Wie China seine Wirtschaftsdaten schönt

Mitten in der Krise der Eurozone blickt der Westen mit einer Mischung aus Hoffnung und Angst auf die Konjunkturdaten aus China. Doch stimmen diese tatsächlich?

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Die Angst vor China währt schon Jahrhunderte: Und die Sorge, von der Volksrepublik wirtschaftlich überflügelt zu werden, liess den Europäern auch in letzter Zeit keine Ruhe. Dass die Eurozone nun mitten in der Krise auf chinesische Gelder angewiesen sein könnte, um den Euro-Rettungsfonds zu stützen, hinterlässt wohl bei manchem ebenfalls kein besonders gutes Gefühl. Dennoch machten sich europäische Spitzenpolitiker in den vergangenen Wochen verstärkt für eine Unterstützung durch China in der Schuldenkrise stark. Denn China verfügt über die umfangreichsten Devisenreserven der Welt. Zwar signalisierte das Land bereits die Bereitschaft zu neuen Investitionen in Europa, doch kündigte es bislang nicht an, sich am Euro-Rettungsfonds EFSF zu beteiligen.

Zudem verunsichern widersprüchliche Signale aus der chinesischen Wirtschaft: Wie stark brummt der Wirtschaftsmotor in Asien tatsächlich? Die kürzlich publizierten Daten des sogenannten Einkaufsmanagerindexes für den Monat November sagten nämlich nichts Gutes voraus: China ist nämlich unter die 50-Punkte-Schwelle gefallen, was einen Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität bedeutet. Doch die Chinesen beruhigten sofort: Der Wirtschaft gehe es gut, das Wachstum habe sich lediglich von 13,2 auf 12,4 Prozent abgeschwächt. Für Europa wären das noch immer Traumzahlen. Die «Financial Times Deutschland» (FTD) nahm dies zum Anlass, die Daten aus und für China grundsätzlich zu hinterfragen. Die Werte des chinesischen Einkaufsmanagerindexes müssten anders interpretiert werden als für den Westen, heisst es etwa.

Faule Kredite und Wirtschaftsblasen

Die Zahlen aus China selber seien wenig aussagekräftig, schreibt das deutsche Wirtschaftsblatt. Die Konjunkturdaten der zweitgrössten Wirtschaftsmacht der Welt seien undurchsichtig – was es erschwere, die chinesische Wirtschaft einzuschätzen. Übertreibungen am Immobilienmarkt, überschuldete Provinzregierungen, faule Kredite und Wirtschaftsblasen seien mittlerweile an der Alltagsordnung: «Beim Versuch, die Lage besser einzuschätzen, stochern Beobachter beim Betrachten offizieller Daten Monat für Monat im Nebel», schreibt die FTD.

Im Bankensektor werden zum Beispiel die notleidenden Kredite lediglich mit 1,1 Prozent ausgewiesen. Tatsächlich seien es aber wohl rund sechs Prozent, schreibt die Zeitung unter Berufung auf einen Finanzexperten. Denn China rechne gewisse Teile der Wirtschaft bewusst nicht mit ein. Die meisten Wirtschaftsdaten werden zudem nur mit Vorjahresvergleichen ausgewiesen statt, wie es im Westen üblich ist, auch im Vormonatsvergleich.

Datenerhebung im Rekordtempo

Verdächtig ist ausserdem die Geschwindigkeit, mit der die Daten erhoben werden: Die Zahlen zur Produktion würden bereits in den ersten Tagen des Folgemonats vorliegen - angesichts der Grösse des Landes ist dies erstaunlich. Teilweise lasse sich dies damit erklären, dass China eine Planwirtschaft sei, sagt Michael Ganske, Schwellenland-Chefökonom der Commerzbank in London. Das Gerücht, China übe sich in der Schätzkunst oder manipuliere die Daten gar, hält sich aber hartnäckig.

Gewisse Datenpannen unterstreichen dies: So lagen im ersten Halbjahr 2010 die Daten für die Provinzen zusammengezogen um 1,5 Billionen Yuan (207 Milliarden Euro) über dem national gemeldeten Bruttoinlandprodukt – die Rechnung konnte also nicht aufgehen. Möglicherweise liegt das daran, dass die lokalen Verantwortlichen ihre Zahlen frisieren, weil sie bei guter Wirtschaftsleistung auf gute Entlöhnung oder eine schnelle Karriere im Parteiapparat hoffen können. (miw)

Erstellt: 12.12.2011, 13:24 Uhr

Regierung berät über Wirtschaft

In China hat heute die jährliche Wirtschaftsplanungskonferenz begonnen. Bei der geschlossenen Sitzung wollen ranghohe Regierungsvertreter eine Strategie für das kommende Jahr ausarbeiten, um das chinesische Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Es wird erwartet, dass bei dem Treffen, das voraussichtlich am Mittwoch endet, über Massnahmen beraten wird, um die Inflationen einzudämmen.

Die andauernden Krisen in Europa, die schwache Erholung der US-Wirtschaft sowie eine Verlangsamung des chinesischen Wirtschaftswachstums haben nach Einschätzung von Analysten den Druck auf Peking erhöht, die Wirtschaft zügig ins Gleichgewicht zu bringen. Demnach muss sie stärker von der Verbrauchernachfrage und weniger von Ausfuhren und Investitionen abhängig werden. (dapd)

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