Wie die Frankenabwertung 1936 die Konjunktur ankurbelte

1936 brachte der Bundesrat die Konjunktur in Schwung, indem er den übermässig starken Franken abwertete. Wäre das heute auch möglich?



Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Beinahe täglich erhält das Volkswirtschaftsdepartement zwischen Oktober und Dezember 1936 Briefe von Firmenchefs, Gewerblern und Privatpersonen. Der Ton ist aufgeregt. Der Bundesrat hat am 26.September auf Druck der Exportindustrie und der Tourismusbranche den Schweizer Franken um ein Drittel abgewertet.

Ein einfacher technischer Kniff machte dies zu Zeiten fester Wechselkurssysteme mit ihrer Anbindung an den Goldpreis möglich. Die Landesregierung hat schlicht und einfach beschlossen, dass es für 1 Franken nicht mehr 0,29 Gramm Gold gibt, sondern nur noch 0,19 bis 0,21 Gramm.

Unmut bei den Unternehmen

Die Schweizer Wirtschaft spürt die Folgen sofort: Der Autohersteller General Motors Suisse SA in Biel beklagt in einem Schreiben an die Bundesbehörden vom 30.Oktober 1936 einen Kursverlust von 107'397 Franken und 39 Rappen. Entstanden ist diese Einbusse aus finanziellen Verpflichtungen in Reichsmark gegenüber der Adam Opel AG mit Sitz in Hitler-Deutschland, die über Nacht plötzlich höher ausfallen. Heute betrüge der erwähnte Kursverlust etwa 1,7 Millionen Franken.

Der Unmut ist spürbar: «Wir nehmen an, dass unsere Firma nicht die einzige ist, die infolge der Abwertung von solchen Differenzen getroffen wird, und wir sind gespannt zu erfahren, ob die schweizerische Regierung irgendwelche Massnahmen in Aussicht hat, die es unserer Firma ermöglichen sollen, diesen harten Substanzverlust auszugleichen», schreibt Jean Mussard, Generaldirektor von General Motors Suisse SA.

Andere Schweizer Firmen sind mit gewieften Geschäftspartnern aus dem Reich konfrontiert, die aus der Unsicherheit Vorteile ziehen wollen. So beschwert sich die Bieler Maschinenfabrik Henri Hauser AG, ein deutscher Lieferant habe mitgeteilt, dass «gemäss Verfügung der Schweizer Regierung Beträge, die in Verzug geraten sind, in Goldfranken beglichen werden müssen». Das Unternehmen wisse nichts davon und bitte «höflich um Bekanntgabe, wie wir uns in dieser Sache zu verhalten haben». Beide Briefe ans Volkswirtschaftsdepartement lagern wie Dutzende andere auch im Schweizerischen Bundesarchiv.

Exporte nehmen zu

Der Ärger wird von kurzer Dauer sein. Mittelfristig stimuliert die Frankenabwertung die heimische Konjunktur, wie eine Auswertung von historischen Datenreihen zeigt. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges im September 1939 steigen die Exporte. Die Zahl der Arbeitslosen sinkt. Der Schweizerische Aktienindex erlebt im Juli 1938 einen Höchststand. Gleichzeitig nimmt der Landesindex der Konsumentenpreise nur wenig zu.

«Mit der Abwertung um ein Drittel fällt der Franken mit einem Schlag auf den vor der grossen Krise bestehenden Wechselkurs zu den damaligen Referenzwährungen britisches Pfund und US-Dollar. Die Schweizer Exportwirtschaft gewinnt so ihre Konkurrenzfähigkeit vollumfänglich zurück», sagt der Wirtschaftshistoriker Philipp Müller. Die Exportwirtschaft profitiere zudem ab 1937/1938 von einer steigenden internationalen Nachfrage für Produkte der Maschinen-, Uhren-, Chemie- und Rüstungsindustrie, da sich viele Länder auf einen möglichen Kriegsausbruch einstellten. Der Romand mit Zürcher Wurzeln hat zu den Krisenjahren in der Schweiz von 1929 bis 1936 geforscht und die Ergebnisse in seiner Doktorarbeit veröffentlicht. Heute ist Müller Verwaltungs- und Finanzdirektor des Universitätsspitals Lausanne.

