Weshalb die Kaufkraft der Schweizer Haushalte stagniert

Trotz guter Wirtschaftslage und zunehmender Beschäftigung sind die Realeinkommen nur minimal gestiegen. Die Gründe.

Steigt die Produktivität, steigen die Löhne: Elektriker bei der Arbeit. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Steigt die Produktivität, steigen die Löhne: Elektriker bei der Arbeit. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Für die meisten Arbeitnehmenden endete die jüngste Lohnrunde mit einem Déjà-vu: Unter Berücksichtigung der letztjährigen Teuerungsrate von 0,9 Prozent sind die Realeinkommen auf Anfang 2019 nicht oder nur minimal gestiegen. Gleiches war den Beschäftigten schon ein Jahr zuvor widerfahren, indem die geringen Nominallohnzuwächse ebenfalls durch die Preissteigerungen weggefressen wurden. Somit stagniert die Kaufkraft vieler Privathaushalte hierzulande seit zwei Jahren – trotz erfreulicher Konjunkturlage und zunehmender Beschäftigung.

Wie kann das sein? Die Arbeitgeber sehen den Hauptgrund für die schwachen Lohnerhöhungen im bescheidenen Produktivitätswachstum der heimischen Wirtschaft. «Dadurch sind die Spielräume in den Lohnverhand­lungen limitiert», sagt Simon Wey, Arbeitsmarktökonom beim Schweizerischen Arbeitgeberverband. Seit der Finanzkrise von 2008/09, so Wey, habe sich die Entwicklung der Arbeitsproduktivität verlangsamt. Das heisst: Bei gleicher Zahl an Arbeitsstunden ist der Zuwachs des Produktionsausstosses immer kleiner geworden.

Etwas zynisch formuliert, waren die Beschäftigten die Nutzniesser des Frankenschocks.

Das rückläufige Produktivitätswachstum ist nicht etwa auf die Schweiz begrenzt, sondern ein weltweit zu beobachtender Trend. Die Folgen bekommen wir alle zu spüren. Denn auf Dauer wachsen die Löhne im Gleichschritt mit der Arbeitsproduktivität, oder wie es Michael Siegenthaler, Arbeitsmarktexperte beim Konjunkturforschungsinstitut an der ETH Zürich, ausdrückt: «Die Arbeitsproduktivität ist langfristig der bei weitem wichtigste Treiber des Lohnwachstums.»

Schweiz als Sonderfall

Angesichts der kleinen Produktivitätsfortschritte in den letzten Jahren überraschen die geringen Nominallohnerhöhungen also kaum. Hierzulande sind die Arbeitnehmenden im internationalen Vergleich sogar merklich besser gefahren. Haben doch die Löhne im Ausland vielerorts weniger stark zugelegt als die Produktivität – ein Ausfluss der Produktionsverlagerungen in Tieflohnländer und der Rezession im Nachgang zur Finanzkrise. In der Folge sank dort die Lohnquote, also der Anteil der Arbeitseinkommen an der gesamtwirtschaftlichen Leistung.

Gemäss Marco Salvi, Arbeitsmarktexperte bei der Denkfabrik Avenir Suisse, verzeichneten etwa zwei Drittel der Länder in der entwickelten Welt rückläufige Lohnquoten; in den USA und in Grossbritannien war der Rückgang ausgeprägt. «Die Schweiz ist ein Sonderfall», so Salvi, «sie gehört zu den wenigen Ländern, wo die Löhne ihr Stück am gesamtwirtschaftlichen Kuchen bis 2017 vergrössert haben.»

Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, stimmt zu: «Wir konnten unseren Anteil am Kuchen zumindest halten. Aus gewerkschaftlicher Sicht darf sich diese Bilanz sicher sehen lassen.» Doch schränkt er sogleich ein: «In den letzten beiden Lohnrunden ist es umgekehrt gelaufen, mit ihrem Ausgang können wir gar nicht zufrieden sein.»

Schon 2012 vergrösserte sich der Kuchen

Wie ist die Schweizer Ausnahmestellung zu erklären, weshalb konnte sich die hiesige Lohnquote der verbreiteten Abwärtstendenz entziehen? Grossen Anteil daran hatte die Stärke des Frankens ab 2011 unter dem Eindruck der Euroschuldenkrise. Der harte Franken führte zu drastisch sinkenden Importpreisen, weshalb die Schweiz im Zeitraum von 2012 bis 2016 keine oder eine negative Teuerung verzeichnete. Für die Arbeitnehmenden hatte dies den angenehmen Effekt, dass ihre Reallohnerhöhungen stärker ausfielen als die von den Sozialpartnern ausgehandelten Nominallohnabschlüsse.

Diese Entwicklung erreichte ihren Höhepunkt 2015, dem Jahr des «Frankenschocks», nachdem der Euromindestkurs weggefallen war: Aus einem durchschnittlich 0,4-prozentigen Anstieg der Nominallöhne und einer negativen Jahresteuerung von 1,1 Prozent resultierte eine Stärkung der realen Kaufkraft um 1,5 Prozent. Gleichzeitig sank 2015 die Arbeitsproduktivität im Vergleich zum Vorjahr um 1,1 Prozent, wie Zahlen des Bundesamts für Statistik zu entnehmen ist. Im Jahr darauf lag die Reallohnsteigerung (1,1 Prozent) erneut über der Produktivitätsentwicklung (+0,2 Prozent).

