Was Ökonomen über Frauen denken

Drehen sich anonyme Onlinedebatten unter Ökonomen um Kolleginnen, geht es anders als bei Männern laut einer Studie meist um persönliche Attribute, das Aussehen und um Sex.

Stereotypen sorgen auch bei den Ökonomen für ungleiche Karrierechancen: Studierende in einer Vorlesung.

Stereotypen sorgen auch bei den Ökonomen für ungleiche Karrierechancen: Studierende in einer Vorlesung. Bild: Keystone

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Wie in vielen Bereichen haben es Frauen auch bei den Wirtschaftswissenschaften schwerer als Männer. Das bezieht sich nicht nur auf die Aufstiegsschancen und den Verdienst, sondern bereits darauf, wie Frauen in der Ökonomenzunft wahrgenommen werden und welche Stereotypen zu ihnen vorherrschen. In diesem Zusammenhang hat eine druckfrische Studie der erst 22-jährigen Alice Wu für Furore gesorgt.

Die Studie macht deutlich, dass Frauen bei den Wirtschaftswissenschaften von ihren männlichen Kollegen professionell deutlich weniger ernst genommen werden und vielfach mit abfälligen und sexistischen Ausdrücken bezeichnet werden. Wu hat mit dem Papier ihr Studium an der renommierten Berkeley-Universität in Kalifornien (USA) abgeschlossen und startet jetzt ein Doktoratsstudium an der Eliteuniversität Harvard in Boston.

Um zu erfahren, wie Ökonomen bzw. Studierende des Fachs sich ausdrücken, wenn es um Frauen oder um Männer geht, hat Wu ein intensiv genutztes, auf Ökonomen zugeschnittenes Internetportal nach allen Mitteln der Zunft analysiert. Dabei handelt es sich um die Website «Economic Job Market Rumors». Die Beiträge auf diesem Portal sind anonym. Die Analyse kann deshalb zeigen, wie sich die Ökonomen dann verhalten, wenn sie nicht identifiziert werden können. Um herauszufinden, ob sich Beiträge um Frauen oder Männer handeln, hat Wu eine Reihe von Filtertechniken mit modernster Software angewandt, und so mehr als eine Million Beiträge analysiert.

Erniedrigende Attribute für Frauen

Ihre Ergebnisse sind ernüchternd. Geht es um Frauen, driften die Diskussionen anders als bei Männern praktisch immer von professionellen Themen ab ins Persönliche. Dann geht es um die persönliche Situation, wie den Zivilstand und Beziehungen, um das Aussehen oder um das Geschlecht und Sex. Geht es um Männer, drehen sich die Debatten hauptsächlich um die Wirtschaftswissenschaften selbst oder um die Karriere.

Weiter hat Wu analysiert, welche Worte am meisten verwendet wurden. Ging es um Frauen, wurden die folgenden 30 meist abschätzigen und sexistischen Worte am meisten verwendet – in dieser Reihenfolge und wörtlich: hotter, lesbian, bb (für «baby»), sexism, tits, anal, marrying, feminazi, slut, hot, vagina, boobs, pregnant, pregnancy, cute, marry, levy, gorgeous, horny, crush, beautiful, secretary, dump, shopping, date, nonprofit, intentions, sexy, dated und prostitute. Geht es hauptsächlich um Männer, dominieren dagegen harmlose oder positive Begriffe wie juicy, keys, advisor, oder dann solche, die mit dem Fach verbunden werden können, wie mathematician, pricing oder textbook.

Wie der Ökonom Justin Wolfers in einem Artikel zu dieser Studie in der «New York Times» schreibt, hat die Studie führende Ökonomen aufgeschreckt. David Romer, weltweit einer der führenden Makroökonomen, hat von einem «Sumpf an Frauenfeindlichkeit» gesprochen, der sich hier manifestiere. Von Wolfers befragte Frauen erklärten, die Studie habe nur quantifiziert, was den Frauen bereits bewusst sei.

Verbreitete Vorurteile

Dass gegenüber Frauen schon bei angehenden Ökonomen oftmals Vorurteile vorherrschen, hat schon eine andere Studie von Forschern der Universität von North Carolina gezeigt. In Onlinekursen, bei denen die Studierenden ihre Professoren nie zu Gesicht bekamen, gaben sie diesen systematisch eine bessere Note, wenn es sich vorgeblich um einen Mann handelte, und eine schlechtere, wenn es vorgeblich eine Frau war. Das gleiche Resultat zeigte sich, als die gleichen Professoren nun das andere Geschlecht angaben, wieder schnitt die Lehrperson schlechter ab, die vorgab, eine Frau zu sein.

Die Stereotypen und Vorurteile gegenüber Frauen benachteiligen diese im Vergleich zu Männern, wenn sie in dieser Wissenschaft Karriere machen wollen. Auch deshalb ist es wenig verwunderlich, dass sie an der Spitze des Fachs und in der Professorenschaft deutlich untervertreten sind. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.08.2017, 19:53 Uhr

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