Analyse

Wie eine 3-Prozent-Welt aussehen könnte

Junge Männer scheiden aus dem Arbeitsprozess aus, die Sozialleistungen werden laufend gekürzt, die Menschen sind auf Mikrokredite angewiesen: Das ist nicht Dritte Welt, sondern Realität im reichsten Land der Welt.

Schritte in eine gähnende Leere: Testlauf auf dem Chamonix Skywalk, einer gläsernen Aussichtsplattform auf dem Aiguille du Midi, die am Samstag eröffnet wird.

Schritte in eine gähnende Leere: Testlauf auf dem Chamonix Skywalk, einer gläsernen Aussichtsplattform auf dem Aiguille du Midi, die am Samstag eröffnet wird. Bild: Robert Pratta/Reuters

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Die Frage, ob der grosse Zeiger einer Uhr den kleinen innerhalb von 24 Stunden 22- oder 23-mal überholt, erregt zwar die Gemüter, ist aber letztlich bedeutungslos. Die entscheidende Frage lautet: Entwickelt sich die digitale Gesellschaft hin zu einer neuen Aristokratie, in der eine schmale Elite über einen verarmten Mittelstand herrscht, der sich in Dienstleistungsjobs für diese Elite mehr oder weniger schlecht über Wasser halten kann?

Diese These vertritt der Ökonom Tyler Cowen in seinen Buch «Average is Over». Damit trifft er bei den Lesern von Tagesanzeiger.ch/Newsnet offensichtlich einen wunden Punkt, wie die heftige Diskussion auf der Kommentarspalte zeigt.

Die Wahl, vor der Junge stehen

Cowen geht davon aus, dass zur neuen Elite gehören wird, wer mit intelligenten Maschinen zusammenarbeiten kann. Wer dies nicht schafft, hat ein Problem, vor allem wenn er jung ist. «In erschreckendem Ausmass werden erwachsene Männer aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden – oder werden hinauskatapultiert», stellt Cowen fest. «Die grössten Rückgänge bei der Teilnahme im Erwerbsleben kann man bei jungen Männern beobachten, nicht bei Rentnern.»

Brutal und vereinfacht ausgedrückt sagt er: Junge Menschen haben nur eine Wahl. Entweder sind sie fähig, mit smarten Maschinen Arbeiten mit hoher Wertschöpfung zu verrichten. Nur etwa 3 Prozent können das wirklich. Oder sie sind mit dem grossen Rest dazu verdammt, ihr Leben mit Videospielen und schlecht bezahlten Dienstleistungsjobs oder einer schäbigen Staatsrente zu verbringen.

Innert 40 Jahren 28 Prozent weniger Lohn

Cowen bezieht sich auf die amerikanischen Verhältnisse. Dort haben sich die Bedingungen für den mittelständischen Arbeitnehmer tatsächlich massiv verschlechtert: «Für den durchschnittlichen männlichen Erwerbstätigen sind die Löhne zwischen 1969 und 2009 um rund 28 Prozent gesunken», stellt Cowen fest.

Unter dem Title «Great Society» hat Präsident Lyndon Johnson in den 1960er-Jahren seinen Kampf gegen die Armut aufgenommen. Ein halbes Jahrhundert später sieht die Bilanz düster aus. So zählt die «New York Times» auf, dass im November die Lebensmittelsubventionen (Food Stamps) für 48 Millionen arme Amerikaner gekürzt worden sind. Demnächst werden rund 1,3 Millionen arbeitslose US-Bürger ausgesteuert. Die offizielle Armutsquote liegt bei 15 Prozent. «Trotz eines halben Jahrhunderts mit grossem technischen Fortschritt und robustem Wirtschaftswachstum ist der Arbeitsmarkt in geringerem Ausmass in der Lage, Menschen aus der Armut zu befreien, als dies bei Neil Armstrongs ersten Schritten auf dem Mond der Fall war», fasst die «New York Times» die Situation zusammen.

Mikrokredite in der Ersten Welt

Selbst wer einen Job hat, ist in den USA vielfach arm. Angestellte von McDonald's, Walmart und Co. beginnen sich daher zu organisieren und für höhere Mindestlöhne zu kämpfen. Sie haben dabei nicht nur die Unterstützung der Mehrheit der Bevölkerung, sondern auch des Weissen Hauses. Präsident Barack Obama hat kürzlich den Kampf gegen die Ungleichheit als oberstes Ziel seiner verbleibenden Amtszeit erklärt.

Wie notwendig dieser Kampf geworden ist, zeigt ein weiteres Beispiel: Mikrokredite sind ein Instrument, um den Ärmsten in der Dritten Welt zu helfen. Neuerdings werden Mikrokredite auch in Queens/New York verteilt, um die schlimmsten Folgen von Armut zu bekämpfen. «Seit der Finanzkrise erleben Mikrokredite in den Vereinigten Staaten einen Miniboom und ziehen Tausende von Kunden an, die von traditionellen Banken kein Geld mehr erhalten», so die «New York Times». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.12.2013, 14:43 Uhr

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