«Weisheit und Kraft» für den «Falschmünzer»

Jetzt stellt sich selbst Roger Köppels «Weltwoche» hinter die Politik der Nationalbank. Das ist das bisher stärkste Zeichen einer dramatischen Kehrtwende in der Debatte über Währungsinterventionen.

Noch im Juli geisselte Köppels Weltwoche die «Geldvernichtungspolitik» des Nationalbank-Chefs: Philipp Hildebrand.

Noch im Juli geisselte Köppels Weltwoche die «Geldvernichtungspolitik» des Nationalbank-Chefs: Philipp Hildebrand. Bild: Keystone

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Auf keine Institution hat sich die «Weltwoche» in jüngster Zeit derart eingeschossen wie auf die Schweizer Nationalbank und ihren Präsidenten, Philipp Hildebrand: Er betreibe eine «Geldvernichtungspolitik», schrieb das Blatt noch diesen Juli. Als «Falschmünzer» betitelte ihn der SVP-Politiker Christoph Mörgeli in seiner regelmässigen Kolumne. Immer stellte das Blatt auch Hildebrands Qualifikation als Notenbankchef infrage, und Chefredaktor Roger Köppel leitete sogar im vergangenen Dezember ein Editorial mit der Frage ein: «Wer stoppt Philipp Hildebrand?» Ein Grund für die Kritik: die letztlich verlustreichen Interventionen der Nationalbank auf den Devisenmärkten vom Frühjahr 2010. «Man wirft gutes Geld nicht schlechtem hinterher» schrieb Roger Köppel in seinem Editorial im vergangenen Dezember.

Jetzt ist alles anders: «Lob der Nationalbank» steht auf der Titelseite der aktuellen «Weltwoche» und Chefredaktor Köppel braucht fast eine Seite seines Editorials, um zu begründen, warum auch er es jetzt für das Gebot der Stunde hält, den nach wie vor guten Franken jetzt doch dem noch deutlich schlechteren Euro hinterherzuwerfen. Nach all dem bisherigen Trommelfeuer gegen die SNB-Spitze wünscht Köppel den eben noch Angeschossenen «Weisheit und Kraft» bei ihren nächsten Schritten.

Zeichen für einen allgemeinen Wandel

Die radikale Wende der «Weltwoche» hat nur Bedeutung, weil sie für einen allgemeinen Wandel steht. Das Magazin ging zwar härter als alle anderen mit der SNB ins Gericht, aber damit drückte es nur die Haltung des eigenen ideologischen Hinterlandes aus, vor allem jene der SVP. Im Januar hat deren Spiritus Rector Christoph Blocher öffentlich erklärt, an der Stelle Hildebrands würde er zurücktreten. Für die Eurokäufe vom Frühjahr 2010 forderte die SVP sogar eine Untersuchung. Selbst über die Grenze der SVP hinaus bis zu den Spitzen der hiesigen Konzerne schoss man sich noch bis vor kurzem auf die SNB ein: «Man muss fragen, ob es zu den Zielen der Nationalbank gehört, Währungsschwankungen aufzufangen», erklärte zum Beispiel Daniel Vasella am 27. Januar dieses Jahres in einem «Blick»-Interview.

Jetzt hört man selbst von Christoph Blocher andere Töne: «Es ist fast wie ein Wirtschaftskrieg. Wenn Sie einen Krieg führen, müssen Sie alle Mittel einsetzen und Sie müssen gewinnen», sagte er gegenüber Radio DRS heute Mittag. Damit sicherte auch er der SNB seine Unterstützung für massive Deviseninterventionen zu. Im Fall einer deshalb steigenden Inflationsgefahr müsse die Politik der Notenbank Rückendeckung bieten, meinte er.

Für einen Meinungswechsel zur angesagten Geldpolitik der SNB gibt es allerdings gute Gründe: Ob der Euro zwischen 1.40 und 1.50 Franken kostet – wie im Frühjahr 2010 – oder zwischen 1.10 und 1 Franken wie jetzt, ist bei weitem nicht dasselbe. Während im ersten Fall noch umstritten ist, ob der Franken anfangs 2010 überbewertet war, stellt sich diese Frage bei den aktuellen Werten nicht mehr. Jetzt ist er es nach allen Massstäben und nach Meinung praktisch aller Experten.