Etwas zynisch formuliert, waren die Beschäftigten die Nutzniesser des Frankenschocks – jedenfalls jene, die 2015/16 nicht die Stelle verloren und auch nicht mehr Arbeitsstunden bei gleichem Lohn leisten mussten. In diesen zwei Jahren ist die Lohnquote in der Schweiz fühlbar gestiegen. Gleiches lässt sich in den Jahren 2011/12 beobachten, als die Euroschuldenkrise am ausgeprägtesten war. Auch damals hatten die Arbeitnehmenden ihr Stück am gesamtwirtschaftlichen Kuchen vergrössern können (wobei 2013/14 eine leichte Gegenbewegung einsetzte).

2011/12 wie auch 2015/16 war die Frankenaufwertung die treibende Kraft zugunsten der Arbeitseinkommen und zulasten der Unternehmer- respektive Kapitaleinkommen. «Die Unternehmen haben zwar restrukturiert, automatisiert und gewisse Produktionen und Bereiche ins Ausland verlagert, um den währungsbedingten Verlust an Wettbewerbsfähigkeit aufzufangen», sagt Michael Siegenthaler von der Konjunkturforschungsstelle an der ETH Zürich. Zu Entlassungen in grösserem Ausmass sei es aber nicht gekommen, denn «die Arbeitgeber sind auf ihre Mitarbeitenden als Know-how-Träger angewiesen». Siegenthaler spricht in dem Zusammenhang von einem «Horten» von Beschäftigten.

Reservepolster erneuern

Marco Salvi von Avenir Suisse argumentiert mit ähnlicher Stossrichtung: «Das hohe Qualifikationsniveau unserer Bevölkerung könnte ein Grund sein, weshalb sich die Lohnquote hierzulande stabil hält.» Offenbar habe die Schweiz eine Nische in der Herstellung von Gütern im qualitativ hochwertigsten Segment gefunden – entsprechend gesucht seien die hierfür erforderlichen Arbeitskräfte, ergänzt der Avenir-Suisse-Vertreter.

Das «Horten» von Mitarbeitenden – um den Ausstoss in besseren Zeiten rasch wieder hochzufahren – hat zur Folge, dass die Arbeitsproduktivität in rezessiven Phasen stark sinkt. Diese wies denn im Rückblick auf die letzten zehn Jahre weitaus höhere zyklische Schwankungen auf als die Nominallöhne, die in einer relativ engen Bandbreite von 0,4 bis 1 Prozent pro Jahr gestiegen sind. Anders formuliert: Die Arbeitgeber haben das Auf und Ab ihrer Erträge überwiegend auf eigene Kosten abgefedert, indem sie eher Einbussen bei den Gewinnmargen hinnahmen, als die Arbeitskosten über Entlassungen zu senken.

Ältere Arbeitnehmende kommen schlechter weg

Die Folgen dieser Politik hätten sich in den zurückliegenden Jahren gezeigt, führt Simon Wey vom Arbeitgeberverband aus. Die Firmen hätten ihre Investitionen und Ausgaben für Forschung und Entwicklung einschränken müssen. «Für die Arbeitgeber ist es in den letzten Lohnrunden vorab darum gegangen, den Nachholbedarf bei den Investitionen zu decken und die nach der Frankenaufwertung aufgezehrten Reservepolster wieder aufzubauen», sagt Wey.

Daniel Lampart anerkennt, dass «der Verhandlungsspielraum in einzelnen Firmen wegen des Margendrucks nicht so gross war». Zugleich streicht der Chefökonom des Gewerkschaftsbundes aber die «Verteilungsproblematik» heraus. Dies einmal mit Blick auf die Teuerung, die sich seit zwei Jahren um 1 Prozent herum bewege – und «den Leuten unter Einbezug der Krankenkassenprämien noch viel mehr zu schaffen macht». Zum andern verweist Lampart auf die älteren Beschäftigten: Sie kämen bei den zunehmend individuell gewährten Lohnerhöhungen schlechter weg als jüngere. «Der Aufschwung», fordert der Gewerkschafter, «muss endlich bei allen ankommen.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 06.02.2019, 11:32 Uhr

Artikel zum Thema

Europapremiere: Schweizer Velokuriere erhalten GAV

Velokuriere haben in Bern den ersten Gesamtarbeitsvertrag unterzeichnet. Auch europaweit ist das eine Premiere. Mehr...

Vier Millionen pendeln zur Arbeit

Die Schweiz ist ein Volk von Pendlern. Das untermauert die neuste Statistik des Bundes. Mehr...

Diese Angestellten könnten beim Umziehen Geld verdienen

Gilt die Umkleidezeit als Arbeitszeit oder nicht? Darüber streiten Zürcher Spitäler und die Gewerkschaft VPOD. Was in anderen Berufen gilt. Mehr...

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

In luftiger Höhe: Ein Paraglider schwebt bei traumhaftem Wetter im Oberallgäu am Mond vorbei. (16. Februar 2019)
(Bild: Filip Singer) Mehr...