Hintergrund

Wenn Geld parkieren Geld kostet

Austerität und Schuldenpolitik haben versagt. Immer häufiger kommen daher neue alte Ideen auf, seien es Mittel wie die Demurrage in den USA oder eine Parallelwährung in Finnland.

Schon im Mittelalter zahlte man eine Art Parkgebühr für gehortetes Geld: Parkuhr an der Zürcher Bahnhofstrasse im Rahmen der Initiative «Mobilität ist Kultur». (5. Juli 2003)

Schon im Mittelalter zahlte man eine Art Parkgebühr für gehortetes Geld: Parkuhr an der Zürcher Bahnhofstrasse im Rahmen der Initiative «Mobilität ist Kultur». (5. Juli 2003) Bild: Keystone

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Die Wirtschaftskrise hat den alten Religionskrieg in der Ökonomie neu entfacht: Es gibt die Vertreter einer bedingungslosen Austeritätspolitik, beispielsweise Wolfgang Schäuble und George Osborne, die beiden Finanzminister von Deutschland und Grossbritannien. Sie setzen bedingungslos auf Sparen um jeden Preis. Doch diese Politik hat bisher keine Erfolge vorzuweisen. Selbst der Internationale Währungsfonds ist davon abgerückt und warnt neuerdings vor übertriebenem Spareifer. Die Gegner der Austeritätspolitik machen zwar darauf aufmerksam, dass die Sparwut immer tiefer in einen deflationären Sumpf führt, können sich aber in der Praxis nicht durchsetzen. Zu gross ist die Angst vor Inflation und Chaos.

Gegner und Befürworter bekämpfen sich nicht nur mit religiösem Eifer, sie blockieren sich auch gegenseitig. Immer häufiger suchen Notenbanker und Wirtschaftspolitiker nach Alternativen, die ausserhalb dieses Schemas liegen. Die US-Notenbank und die Bank of England setzen seit Jahren auf das Quantitative Easing, will heissen: sie kaufen im grossen Stil Anleihen auf und drücken damit die Zinsen. Das billige Geld soll die Wirtschaft ankurbeln.

Finanzielle Repression bis 2014

Quantitative Easing allein genügt nicht. Daher greifen die Notenbanken immer häufiger zum Mittel der finanziellen Repression. Das bedeutet, dass die Notenbanken die Zinsen bewusst unter die Inflation drücken, und das über längere Zeit. Fed-Präsident Ben Bernanke hat öffentlich erklärt, dass er eine solche Politik bis mindestens ins Jahr 2014 durchhalten will. Das heisst konkret: Wer spart, der wird bestraft, denn wenn die Zinsen tiefer als die Inflation sind, dann heisst dies real, dass die Zinsen in den negativen Bereich gerutscht sind.

Bernanke greift damit auf ein uraltes Rezept zurück, die Demurrage. Sie wurde schon im Mittelalter praktiziert. Wer damals Geld hortete, wurde dafür nicht mit Zinsen belohnt, sondern musste eine Art Parkgebühr dafür entrichten, eben diese Demurrage. Damit war dieses Geld nach einem Jahr weniger, nicht mehr wert. Diese Idee wurde im 20. Jahrhundert von der Freigeld-Bewegung wieder aufgegriffen. Silvio Gesell konzipierte ein «Geld, das rostet» mit der Begründung: Wenn Geld rostet, dann zirkuliert es rasch und stimuliert die Wirtschaft. Damit werden Beschäftigung und Wohlstand geschaffen.

Parallelwährung als Zweitwohnung neben dem Eurohaus

In Finnland wird gemäss «Financial Times» derzeit die Einführung einer Parallelwährung diskutiert. Die Bank Nordea hat eine Studie vorgestellt, wie ein solches System funktionieren könnte. Parallel zum Euro könnten die Finnen in ihrer Heimat wieder die Markka verwenden. Die neue Währung würde sich zum Euro in einem Kurs von 1:1 bewegen. Es wäre somit ein bisschen wie bei Pepsi und Coca Cola, die Konsumenten hätten die Wahl zwischen zwei gleichwertigen Produkten. Doch gleichzeitig würde den Finnen auch die Angst genommen, dass bei einem Crash des Euro und einer möglichen Hyperinflation ihr Vermögen zerstört würde. Die Markka wäre dann eine Art Zweitwohnung für den Fall, dass das Eurohaus abbrennt. Gleichzeitig würde eine solche Parallelwährung auch den Binnenmarkt ankurbeln, denn sie kann nur innerhalb der finnischen Landesgrenzen verwendet werden.

Dass Finnland eine Parallelwährung überhaupt in Erwägung zieht, ist ungewöhnlich. Es gehört schliesslich zum reichen Norden im Euroland. Parallelwährungen sind eher ein Mittel, zu dem arme Staaten greifen. Auch in Griechenland wäre eine Wiedereinführung der Drachme neben dem Euro eine Option, allerdings zu einem deutlich niedrigeren Kurs. Damit wäre es Griechenland möglich, abzuwerten und damit das bestehende Ungleichgewicht zum Euro zu kompensieren. Bisher ist das nur mit einer «inneren Abwertung» möglich, einer drastischen Kürzung von Löhnen und Renten.

Ein grosses Risiko im Zeitalter der Globalisierung

Mit einer Parallelwährung würden die bisher in das Korsett einer Einheitswährung gezwängten Mitglieder von Euroland wieder grössere Flexibilität ihrer Geldpolitik zurückgewinnen und den Binnenmarkt stärken. Doch sie würden sich auch ein neues Problem einhandeln. Die Parallelwährungen wären nicht unter dem Dach der Europäischen Zentralbank und im Krisenfall wäre niemand für sie zuständig. Um ein totales Währungschaos zu verhindern, müssten zudem rigide Kapitalkontrollen wieder eingeführt werden. Im Zeitalter der Globalisierung will vorläufig noch niemand dieses Risiko eingehen.

Erstellt: 26.10.2012, 15:20 Uhr

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