Interview

«Wer im Mai Griechen-Bonds kaufte, macht jetzt ein super Geschäft»

Griechenland gibt Investoren bis zum Freitag Zeit, ihre Anleihen einzutauschen. Wem nützt diese Umtauschaktion? Und wie geht es danach weiter? Antworten vom Kreditanalysten Thomas Wacker.

Dann soll das Geld an Griechenland ausgezahlt werden: Hilfspakete 1 und 2 der Troika.


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Wacker, wird Griechenlands Schuldenrückkaufprogramm ein Erfolg?
Die Bedingungen waren nicht optimal, das Ganze geschah extrem kurzfristig. Bis Freitag müssen die Gebote vorliegen – wenn ein Investor diese Woche in den Ferien ist, kann er also nicht mitmachen.

Griechenlands Staat ist dringend auf Geld angewiesen …
… und dieses Programm ist der Weg des geringsten Widerstands, um es zu erhalten. Den privaten Gläubigern wurde nun ein mehr oder weniger grosszügiges Angebot gemacht. Trotz der sportlichen Frist dürften also genügend von ihnen mitmachen. Jetzt erhält Griechenland frisches Geld von Europa, das auf diese Weise selbst um einen Schuldenschnitt herumkommt.

Das Programm wurde in der Presse heftig kritisiert. Gewinnen die Falschen?
Das ist Ansichtssache. Wer in der Zeit seit dem ersten Schuldenschnitt im März eingestiegen ist, macht jetzt einen Gewinn. Damals hatten die Papiere einen Marktwert von rund 25 Prozent. Beim heutigen Angebot an die Gläubiger reicht die Bandbreite von 30 bis 40 Prozent. Das ist der höchste Stand seit März.

Ende Mai waren die Bonds sogar zu 14 Prozent zu kaufen.
Wie gesagt: Wer damals kaufte, macht jetzt ein super Geschäft. Viele der Banken besassen die Anleihen allerdings schon vor dem ersten Schuldenschnitt im März. Gegenüber dem grossen Verlust, den sie damals verbuchen mussten – es waren rund 75 Prozent – können sie jetzt wieder einen kleinen Gewinn realisieren.

Es heisst, Spekulanten seien die Hauptnutzniesser der ganzen Geschichte.
Teilweise mögen diese Gerüchte stimmen, aber es gibt einfach keine verlässlichen Zahlen. Was man weiss, ist, dass griechische Banken rund 15 von 62 Milliarden Euro ausstehender Umtauschbonds halten. Bei Griechenlands Pensionsfonds sollen es 8 Milliarden sein. Bei Hedgefonds ist die Rede von 22 Milliarden Euro – aber ob das stimmt, weiss niemand.

Werden Griechenlands Banken durch das Programm entlastet?
Das Umtauschprogramm trägt nur einen kleinen Teil zur Erholung bei. Griechenlands Banken sind seit dem Schuldenschnitt im März unterkapitalisiert. Die Löcher – man bezifferte den Bedarf damals auf 50 Milliarden Euro – wurden im April nur zur Hälfte mit einer ersten EFSF-Tranche gefüllt. Mit der nächsten Hilfstranche, die Griechenland nun erhält, soll dieses Problem definitiv behoben werden: Von den 44 Milliarden Euro aus dem EFSF sind etwa 25 Milliarden zur Rekapitalisierung der Banken bestimmt.

Macht Europa das eigentlich alles, um die eigenen Banken zu schützen?
Einerseits nimmt man mit dem jetzigen Umtausch den Gläubigern, die im März einem Schuldenschnitt zugestimmt hatten, die Aufholchance weg. Es wäre ja möglich, dass die Papiere von den ursprünglichen 25 Prozent Wert, die sie im März hatten, über die Zeit wieder in Richtung von 100 Prozent gehen. Zum anderen ist klar: Wer jetzt nicht verkauft, riskiert künftig weitere Einbussen.

Was macht Sie da so sicher?
Griechenlands Haushalt wird durch diese Umtauschaktion noch lange nicht auf einen nachhaltigen Kurs gebracht. Es wird sicher weitere Schuldenschnitte brauchen. Doch in Zukunft werden die Privatgläubiger noch schwächer vertreten sein – bereits heute schuldet Griechenland ja nur noch rund 70 von 320 Milliarden Euro dem Privatsektor. Wenn nun nochmals fast die Hälfte davon wegfällt, bleiben praktisch nur noch offizielle Gläubiger wie die EZB, der IWF oder andere Euroländer übrig.

