter sind bestürzt. Und alle wissen, das ist der Trend.

Premier Shinzo Abe zieht derzeit als Wahlkämpfer durchs Land. Und behauptet, dank seiner Abenomics genannten Politik stiegen die Löhne. Vor allem nächstes Jahr, weil es inzwischen mehr offene Stellen als Arbeitsuchende gebe. In seiner Regierungszeit seien eine Million neue Jobs geschaffen worden. Und bessere Löhne bedeuten mehr Konsum, mehr Profit und weiter steigende Löhne. Tatsächlich: Die Basislöhne der Festangestellten sind 2014 im Schnitt um 0,5 Prozent gestiegen. Manche Firmen zahlen auch etwas höhere Boni. Aber: Die Zeitarbeiter erhalten schon nominell 0,3 Prozent weniger als voriges Jahr, und die Statistik stammt von Abes Kabinettsbüro. Fast 40 Prozent der arbeitenden Japaner sind Zeitarbeiter, vor allem Junge und Frauen. Wie die neue Administratorin von «Sprache & Kultur». Sie haben keinen Kündigungsschutz, ihre Verträge sind befristet. Viele bekommen keinerlei Weiterbildung, kaum Sozialleistungen und haben keine Aufstiegschancen.

Kaufkraft der Japaner sinkt

Berücksichtigt man die Inflation, welche die Notenbank zu provozieren sucht, sind sogar die Löhne der Festangestellten gefallen. Real verdienen sie 2,8 Prozent weniger als im Jahr 2013. Dabei sind die steigenden Lebensmittelpreise, insbesondere diejenigen der importierten Lebensmittel, noch nicht berücksichtigt. Zudem hat Abe die Mehrwertsteuer um 3 Prozent erhöht. Deshalb hat sich auch die Kaufkraft festangestellter Japaner reduziert: nach der Statistik des Kabinetts seit 16 Monaten stetig, also kurz nach Abes Amts­antritt.

Derweil hocken Nippons Konzerne auf Bargeldreserven von mehr als 1,8 Billionen Franken. Doch sie machen keine Anstalten, ihre Arbeitnehmer davon profitieren zu lassen. Obwohl Abe sie sogar darum gebeten hat.

Steigt die Nachfrage bei knappem Angebot, dann steigen die Preise, hier also die Löhne. Auch hier hätte Abe theoretisch recht – wenn es denn in Japan einen Arbeitsmarkt gäbe. Für Festangestellte gibt es den nicht, höchstens für Studienabgänger. Wer eine feste Stelle hat, der wechselt kaum mehr. Man würde auch gar keine andere Stelle finden. Firmen stellen nur in Ausnahmefällen Leute fest ein, die aus einer anderen Firma kommen. Für Leute in der Mitte ihrer Karriere gibt es in Japan keinen ­Arbeitsmarkt. Und damit auch keinen Lohndruck nach oben.

Für Zeitarbeiter existiert ein Stellenmarkt, in der Pflege und im Baugewerbe sind viele Jobs unbesetzt. Doch auch dieser Markt funktioniert nicht nach Lehrbuch. Pflegerinnen brauchen erst einmal eine Ausbildung, Baufirmen zahlen nur ungern mehr. Zudem können die ­Arbeitsuchenden, wenn es mehr ­offene Stellen als Bewerber gibt, auf die leichteren Jobs ausweichen. Die Löhne sind schlecht, fast überall.

Erstellt: 09.12.2014, 19:16 Uhr

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