Vier Stunden für ein Big-Mac-Menü arbeiten

Warum die Frage der richtigen Bewertung von Bedeutung ist, hat der Ökonom Ernst Baltensberger in einem Kommentar in der NZZ auf den Punkt gebracht. Interventionen der Nationalbank zur Schwächung der eigenen Währung haben weit mehr Erfolg, wenn deren Überbewertung unumstritten und extrem ist – wie jetzt. Man kann die Aufwertung des Frankens mit einer spekulativen Blase vergleichen. Wer die Währung kauft, weiss, dass sie fundamental – das heisst gemessen an der realen Kaufkraft – weit weniger Wert hat. Der Finanzblog «Zero Hedge» hat das vorgestern mit einem eingängigen Vergleich auf den Punkt gebracht: Ein Big-Mac-Menu in Zürich kostete in Dollar an diesem Tag 17,19 Dollar, wofür ein Beschäftigter im US-Bundesstaat Minnesota zum Mindestlohn vier Stunden lang arbeiten müsste. In der Schweiz arbeitet man dafür laut einer Berechnung der UBS nur eine Viertelstunde – wenn man den Durchschnittslohn aus 14 Berufen zur Berechnung heranzieht.

Die Überbewertung bedeutet – wie Baltensberger klarmacht –, dass die Investition in den «sicheren Hafen» Franken genau genommen alles andere als ein sicheres Geschäft ist. In diesem Fall hat eine Intervention durch die SNB viel mehr Feuerkraft. Denn sobald die Notenbank glaubhaft macht, dass sie so viele Franken wie nötig druckt, um die eigene Währung zu schwächen, werden Devisenhändler weit weniger dagegenhalten wollen, als wenn sie den Franken für korrekt bewertet halten.

Die Nachwirkungen des Trommelfeuers

Die Frage ist aber, ob die ans Trommelfeuer gegen die SNB gewöhnte Öffentlichkeit den radikalen Wechsel von der scharfen Ablehnung gegenüber Devisenmarktinterventionen zur Forderung, dass die Notenbank dies jetzt unbedingt tun soll, auch nachvollzieht und unterstützt. Denn zuvor hat kaum jemand damit argumentiert, dass Interventionen sinnlos seien, weil der Franken fair bewertet sei. Interventionen wurde generell eine Absage erteilt, ganz im Sinn der Wortwahl von Roger Köppel: «Gutes Geld wirft man nicht schlechtem hinterher.» Jetzt ist aber genau das nötig, um die industrielle Basis der Schweiz nicht aufs Spiel zu setzen.

Trotz der Kehrtwende selbst der scharfen SNB-Kritiker hat die Notenbank den Ruf bisher noch nicht erhört. Ihre bisher ergriffenen Massnahmen sind mehr symbolischer Natur, und es stellt sich die Frage, wieso sie trotz der Ermunterung dazu praktisch über das gesamte politische Spektrum hinweg noch nicht zuschlägt und in den Devisenmärkten interveniert. Eine Möglichkeit ist, dass im Präsidium darüber keine Einigkeit herrscht, eine weitere, dass sie jeden Augenblick damit losschlägt. Drittens ist auch möglich, dass sie durch die harsche Kritik an ihren Interventionen der Vergangenheit eine solche Aktion nicht mehr riskieren will. Denn wenn sie wieder schiefgeht, ist der Ruf des Präsidiums endgültig dahin.

Doch den riskieren die Notenbankchefs ohnehin. Denn wenn das SNB-Präsidium jetzt nach der eigenen Ankündigung von entschiedenen Schritten und all den Vorschusslorbeeren dafür durch die Politiker aller Couleur zu wenig tut und der Franken so stark bleibt, wie er ist, oder noch teurer wird, dann dürfte es um das Ansehen und die Glaubwürdigkeit des aktuellen SNB-Präsidiums geschehen sein. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.08.2011, 14:57 Uhr

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