Weg da!

Überfüllt, verstopft, verdreckt: Wo man Touristen künftig wegen Überlastung aussperren will.

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Der Schweizer Tourismus ächzt unter dem starken Franken und kämpft um jeden Gast. Derweil ächzen einige Destinationen im Ausland unter den Touristenmassen und denken laut darüber nach, die Anzahl Besucher zu reduzieren. So etwa in Venedig. Besonders die Tagestouristen, die von gigantischen Kreuzfahrtschiffen in die Stadt geschwemmt werden, sind Einwohnern und Behörden ein Dorn im Auge. Von den – je nach Schätzungen – 20 bis 30 Millionen Touristen pro Jahr logieren nach offiziellen Angaben nur 2,6 Millionen in den Hotels von Venedig. Der Rest sind Tagestouristen, die Orte wie die Rialtobrücke oder den Markusplatz manchmal derart verstopfen, dass diese praktisch unzugänglich sind. Doch die Kurzbesucher lassen meist nur einige Euros liegen – viel zu wenig, um sich den teuren Unterhalt Venedigs zu leisten, wie Kritiker monieren.

Nun sind mehrere Bürgerkomitees entstanden, die der Touristenschwemme Einhalt gebieten wollen. Diskutiert wird unter anderem ein Buchungssystem, in dem sich Reisende registrieren müssen, wie das Schweizer Reisebranchenportal «Travel Inside» berichtet. Für Einheimische, Pendler und Hotelgäste sollen erleichterte Zutrittsbedingungen gelten. Viele Einwohner Venedigs fordern laut diversen Medienberichten zudem strengere Regeln für Ankünfte im Hafen, andere gar ein Verbot für Kreuzfahrtschiffe. Und der frisch gewählte Bürgermeister Luigi Brugnaro überlegt, für Tagestouristen den Zugang zu Sehenswürdigkeiten einzuschränken. Die Höhe der Besucherlimite sowie die Eintrittskosten sind jedoch noch nicht klar.

Unrentable All-inclusive-Gäste

Auch auf den kanarischen Inseln herrscht touristischer Dichtestress. Der spanische Archipel, besiedelt von 2,1 Millionen permanenten Einwohnern, wurde letztes Jahr von 13 Millionen Touristen besucht. Der Tourismus ist denn auch ein enorm wichtiger Wirtschaftszweig, macht er doch laut der spanischen Tageszeitung «El País» 30 Prozent des regionalen BIP aus. Trotzdem haben viele lokale Leistungsträger wie Restaurants und Bars nicht viel von den Besuchermassen. Ein Grossteil der Gäste logiert nämlich in All-inclusive-Hotels und nutzt die Angebote ausserhalb der Hotels kaum. So fliesst auch kaum Geld in die lokale Wirtschaft.

Das kritisieren nicht nur Restaurant- und Barbetreiber, sondern auch Fernando Clavijo, seit Anfang Juli Präsident der kanarischen Regionalregierung. Er fordert in einem Interview mit «El País», die Anzahl Touristen auf der Inselgruppe zu beschränken. Diese könne nur eine bestimmte Gästezahl vertragen, ohne langfristig Schaden zu nehmen. Wie die Gästezahl auf den Kanaren reduziert werden soll, sei noch zu definieren, so Clavijo. «Wir müssen eine Obergrenze festlegen, die es ermöglicht, respektvoll mit unserer Umwelt umzugehen und die Qualität zu wahren.»

Weniger Quantität, mehr Qualität

Die Ideen von eingeschränkten Touristenankünften stossen bei den Einwohnern der Kanaren auf gemischte Reaktionen. «Lanzarote verabscheut die Massen und setzt auf selektiven Tourismus – nicht wie auf Gran Canaria», schreibt ein Einheimischer im Onlineportal der kanarischen Tageszeitung «Canarias 7» und fährt fort: «Man muss den Tourismus limitieren, und zwar sofort.» Davon hält ein anderer Kommentator jedoch wenig. Er schlägt vor, eine Steuer pro Nacht und Person zu erheben – mit unterschiedlichen Beträgen, je nach Funktion und Kategorie der Unterkunft.

Viele Onlineleser von «El País» plädieren für mehr Qualität statt Quantität im kanarischen Tourismus. Einige bemängeln die Infrastruktur ausserhalb der Hotels: Die Strassen und Trottoirs seien in schlechtem Zustand, die Strände schmutzig und das Restaurant- und Barangebot sei mickrig. Da sei es kein Wunder, dass die Touristen lieber in ihren All-inclusive-Hotels blieben. Die Destinationen müssten sich vom billigen Sauftourismus, wie er an anderen Orten Spaniens gang und gäbe sei, verabschieden. Eine Festlandspanierin, die seit vielen Jahren zweimal jährlich auf die Kanaren reist, fühlt sich hingegen angegriffen ob der Einschränkungspläne des Präsidenten. Sie schreibt, er könne sich darauf verlassen, dass er jetzt einen freien Platz habe – weil sie nicht mehr auf die Inseln reisen werde.

Genug von den Touristenmassen haben auch andere spanische Destinationen wie die Baleareninseln Mallorca und Ibiza. Vor allem im Sommer sei die Aufnahmekapazität total erschöpft, sagt der balearische Vizepräsident Biel Barceló zu «El País». Zu den 1,1 Millionen Einwohnern gesellen sich pro Jahr 14 Millionen Touristen, 80 Prozent davon allein in den Sommermonaten. Barceló denkt laut über ein Touristenlimit nach. Ebenso will die beliebte Stadt Barcelona dem Massentourismus den Kampf ansagen. Laut der Bürgermeisterin will Barcelona «nicht wie Venedig enden». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.07.2015, 16:26 Uhr

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