Weshalb die Weltwirtschaft wieder in Gefahr ist

Die Gesamtverschuldung ist seit der Finanzkrise nicht zurückgegangen, sondern weiter angestiegen. Welche Risiken das mit sich bringt.

Die aussergewöhnliche Ruhe an den Kapitalmärkten verweist auf ein zu geringes Risikobewusstsein: Im Nachgang der Finanzkrise haben an der New Yorker Börse noch die Ängste dominiert.

Die aussergewöhnliche Ruhe an den Kapitalmärkten verweist auf ein zu geringes Risikobewusstsein: Im Nachgang der Finanzkrise haben an der New Yorker Börse noch die Ängste dominiert. Bild: Keystone

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Eine sehr hohe Verschuldung vor allem der Privaten war mitverantwortlich für die Finanzkrise, die exakt vor 10 Jahren ihren Anfang nahm. Nur so konnte der Zusammenbruch des US-Immobilienmarktes damals die ganze Weltwirtschaft in Mitleidenschaft ziehen. Wenn die Anlagen, die die Schulden decken sollen – anfänglich waren das vor allem Immobilien – an Wert verlieren, dann bleibt nur noch sparen.

Doch wenn alle sparen müssen, verschwindet die Nachfrage, die Wirtschaft bricht ein und Jobs gehen verloren. Das alles setzt die Löhne, Preise und Anlagekurse unter Druck und macht so die Schuldenlast nur noch drückender. Das ist die Kürzestversion davon, wie eine übermässige Verschuldung ganze Volkswirtschaften in die Krise stürzen kann.

Verschuldung hat durchs Band zugenommen

Die erschreckende Botschaft: 10 Jahre nach der Finanzkrise ist die Verschuldung höher als vor ihrem Ausbruch. In den wirtschaftlich wichtigsten Ländern, die in der sogenannten G-20-Gruppe vertreten sind, beläuft sich die gesamte Bruttoverschuldung aktuell gemäss Daten des Internationalen Währungsfonds (IWF) aktuell auf 135’000 Milliarden Dollar. Am Vorabend der Finanzkrise belief sich diese Summe noch auf rund 80’000 Milliarden Dollar.

Zugenommen hat in den meisten Staaten sowohl die Verschuldung der Länder wie auch jene der Haushalte und der Unternehmen. Und die Verschuldung hat stärker zugenommen als das nominale Bruttoinlandprodukt (BIP). Die Bruttoverschuldung der G-20-Länder beläuft sich aktuell auf 235 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung dieser Länder (gemessen am BIP).

Die erste Grafik unten aus dem Finanzstabilitätsbericht des IWF zeigt die Entwicklung auf. Die grünen Balken zeigen die Staatsverschuldung, die roten Balken die Haushaltsverschuldung und die blauen jene der Unternehmen. Die schwarze Linie zeigt die Entwicklung des nominalen BIP.

Wie die zweite Grafik aus dem gleichen Bericht deutlich macht, haben innerhalb der G-20-Länder die entwickelten Länder (grüne Linie) und vor allem China (blaue Linie) den grössten Teil am Anstieg der Verschuldung gemessen am BIP. Weniger ins Gewicht fällt der Anstieg bei den übrigen Schwellenländern (rote Linie).

Etwas besser sieht die Lage bei einer Betrachtung der Nettoverschuldung aus, das heisst, wenn die Anlagen zur Deckung der Schulden abgezogen werden. Wie die erwähnte Entwicklung der Finanzkrise allerdings zeigt, ist das wenig beruhigend, weil in einer Krise die Werte dieser Anlagen wie Schnee in der Sonne dahinschmelzen.

Trotz der angestiegenen Verschuldung stehen die Zeichen momentan allerdings nicht auf Sturm. Im Gegenteil: Die Weltwirtschaft ist im Vergleich zu den letzten Jahren sogar in einem aussergewöhnlich guten Zustand, wie eben erst der Wirtschaftsausblick des Internationalen Währungsfonds festgehalten hat. Was befeuert die Schulden und welche Risiken sind damit verbunden? Hier die drei wichtigsten Punkte dazu:

Tiefe Zinsen und die Jagd nach Renditen

Der Preis der Schulden ist der Zins. Und die Zinsen befinden sich momentan auf Tiefstständen. Das macht das Schuldenmachen nicht nur für Schuldner attraktiver. Wer Kapital anlegen muss, hat in einer solchen Ausgangslage höhere Risiken bei Ausleihungen in Kauf zu nehmen, um die Rendite aufzubessern oder um eine vorgegebene Zielrendite (wie etwa bei Pensionskassen) zu erreichen.

