Wie bedeutend der Tourismus noch ist

Was der Schweizer Tourismus zu Wirtschaft und Beschäftigung beiträgt – und welches Land sich zur absoluten Trend-Destination entwickelt hat.

Trotz beliebten Spots wie hier in Luzern: Der Tourismus trägt immer weniger zur Schweizer Wirtschaft bei.

Trotz beliebten Spots wie hier in Luzern: Der Tourismus trägt immer weniger zur Schweizer Wirtschaft bei. Bild: Keystone

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Es sind erfreuliche Zahlen, die das Bundesamt für Statistik heute publiziert hat: Nach schwierigen Jahren, in denen der starke Franken insbesondere die Europäer von Ferien in der Schweiz abhielt, hat die Hotellerie 2017 eine fulminante Erholung erlebt. Sie verzeichnete 37,4 Millionen Logiernächte – 5,2 Prozent mehr als im Vorjahr und beinahe so viele wie in den Rekordjahren 1990 und 2008.

Das gute Ergebnis täuscht allerdings darüber hinweg, dass die Bedeutung des Tourismus für die Schweizer Wirtschaft kontinuierlich abnimmt. Zwar generierte die Branche 2016 gut 16,8 Milliarden Franken an Wertschöpfung und damit 31 Prozent mehr als noch im Jahr 2001. Gleichzeitig aber stieg die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung der Schweiz um fast 42 Prozent.

Im Umkehrschluss bedeutet dies: Der Anteil des Tourismus an der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung hat über die Jahre abgenommen, von 2,9 Prozent im Jahr 2001 auf 2,6 Prozent im Jahr 2016. Im selben Zeitraum verringerte sich auch der Anteil der Beschäftigten in der Schweiz, die im Tourismus arbeiten, von 4,3 auf 4,1 Prozent.

Die Branche trägt also trotz Millionen von Besuchern immer weniger zur Wirtschaftsleistung der Schweiz bei. Laut Jürg Stettler vom Institut für Tourismuswirtschaft der Hochschule Luzern liegt das in erster Linie am ausbleibenden Wachstum in den letzten Jahrzehnten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte der Tourismus in der Schweiz einen starken Aufschwung. Zwischen 1946 bis 1970 verdoppelten sich die Logiernächte beinahe auf über 35 Millionen. Mit dem Zusammenbruch des fixen Wechselkurssystems und der Aufwertung des Frankens sowie dem verstärkten internationalen Wettbewerb Anfang der 1970er-Jahre kam es aber zum Trendbruch. Seither stagniert die Anzahl Logiernächte in Schweizer Hotels und Kurbetrieben.

Aufgrund der stagnierenden Nachfrage fiel das Wachstum der Umsätze im Tourismus im Vergleich zu anderen Sektoren wie beispielsweise der Finanzbranche, Pharmabranche oder Metall- und Uhrenindustrie gering aus. Gleichzeitig konnten diese Sektoren ihre Produktivität mit hohem Kapitaleinsatz und Skalierung viel stärker steigern. «Dies ist im Tourismus als Branche mit einem hohen Anteil an Personal- und Arbeitskosten nicht möglich», erklärt Stettler. Sprich: In anderen Branchen kann ohne grossen Personaleinsatz mehr verkauft werden, während im Tourismus die meisten Leistungen an Personal gebunden sind.

Auch gegenüber der ausländischen Konkurrenz haben die Schweizer Touristiker an Boden verloren: Laut einer Studie der Konjunkturforschungsstelle BAK Basel stiegen die Übernachtungszahlen von 2000 bis 2014 hierzulande um 4,8 Prozent. In den umliegenden Ländern betrug das Wachstum jedoch mindestens 10 Prozent.

Tourismus in Nachbarländern stärker

Die Nachbarländer der Schweiz hängen denn auch deutlich stärker vom Tourismus ab. In Frankreich trug der Tourismus laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) im Jahr 2016 7,1 Prozent zur Gesamtwertschöpfung des Landes bei. Dieser Wert ist aber, ähnlich wie in der Schweiz, seit Jahren eher abnehmend. 2012 hatte der Tourismus in Frankreich noch 7,4 Prozent beigetragen.

Ähnlich sieht es in Deutschland aus, wo der Tourismus im Jahr 2015 noch 3,9 Prozent zur Wertschöpfung beitrug, nach 4,4 Prozent im Jahr 2010. Die USA zeigen ähnliche Werte wie die Schweiz auf, zuletzt stieg der Anteil des Tourismus an der Gesamtwertschöpfung hier allerdings wieder etwas an – auf 2,7 Prozent im Jahr 2015.

Immer wichtiger wird der Tourismus derweil für Spanien. Das Land gilt als Hotspot für Touristen, 2015 trugen diese bereits 11,1 Prozent zur Wertschöpfung bei. Ebenfalls gewachsen ist die Bedeutung der Branche in den beliebten Ferienländern Kroatien, Griechenland, Mexiko und Costa Rica.

Zur absoluten Trend-Destination ist in den letzten Jahren Island herangereift. Auf die hochpreisige Insel zieht es vor allem gut betuchte Outdoor-Fans. Das spiegelt sich in der Wertschöpfung wider: Der Anteil des Tourismus hat sich in den letzten Jahren mehr als verdoppelt: Kamen 2009 noch 3,6 Prozent aus dem Tourismus, waren es 2016 bereits 8,4 Prozent.

Das zeigt sich auch an der Beschäftigung: In Island arbeiten mittlerweile 14,4 Prozent der Beschäftigten in der Tourismusbranche. In der Schweiz sind es im Vergleich gerade mal 4,1 Prozent. Besonders viele Arbeitnehmer sind in Spanien (13,3 Prozent), Malta (14 Prozent) und Irland (10,4 Prozent) im Tourismus tätig.

Andere Sektoren profitieren

Doch selbst wenn die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus für die Gesamtwirtschaft schwindet: Er bleibt wichtig, nicht nur wegen des Image.

Besonders Berggebiete leben weiterhin von Touristen. Die Bewohner ganzer Täler hängen direkt oder indirekt von ihnen ab. «In weiten Teilen des Alpenraums spielt der Tourismus eine Schlüsselrolle – ohne ihn würden sich die wirtschaftlichen Perspektiven vieler Täler düster präsentieren», sagte jüngst Bundesrat Johann Schneider-Ammann. «Der Tourismus ist eine der Stützen der Schweizer Volkswirtschaft.»

Zudem haben auch andere Bereiche indirekt einen Nutzen vom Besuch ausländischer Gäste: «Der Tourismus ist eine Netzwerkbranche, von der viele andere Sektoren profitieren», sagt Tourismus-Experte Stettler. Damit meint er etwa die Bauwirtschaft, den Detailhandel oder auch die Banken- und Uhrenbranche. Er ist deshalb überzeugt: «Die Bedeutung des Tourismus für die Volkswirtschaft wird unterschätzt».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.02.2018, 17:39 Uhr

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