Und die werden sich stärker gegen einen Schuldenschnitt wehren.
Wenn der offizielle Sektor einen Teil der Schulden streicht, so geht das eins zu eins zu Lasten der Steuerzahler. Solche Nachrichten überbringt kein Politiker gern der Öffentlichkeit. In zukünftigen Verhandlungen – und solche wird es geben müssen – sitzen die wenigen verbleibenden Privatgläubiger an einem noch schwächeren Hebel als heute.

Was passiert dann?
Man wird im nächsten Schnitt wohl weniger zimperlich sein – auch, weil das nationale Interesse dann wegfällt. Wenn nun praktisch alle inländischen Gläubiger ihre Anleihen verkaufen, bleiben nur noch ausländische Privatgläubiger übrig. Diese auszupressen, fällt dann leichter, als den Steuerzahlern Verluste aufzubürden. Griechenland wird noch mehrere Restrukturierungen durchführen müssen – wahrscheinlich geschieht das häppchenweise im Verlauf der nächsten Jahre.

Der Spuk ist also noch nicht vorbei.
Niemand kann heute mehr behaupten, er habe nicht gewusst, dass Griechenland eine hochriskante Anlage ist. Jetzt griechische Anleihen zu kaufen und zu hoffen, dass man in zwanzig oder dreissig Jahren den vollen Nennwert zurückerhält, das ist reines Glücksspiel. Gut möglich, dass es nächstes Jahr eine weitere Rückkaufaktion gibt – vielleicht sogar zu schlechteren Bedingungen als heute.

Wird es weitere Finanzlücken geben?
Davon bin ich überzeugt. Die wirtschaftlichen Annahmen der Troika sind nach wie vor viel zu optimistisch. Wenn bereits im Frühling – das heisst, vor der deutschen Bundestagswahl im Herbst – Lücken auftauchen, wird man sich wieder eine ähnliche Lösung wie jetzt ausdenken müssen. Die Spiele, die man in der Vergangenheit gespielt hat – Laufzeitverlängerungen, Couponkürzungen – sind bereits ausgeschöpft. Europa gibt die Kredite an Griechenland bereits fast eins zu eins zu den eigenen Finanzierungskosten weiter.

Angela Merkel spricht davon, Griechenland 2014 oder 2015 Teile der Schulden zu erlassen.
Das wird man zwingend tun müssen – egal ob Griechenland, wie von Merkel gefordert, bis dahin einen Überschuss erzielen kann. Griechenland wird das Jahr mit einer Schuldenquote von 175 Prozent des BIP beenden, nächstes Jahr werden es 180 Prozent oder mehr sein. Das ist weit jenseits der Schuld, die ein Land tragen kann.

Warum ist der Plan der Troika derart unrealistisch?
Man tut so, als könne man gleichzeitig hohe Haushaltsüberschüsse erzeugen – das heisst, sparen – und gleichzeitig kräftig wachsen. Doch die zwei Dinge schliessen sich gegenseitig aus – zumindest solange man keine eigene Währung hat, die man deutlich abwerten kann. Die Pläne beinhalten einen Primärüberschuss von drei bis vier Prozent am BIP: Solche Zahlen haben z. B. Frankreich und Deutschland in den letzten zwei Jahrzehnten selbst niemals erreicht.

Der grosse Schuldenschnitt ist also unvermeidlich.
Angela Merkels Strategie wird sein, nur häppchenweise Schulden zu streichen. Sonst lässt sich der Reformdruck auf Griechenland nicht aufrecht erhalten. Auch wenn er Griechenland auf einen nachhaltigen Schuldenpfad führen könnte, so wäre ein baldiger, grosser Schuldenschnitt doch ein Fehler und würde den Regierungen der Krisenländer falsche Anreize vermitteln. Europa wird das Land über die nächsten Jahre weiterhin in Abhängigkeit halten – so unbefriedigend die Situation für alle Beteiligten auch ist.