Wie der IWF in seinem neuen Finanzmarktstabilitätsbericht schreibt, gibt es aktuell «nur» Anleihen im Umfang von 2000 Milliarden Dollar im sogenannten Investment-Grade-Bereich (die also nicht hoch ausfallgefährdet sind), die eine Rendite von mehr als 4 Prozent abwerfen. Vor der Krise waren das noch Anleihen im Umfang von 16’000 Milliarden. Die Investoren nehmen daher mehr Risiken in Bezug auf die Bonität ihrer Schuldner, in Bezug auf die Rückzahlungsfristen und in Bezug auf die Handelbarkeit bzw. Liquidität (das Risiko ist hier ein Kursverlust beim Verkauf von gehandelten Schulden) in Kauf.

Das betrifft auch die Entwicklungs- und Schwellenländer. Bei der Jagd nach höheren Renditen fliessen ihnen nach Einschätzung des IWF im laufenden Jahr kurzfristige Gelder im Umfang von 300 Milliarden zu. Das ist mehr als das Doppelte der Totale der letzten beiden Jahre. Die Gefahr ist gross, dass das Geld zunehmend in wenig produktive Projekte fliesst.

Zu viel Sicherheit

Die tiefen Zinsen haben zwei Gründe: Einer ist die anhaltend ausserordentlich expansive Geldpolitik der grossen Notenbanken. Daran ändert auch nichts, dass zumindest jene der USA eine Kehrtwende mit Leitzinserhöhungen eingeleitet hat. Die Leitzinsen wirken sich allerdings unmittelbar nur auf die Kurzfristzinsen aus. Die für die Kapitalmärkte wichtigeren Langfristzinsen werden abgesehen vom Kreditrisiko vor allem durch die Erwartungen zum künftigen Verhalten der Notenbanken bestimmt und damit indirekt auch durch die erwartete Entwicklung der Inflation – weil die Notenbanken bei einem Inflationsanstieg die Leitzinsen anheben. Die Inflation wird aber gemäss den gängigen Prognosen in den meisten wichtigen Volkswirtschaften tief bleiben.

Dementsprechend erwartet man auf den Märkten auch keine scharfe Korrektur der Geldpolitik durch die wichtigen Notenbanken. Das spiegelt sich in den im historischen Vergleich extrem tiefen Renditen langfristiger Staatsanleihen von Ländern wie Deutschland oder den USA, aber auch in ungewöhnlich tiefen Zinsaufschlägen für höhere eingegangene Risiken («Credit Spreads»).

Ein weiterer Hinweis für ein sehr hohes Sicherheitsgefühl auf den Märkten ist die Volatilität von Aktienmärkten. Sie misst standardisiert die Schwankungen der Kurse. Der wichtigste Massstab dafür ist der Vix-Index für den US-Aktienmarkt. Auch dieser befindet sich auf einem historischen Tiefststand.

Die Kehrseite dieses ausgeprägten Sicherheitsgefühls ist, dass eine negative Überraschung zu extremen Ausschlägen führen kann. Ein plötzlicher Inflationsanstieg ist angesichts besserer Wirtschaftsdaten jederzeit möglich. Noch wahrscheinlicher sind Sorgen vor einer Krise etwa durch geopolitische Spannungen oder wegen des Ausfalls eines grossen Schuldners.

In solchen Situationen kann sich das Bild schnell ändern. Die verlangten Risikoprämien schnellen dann hoch, die Kurse sinken und die Langfristzinsen steigen deutlich an. Die Schuldenlast wird dann zu einer grossen Gefahr, weil die Ausstände nur noch schwer zu bedienen sind. Das Finanzsystem gerät dann angesichts von Kreditausfällen wieder unter Druck und die Wirtschaft rutscht in die Krise, weil die Schuldner ihre Ausgaben massiv einschränken müssen. Das betrifft dann insbesondere auch Schwellenländer, die unter dem Abfluss von Kapital leiden, das zuvor in Erwartung höherer Renditen noch zugeflossen ist.

Der fehlende Polizist

Um solchen Risiken vorzubeugen, reicht eine Politik auf nationaler Ebene nicht. Die Kapitalmärkte sind über Währungen und Zinsen weltweit verbunden. Kreditgeber und Kreditnehmer orientieren sich nicht mehr an den Staatsgrenzen. Dementsprechend ist eine weltweite Koordination durch die Aufsichtsbehörden und die Absprache von Massnahmen notwendig.

Angesichts des Umstands, dass die wichtigste und grösste Wirtschafts- und Kapitalmarktmacht der Welt, die USA, unter der gegenwärtigen Regierung von Donald Trump weder von einer internationalen Zusammenarbeit, noch von der Regulierung der Kapitalmärkte viel hält, ist hier allerdings wenig zu erwarten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.10.2017, 21:26 Uhr

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