Was Deflation gefährlich macht

Sinkende Preise mögen Einzelnen vorteilhaft erscheinen, aber gesellschaftlich sind sie katastrophal.

Die Notenbank kann nur so lang gegensteuern, als sie den Leitzins weiter senken kann: Verkehrsschild vor der EZB in Frankfurt.

Die Notenbank kann nur so lang gegensteuern, als sie den Leitzins weiter senken kann: Verkehrsschild vor der EZB in Frankfurt. Bild: Keystone

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Nichts bereitet Geldpolitikern mehr Angst als sinkende Preise. Für alle anderen ist das schwer verständlich. Warum? Beginnen wir bei den Begriffen: Inflation bedeutet steigende Preise, man kann sich mit dem gleichen Geld weniger leisten. Eine Deflation hingegen heisst, dass der Wert des Geldes zunimmt, man sich mit dem gleichen Geld mehr leisten kann. Aus Sicht des Einzelnen ist sofort klar, warum eine Inflation verhindert werden sollte, nicht aber, weshalb eine Deflation ein Problem sein sollte.

Hier eine Erklärung: Wenn Preise laufend sinken, kann das durchaus von Vorteil sein, wenn dies das Ergebnis von Innovationen ist. Für gleiche Computerleistungen zahlen wir immer weniger, und niemand würde behaupten, das sei gesamtwirtschaftlich ein Problem. Die Deflation ist in diesem Fall angebotsbedingt.

Ganz anders sieht es aus, wenn eine Deflation nachfragebedingt ist – das heisst, wenn der Konsum, die Investitionen oder der Export einbrechen oder sogar alle zusammen. Dann führt das zu einer schweren Rezession oder sogar einer Depression. Die Unternehmen müssen die Preise am Ende senken, um ihre Ware überhaupt noch abzusetzen. Dieses Szenario beschreibt recht genau die grosse Depression der 30er-Jahre und die Lage, in der sich viele Euro-Peripherieländer heute befinden.

Problematische Schuldenlast

Das wichtigste wirtschaftspolitische Instrument ist der Leitzins: Gibt es Anzeichen für einen Konjunktureinbruch, kann eine Notenbank diesen senken und damit das Zinsniveau generell: Das verbilligt die Kosten für Investitionen und befeuert den Konsum. Entscheidend sind allerdings nicht die Nominalzinsen, wie sie die Notenbank festlegt, sondern die Realzinsen. Damit sind die um die Inflation korrigierten Zinsen gemeint.

Erhalte ich für mein Geld 1 Prozent Zins im Jahr und beträgt die Inflation 2 Prozent, dann verliert meine Einlage 1 Prozent an Kaufkraft. Legt der Wert des Geldes hingegen zu, ist es genau umgekehrt: Bei einer Deflation von 2 Prozent (und 1 Prozent Zins) steigt die Kaufkraft meines Geldes um 3 Prozent. Genau deshalb ist eine Deflation für Länder mit einer hohen Verschuldung besonders dramatisch: Denn sie erhöht den Realzins und damit die Schuldenlast.

Schauen wir uns jetzt die Möglichkeiten einer Notenbank in einer schweren Krise an: Senkt sie den Leitzins zu wenig energisch, bricht die Wirtschaft weiter ein – und die Inflation fällt und droht in eine Deflation überzugehen. Die Notenbank kann nur so lang gegensteuern, als sie den Leitzins weiter senken kann. Bei einem Satz von null Prozent sind ihre Möglichkeiten erschöpft – man sagt dann, sie befinde sich in einer Liquiditätsfalle. Was bleibt, sind unkonventionelle Massnahmen (mit einer weniger klaren Wirkung). Willkommen in der Welt von Mario Draghi, dem Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), aber auch jener von Thomas Jordan von der Schweizerischen Nationalbank.

Die Erwartung zählt

Wenn Notenbanker von Inflations- oder Deflationsgefahren sprechen, interessiert sie vor allem eines: welche Preisentwicklung die Leute erwarten. Denn für die Entwicklung des Preisniveaus ist nicht in erster Linie die heutige Inflation oder Deflation wichtig. Wie sich das Preisniveau entwickelt, hängt vielmehr davon ab, welche Preise – angesichts der Erwartungen – auf den Märkten für Güter und Löhne festgelegt werden.

Wenn das gemessene Preisniveau von der erwarteten Entwicklung abweicht, ist das kein grosses Problem, solange es allgemein als temporär wahrgenommen wird. Zeigt sich allerdings der Trend zu einer immer geringeren Inflation wie aktuell in Europa, kommt es zu sogenannten Zweitrundeneffekten. Eine Notenbank muss dann alle Register ziehen, um eine sich selbst verstärkende Reduktion der Inflation bis hin zu einer Deflation zu verhindern. Daher die steigende Nervosität bei der EZB und ihr Versuch, mit allen Mitteln die Geldmenge aufzublähen und die Erwartung einer höheren Inflation zu schüren.

Denn wenn die Volkswirtschaft in eine Deflation rutscht, haben die Einzelnen und die Unternehmen einen Anreiz, das wertvoller werdende Geld zu horten und Investitionen aufzuschieben. Damit bricht die Gesamtnachfrage noch mehr ein. Mit anderen Worten: Was individuell rational erscheint, führt gesamtgesellschaftlich in die Katastrophe.

Erstellt: 01.10.2014, 23:19 Uhr

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