Wie lange kann diese Schuldenschnittchentaktik dauern?
Meiner Einschätzung nach mindestens zehn weitere Jahre. Für die europäischen Länder geht es einfach um zu viel Geld. Beim Schuldenschnitt, den es eigentlich bräuchte, würde Deutschland allein etwa auf 37 Milliarden Euro verzichten. Für Italien wären es 24 Milliarden, für Spanien 16 Milliarden. Die Krisenländer können sich das im Moment schlicht nicht leisten. Wenn es irgendwann wieder besser läuft – vielleicht in zwanzig Jahren – wird die Schuld dann wohl an irgendeinem Gipfeltreffen ohne grossen Aufruhr gestrichen.

Erstellt: 05.12.2012, 12:06 Uhr

Bild

Der Überlebenskampf geht weiter: Passanten in Athen. (Bild: Keystone )

Zur Person

Thomas Wacker ist Leiter des Credit Research bei der UBS. Er arbeitet seit acht Jahren für die Grossbank.

Der Wert einer Anleihe

Anleihen werden von Unternehmen oder Staaten ausgegeben, um Fremdkapital aufzunehmen. Sie verbriefen einen Rückzahlungsanspruch und Zinszahlungen in bestimmter Höhe als Entgelt für die Überlassung des Kapitals.

Anleihen werden auch Obligationen oder Bonds genannt. Verschiedene Anleihen unterscheiden sich durch Laufzeiten, den Währungen, in denen sie erworben und zurückgezahlt werden sowie der Art und Höhe der vom Schuldner zu erbringenden Verzinsung.

Anleihen von Staaten werden zumeist an der Börse gehandelt. Der Kurs einer Anleihe wird in Prozent des Nominalwerts angegeben. Handelt eine Anleihe beispielsweise zu 105 Prozent, so muss der Käufer für einen Nominalwert von 1000 Euro 1050 Franken bezahlen.

Das Schuldenrückkaufprogramm

Griechenland hat am Montag das Angebot für seinen geplanten Schuldenrückkauf vorgelegt. Private Investoren, die Staatspapiere mit langen Laufzeiten halten, können diese jetzt loswerden - allerdings zu einem Bruchteil des ursprünglichen Werts. Geboten werden je nach Laufzeit der Anleihe (diese reichen von 2023 bis 2042) zwischen 30.2 bis 40.1 Prozent des Nennwerts.

Die Offerte endet am kommenden Freitagnachmittag. Griechenland will für bis zu 10 Milliarden Euro Papiere zurückkaufen, um damit seine Schulden um ein Vielfaches dieser Summe zu verringern. Die Mittel dafür kommen von den internationalen Geldgebern.

Die Kurse von griechischen Anleihen reagierten mit massiven Gewinnen auf die Offerte. Griechenland würde sich nach Schätzungen von Experten im besten Fall einer Schuldenlast von bis zu 30 Milliarden Euro entledigen. Es gilt als sicher, dass Griechenlands Finanzinstitute, die rund 15 Milliarden Euro halten, an dem Rückkaufprogramm teilnehmen werden.

Artikel zum Thema

Wie Griechenland 30 Milliarden Schulden loswerden will

Athen hat Einzelheiten zum Schuldenrückkauf bekannt gegeben. Die Halter von Staatspapieren sollen 30 bis 40 Prozent des ursprünglichen Wertes erhalten. Schlechte Nachrichten gibt es von der Notenbank. Mehr...

«Regierung sagt permanent die Unwahrheit»

In Deutschland versucht die Opposition aus der aufgestockten Griechenland-Hilfe Kapital zu schlagen. SPD-Vertreter, darunter Kanzlerkandidat Peer Steinbrück, greifen Angela Merkel an. Mehr...

«22 Milliarden Euro Schulden werden vertuscht»

Bei den Ausgaben für die Griechenland-Rettung werde getrickst und schöngefärbt, sagen deutsche Politiker. Sie warnen den Steuerzahler: Er müsse für Kosten in Milliardenhöhe aufkommen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Blogs

Mamablog Mein Zauber, Mamas Stress

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Gespenstische Stimmung: Ein Vogel fliegt während des letzten Vollmondes des Jahres über den Statuen der Katholischen Hofkirche in Dresden. (12. Dezember 2019)
(Bild: Filip Singer) Mehr...