Nationalbank ist dagegen

Der Entscheid der Frankenabwertung fällt im Bundesrat nicht einstimmig – und gegen den Willen der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Das zeigen die Sitzungsprotokolle vom 26. bis 28.September 1936. Bundespräsident Albert Meyer (FDP) und Justizminister Johannes Baumann (FDP) stimmen als Einzige gegen den Eingriff und folgen damit der Empfehlung von SNB-Präsident Gottlieb Bachmann.

Der oberste Schweizer Notenbanker ist über den Beschluss derart entsetzt, dass er die Regierung bittet, jemand anderen mit der Abwertung zu betrauen. Doch dann ändert Bachmann seine Meinung: «Auf Ersuchen des Rates erklärt er (Bachmann, die Red.) sich indessen bereit, seine Mitarbeit, soweit ihm dies möglich ist, dem Lande in diesem schwierigen Augenblicke nicht vorzuenthalten», heisst es im Protokoll.

Auch Bundespräsident Meyer zeigt sich als guter Verlierer und bekennt sich zum Kollegialitätsprinzip. Am Sonntagmorgen des 27. Septembers 1936 erläutert er in einer Radioansprache dem Volk die Massnahme. Dabei wählt Meyer folgende Worte: «Ein Franken bleibt ein Franken.» Weil die Schweizer Börse erst am 30.September 1936 wieder öffnet, bleiben Spekulationen gegen den Franken unmittelbar nach dem Entscheid des Bundesrats aus.

Seitdem die Nationalbank am 15. Januar 2015 den Franken-Mindestkurs zum Euro aufgehoben hat, ist eine Frankenabwertung wie 1936 als Gedankenspiel wieder angeführt worden – etwa von Gastrosuisse-Präsident Casimir Platzer. Doch gibt es überhaupt Parallelen zu 1936? Liesse sich eine Abwertung heute wieder durchführen? Und wie realistisch ist eine Rückkehr zum Mindestkurs?

Der emeritierte Berner Wirtschaftsprofessor und Geldpolitikexperte Ernst Baltensperger verweist auf die Unterschiede, um die Ausgangslage von 1936 und 2015 besser zu verstehen: «Heute würde die Nationalbank eine Minderbewertung des Frankens noch so gerne annehmen. Insofern haben wir also eine vollkommen entgegengesetzte Situation als 1936.» Vor 79 Jahren seien es die Behörden gewesen, welche auf einem unrealistischen, überhöhtem Frankenkurs beharrten und dem Marktdruck, der eigentlich auf eine Abwertung tendiert hätte, nicht nachgeben wollten. Denn: «Die Behörden hielten damals die Bewahrung der alten Goldparität für eine Sache von Treu und Glauben», so Baltensperger.

So ginge der Kniff heute

Da heute ein System flexibler Wechselkurse gilt, bei dem der Markt die Wechselkurse bestimmt, ist eine Abwertung des Frankens durch die Nationalbank nicht mehr durchführbar. «Rein währungstechnisch gesehen, wäre aber eine Entwertung beziehungsweise bewusste Schwächung des Frankens möglich, indem die Nationalbank die Devisenmärkte mit Franken überschwemmt», sagt Wirtschaftshistoriker Philipp Müller.

Eine Rückkehr zu einem festgelegten Mindestkurs für die Schweiz steht für Ernst Baltensperger «gegenwärtig nicht ernsthaft zur Debatte». Aus seiner Sicht wäre es für die Nationalbank nach der Aufgabe des bisherigen Mindestkurses und angesichts der extremen Liquiditätsschöpfung der Europäischen Zentralbank viel zu kostspielig, die Glaubwürdigkeit eines neuen Mindestkurses am Markt durchzusetzen.

Zweifellos sei der Franken heute am Markt noch «in beträchtlichem Ausmass überbewertet», meint der emeritierte Wirtschaftsprofessor. Eine gewisse Korrektur sei aber gegenwärtig im Gang. Baltensperger meint: «Es ist zu hoffen, dass sie sich fortsetzt und zu einem Eurokurs von wenigstens 1.10 oder darüber führt.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.03.2015, 15:08 Uhr

Kommentare

Die Welt in Bildern

Was guckst du? Ein Kind spielt am Strand von Sydney, wo die aufblasbare Skulptur «Damien Hirst Looking For Sharks» des Künstlerduos Danger Dave und Christian Rager installiert ist. Sie ist Teil der Ausstellung Sculpture by the Sea. (19. Oktober 2018)
(Bild: Peter Parks) Mehr...