Weshalb «Islamic Banking» kein Goldesel wurde

Mit islamischen Fonds und Anlageprodukten hofften westliche Banken Traumrenditen zu erzielen. Doch der erwartete schnelle Erfolg blieb aus. Auch Schweizer Banken sprangen auf den Zug auf.

Bei vielen westlichen Banken läuft das islamische Bankgeschäft nur noch auf Sparflamme: Händler an der Börse von Bahrain. (Archivbild)

Bei vielen westlichen Banken läuft das islamische Bankgeschäft nur noch auf Sparflamme: Händler an der Börse von Bahrain. (Archivbild) Bild: Keystone

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Vor einigen Jahren galten sogenannte islamische Finanzprodukte noch als grosser Zukunftsmarkt im Finanzsektor. Die Banken versprachen sich grosse Zuflüsse von Neugeld von muslimischen Kunden, die ihr Geld nach den Regeln des islamischen Rechts anlegen wollen.

Auch Schweizer Banken sprangen auf den Zug des «Islamic Banking» auf. Sowohl die UBS als auch die Credit Suisse legten Fonds auf, bei denen das Geld der Kunden ausschliesslich in Scharia-konforme Investments angelegt wurde. Inzwischen haben die Grossbanken diese Fonds wieder geschlossen. Die Euphorie rund um islamische Finanzprodukte ist verflogen. Nach einem Boom nach der Jahrtausendwende schwächte sich das Wachstum des Marktes ab. Und viele westliche Institute verloren das Interesse am orientalischen Bankwesen.

Auch die meisten Schweizer Banken betreiben das islamische Bankgeschäft nur noch auf Sparflamme. Interessierten Kunden bieten sie entsprechende Produkte zwar an, kaufen diese aber meist bei externen Anbietern ein. Man sehe sich als Nischenanbieter im Markt, teilt die CS auf Anfrage mit. Bei der Konkurrentin UBS tönt es ähnlich.

Fehlende Geduld

Stefan Leins, Ethnologe und Spezialist für islamisches Finanzwesen, sieht zwei Gründe dafür, dass die Schweizer Banken nicht mehr auf Scharia-konforme Finanzprodukte setzen. Einerseits seien im Zuge der Finanzkrise die Ressourcen bei den Banken knapp geworden, erklärt Leins. Das Geld für Expansionen in neue Geschäftsfelder fehle.

«Andererseits hat sich ganz einfach der gewünschte Erfolg nicht eingestellt», sagt Leins. Viele Banken hätten islamische Finanzprodukte als «Goldesel» gesehen, mit denen sich schnell viel Geld verdienen lasse. «Möglicherweise hat einfach die Geduld gefehlt.» Weiterhin stark auf muslimische Kunden setzt die Privatbank Sarasin. Sie ist nach eigenen Angaben die Schweizer Bank mit dem umfassendsten Angebot an eigenen islamischen Finanzprodukten.

Fares Mourad, der Leiter des Islamic Wealth Managements bei Sarasin, glaubt, dass die Sparte weiteres Wachstumspotenzial hat. Dies umso mehr, als Regierungen in Ländern wie Tunesien oder Ägypten im Zuge des arabischen Frühlings neue gesetzliche Rahmenbedingungen für das islamische Finanzwesen erlassen hätten. Das sei «ein starkes Signal dafür, dass Islamic Finance künftig an Bedeutung gewinnen wird», sagt Mourad.

«Wettbewerbsvorteile besser nutzen»

Laut Philipp Wackerbeck vom Beratungsunternehmen Booz & Company haben die politischen Umbrüche in den arabischen Ländern auch dazu geführt, dass Vermögende in diesen Staaten ihr Geld vermehrt im Ausland anlegen. Das erhöhe die Attraktivität islamischer Finanzprodukte für Finanzplätze im Westen.

«Gerade für Schweizer Banken bietet das islamische Finanzwesen grosses Potenzial», ist Wackerbeck überzeugt. Denn die Nachfrage komme vor allem von sehr wohlhabenden Kunden, auf die die Vermögensverwaltung hierzulande traditionell zugeschnitten ist.

Zudem geniesse der helvetische Bankenplatz in der islamischen Welt einen ausgezeichneten Ruf. Die wenigsten Institute nutzten allerdings die Chancen des Marktes, findet Wackerbeck. «Die Schweizer Banken müssten ihre Wettbewerbsvorteile besser nutzen.»

Stefan Leins ist skeptischer. Zwar sieht auch er das islamische Finanzwesen als zukunftsträchtiges Geschäftsfeld. «Der Markt wird noch massiv wachsen», ist er überzeugt. «Die Frage ist nur, wer das Potenzial abschöpfen wird.»

Und hier haben nach Einschätzung von Leins nicht Schweizer Banken die besten Karten, sondern eher lokale Institute, die ganz auf Scharia-konformes Banking ausgerichtet sind. «Oft bevorzugen wohlhabende arabische Kunden ein islamisches Konto bei einer regionalen Bank und daneben ein ganz konventionelles Konto in der Schweiz.»

Von den Prinzipien des islamischen Finanzwesens könnte aber auch der Schweizer Finanzplatz lernen, glaubt Leins. Der grösste Vorteil liege in der doppelten Aufsicht. «Finanzprodukte werden nicht nur nach ökonomischen Kriterien beurteilt, sondern auch nach ethischen Gesichtspunkten.» Dieses Prinzip sei inzwischen von einigen Finanzinstituten übernommen worden – etwa bei Anlagefonds, deren Anlagestrategie nach ökologischen oder ethischen Aspekten ausgerichtet ist. (kpn/sda)

Erstellt: 05.04.2013, 13:32 Uhr

Investieren nach strengen Regeln

Um mit den Grundsätzen des Islam vereinbar zu sein, müssen Finanzprodukte strenge Regeln einhalten, die von islamischen Gelehrten festgelegt und überprüft werden. Die wohl einschneidendste davon: Banken dürfen weder Zinsen verlangen noch bezahlen.

Um Investoren dennoch für ihr Risiko entschädigen zu können, wurden im Laufe der Zeit Instrumente entwickelt, die das Zinsverbot umgehen.

Kein Brauerei-Aktien

Bei einem sogenannten Murabaha beispielsweise kauft die Bank einen Sachwert für einen bestimmten Betrag ein und verkauft diesen mit einem Gewinnzuschlag weiter an den Kunden. Dieser zahlt den Betrag plus Gewinnzuschlag über die gesamte Laufzeit in Raten zurück. «Vom Effekt her entspricht das einem Zins», sagt Philipp Wackerbeck vom Beratungsunternehmen Booz & Company.

Darüber hinaus sind auch die Investmentmöglichkeiten eingeschränkt. So darf ein Scharia-konformer Fonds nicht in Aktien von Bierbrauereien oder Waffenherstellern investieren. Auch konventionelle Banken sind – da sie Zinsen verlangen – als Anlageziel tabu. Ebenfalls verboten sind beispielsweise Leerverkäufe und Optionen. Zudem dürfen Unternehmen, in die investiert wird, nicht zu stark verschuldet sein.

Aufgrund dieser Eigenschaften hat das islamische Finanzwesen den Ruf, weniger risikobehaftet zu sein als das westliche. Das sei jedoch ein Mythos, findet Stefan Leins, Spezialist für islamische Finanzprodukte. «Dass die islamische Finanzwirtschaft krisensicherer ist, stimmt so nicht», sagt er. Die vermeintlich strengen Regeln hinderten islamische Banken nicht daran, genauso risikoreich zu handeln wie Institute in Zürich oder New York. (sda)

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