Hintergrund

Wie Banker zu Datendieben werden

Das Arbeitsklima in der Bankbranche sei rauer geworden, die Stimmung vielerorts miserabel, sagen Personalvertreter. Doch das treibende Motiv für Datenklau ist offenbar nicht Frust, sondern Gier.

Unterwegs für die Bank oder nur noch in eigener Sache? Bankangestellte überqueren den Paradeplatz Zürich.

Unterwegs für die Bank oder nur noch in eigener Sache? Bankangestellte überqueren den Paradeplatz Zürich. Bild: Dominique Meienberg

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Mit dem Datenklau bei der Liechtensteiner LGT Bank beging der Ex-Bankangestellte Heinrich Kieber 2007 einen Tabubruch, der entsprechend viel Staub aufwirbelte. Heute ruft die Nachricht, wonach deutsche Staatsanwälte eine neue CD mit Schweizer Bankkundendaten gekauft haben, kaum mehr als ein Schulterzucken hervor, und wie «Der Spiegel» schreibt, «haben sich beim Geschäft mit den Steuer-CDs Alltag und Routine eingestellt».

Das Bundesland Nordrhein-Westfalen hat in jüngerer Zeit allein vier Datenträger zum Preis von 9 Millionen Euro erworben. Dabei soll es sich gemäss «Süddeutscher Zeitung» nur um eine Auslese gehandelt haben. NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans sagte denn dieser Tage in einem Zeitungsinterview: «Nach allem, was ich höre, gibt es noch weiteres hochwertiges Datenmaterial, das gekauft werden könnte.»

Raueres Arbeitsklima

Gekauft von Beschäftigten hiesiger Banken, die sich mit diesem Geschäft nicht nur illoyal gegenüber ihrem Arbeitgeber verhalten, sondern auch eine kriminelle Handlung begehen. Auch wenn Politiker und Steuerfahnder in Deutschland alles Interesse daran haben, den Datenklau in Schweizer Finanzinstituten hochzuspielen, drängen sich Fragen auf: Wie kommt es, dass sich Angestellte dazu hinreissen lassen? Ist deren Verdruss und Frustration inzwischen so hoch? Oder lockt einfach die Aussicht, ein paar Millionen dazuzuverdienen, zumal die Boni ja nicht mehr so reichlich sprudeln?

Einig sind sich alle Gesprächspartner darin, dass das Arbeitsklima in den Banken, die ihre Beschäftigten während langer Zeit verwöhnt hätten, deutlich rauer geworden sei. Zudem befinde sich die Branche mitten in einem tiefgreifenden Wandel, dem längst nicht alle Mitarbeitenden folgen können. Denise Chervet, Zentralsekretärin des Schweizerischen Bankpersonalverbandes, spricht von einer «vielerorts miserablen Stimmung», die durch die Angst vor Entlassungen geschürt werde. Dies schaffe ein Klima, in dem «jeder nur noch für sich und seine Interessen schaut».

Auch Barbara Gisi, stellvertretende Generalsekretärin beim KV Schweiz, registriert bei den Bankangestellten «ein zunehmendes Gefühl, ungerecht behandelt zu werden». Regelmässig würden Stellen in den Banken «still und leise abgebaut», damit die Arbeitgeber ihrer Sozialplanpflicht nicht nachkommen müssten. Dies schaffe «viel Frust unter den Leuten», so Gisi, und begünstige «solche CD-Aktionen – auch wenn natürlich niemand explizit darüber sprechen mag».

Werteverlust bei Banken

Aus Sicht von Chervet ist das härter gewordene Arbeitsumfeld in den Banken aber nicht die einzige treibende Kraft für die Illoyalität von Angestellten. Mindestens so wichtig sei, dass «die Banken wieder Werte ins Zentrum ihres Handelns stellen». Wer als Arbeitgeber Loyalität verlange, müsse entsprechend vorbildlich handeln. Das bedeute, so Chervet, nicht nur Respekt gegenüber den Mitarbeitenden, sondern auch gegenüber den Kunden. Ein Manko, das – wenngleich in anderem Kontext – auch der neue UBS-Verwaltungsratspräsident Axel Weber festgestellt hat, wenn er im Interview mit dem deutschen «Handelsblatt» am Freitag herausstreicht: «Solange die Kunden das Gefühl haben, die Bank betreibe Geschäfte nur aus Eigennutz und nicht für die Kunden, wird kein neues Vertrauen aufgebaut.»

Einen Werteverlust bei Banken, «obgleich es Unterschiede gibt», hört auch die Inhaberin einer auf Banken spezialisierten Personalvermittlung in Gesprächen mit Kandidaten heraus. «Viele sind frustriert, machen die Faust im Sack», sagt sie. Zugleich gibt die Frau zu bedenken, dass die Banken in den letzten Jahren einen «anderen Typus von Mitarbeiter» angezogen haben, nämlich solche, «die viel verdienen und rasch vorwärtskommen wollen».

Hinzu komme die Komplexität und Internationalität des Bankgeschäfts sowie der steigende Stellenwert der Informationstechnologie, die enorme Datenmengen zu verarbeiten hat – «alles Faktoren, welche die Unübersichtlichkeit fördern und Einzeltäter animieren könnten», sagt die Personalberaterin. «Doch bis zum Datendiebstahl bleibt die Hürde ausserordentlich hoch.» Mögen der Leidensdruck und die Unzufriedenheit mit dem Arbeitsumfeld noch so gross sein: Bis Angestellte derart viel kriminelle Energie aufbringen, bedürfe es schon einer «entsprechend konstituierten Persönlichkeit».

Eine zweite Personalvermittlerin, ebenfalls mit eigener Firma und primär auf Banken ausgerichtet, teilt diese Meinung. Was sie von den stellensuchenden Kandidaten über ihren jetzigen Arbeitgeber höre, wie da mit den Leuten umgesprungen werde, «lässt mir manchmal die Haare zu Berg stehen», sagt die Frau. Dennoch hält sie die Gier und weniger den Frust für das treibende Motiv der Datendiebe. Die Banker müssten mit geringeren Boni auskommen, und dies könne bei einzelnen zu Problemen mit den Finanzen führen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.08.2012, 15:41 Uhr

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