Wie gut ist unser Vorsorgemodell?

Die Schweizer Altersvorsorge hat Reformen nötig. Ein Vergleich mit anderen Ländern, die sich bereits für die Zukunft gewappnet haben.

Ein Blick auf andere Systeme: In unseren Nachbarländern basiert die Altersvorsorge viel stärker auf nur einer oder zwei Säulen. Foto: Getty Images

Ein Blick auf andere Systeme: In unseren Nachbarländern basiert die Altersvorsorge viel stärker auf nur einer oder zwei Säulen. Foto: Getty Images

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Die Altersvorsorge zählt zu den grössten Errungenschaften des modernen Staates. Ihr Grundgedanke, ein verlässliches Einkommen im Ruhestand, ist seit ihrer erstmaligen Einführung in Deutschland Ende der 1880er-Jahre unverändert. Doch in vielen Ländern ist die finanzielle Sicherheit im Alter wegen verschiedener Herausforderungen nicht gewährleistet: wegen steigender Rentenbezugszeiten, dauerhaft tiefer Geburtenraten, des historisch einmaligen Tiefzinsumfelds, angespannter öffentlicher Haushalte und wachsender Staatsschulden.

Eine Stärke des schweizerischen Vorsorgesystems sind seine drei etablierten Pfeiler, die andernorts ihresgleichen suchen. In unseren Nachbarländern basiert die Altersvorsorge viel stärker auf nur einer oder zwei Säulen – mit der Folge, dass der Lebensstandard der Rentner tiefer ist. In Deutschland, Österreich, Frankreich und Italien dominiert die staatliche Vorsorge, die wie die erste Säule in der Schweiz durch die seit den Siebzigern extrem tiefen Geburtenraten bedroht ist. Die berufliche Vorsorge ist in diesen Staaten nur spärlich ausgebaut.

Erhöhung des Rentenalters

Während die Lebenserwartung der heute 65-Jährigen ungefähr vergleichbar ist mit der hiesigen, sind die öffentlichen Ausgaben für Altersrenten prozentual zum Bruttoinlandprodukt höher. Zudem ist der Anteil der über 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung im Vergleich zum Anteil der Erwerbstätigen meist grösser. Dies wird zu steigenden Staatsschulden und einem tieferen Lebensstandard führen. Die demografischen Herausforderungen und die Lasten, die die Jungen zu schultern haben, sind für unsere Nachbarn also genauso monumental, wenn nicht gar grösser.

Doch eines haben das europäische Umland und einige andere Industriestaaten der Schweiz voraus: Sie haben die Probleme in der Altersvorsorge aktiver angepackt, etwa durch eine Erhöhung des Rentenalters. So verschlechtert sich das Verhältnis zwischen Einzahlungs- und Auszahlungsperiode bei steigender Lebenserwartung langsamer, was vor allem für umlagefinanzierte Systeme wichtig ist. Länder wie Australien oder die USA haben das offizielle Rentenalter auf 67 oder mehr erhöht, trotz tieferer Lebenserwartung als in der Schweiz.

In Grossbritannien und den Niederlanden wurde das Rentenalter zusätzlich an die Lebenserwartung gekoppelt. So passt sich das System automatisch an die demografischen Veränderungen an und ist nicht von zähen politischen Prozessen abhängig. Insbesondere in einer direkten Demokratie wie der Schweiz, mit hoher und stetig wachsender Wählermacht der über 50-Jährigen, sind die Hürden für derartige Anpassungen noch höher. Obwohl die Arbeitslosigkeit aller Altersgruppen in den meisten anderen Staaten höher ist als in der Schweiz, gilt besonders in den angelsächsischen Ländern die Sichtweise, dass es zur Eigenverantwortung gehört, auch im höheren Alter für den Arbeitsmarkt attraktiv zu bleiben – nicht zuletzt auch durch einen Berufswechsel oder das Herabsetzen der Lohnerwartungen.

Die private Altersvorsorge sollte auch hierzulande an Bedeutung gewinnen.

Ein anderes Beispiel: Portugal hat erfolgreich ein Rentenreferenzalter eingeführt, das mit zunehmender Lebenserwartung steigt und nach verschiedenen Aspekten individuell angepasst wird. Dabei werden Rentenaufschläge für eine längere beziehungsweise Abschläge für eine kürzere Erwerbsphase gewährt. Sind genügend Erwerbsjahre erreicht, kann der Ruhestand ohne Abschläge schon vor dem Referenzalter angetreten werden. Hiervon profitieren vor allem Personen mit tieferem Bildungsstand und entsprechend niedrigerem Einkommen, da sie in der Regel früher ins Erwerbsleben eintreten. Dies erhöht die gesellschaftliche Akzeptanz des gesamten Systems.

Ponzi-Schema ausgehebelt

Eine Erhöhung des Rentenalters allein wird nicht ausreichen – weder in der Schweiz noch im Ausland. Denn der Finanzierungsmechanismus eines Umlageverfahrens mit Leistungsprimat ist ein Ponzi-Schema, das darauf basiert, dass auf jede Generation eine mindestens gleich grosse folgt. Die seit Jahrzehnten niedrigen Geburtenraten haben diesen Mechanismus in den Industriestaaten jedoch ausgehebelt.

Andere Länder, beispielsweise die Niederlande oder Schweden, haben frühzeitig reagiert. Sie haben den Teil des Umlageverfahrens, der wegen des Fehlens von Nachkommen nicht finanziert werden kann, über zusätzliche Ersparnisse im Verlauf des Erwerbslebens finanziert. Schliesslich weisen Generationen mit weniger Kindern ein grösseres Sparpotenzial auf. Weiter haben sich diese Länder vorausschauend darauf eingestellt, dass das Alterskapital über eine längere Rentenbezugszeit ausreichen muss – mit anderen Worten: Der Kuchen muss in immer mehr immer kleinere Stücke aufgeteilt werden.

In der Schweiz entspräche dies einer Reduktion des Umwandlungssatzes in der zweiten Säule. Zwar ist die berufliche Vorsorge hierzulande vergleichsweise umfassend, doch weil die Umwandlungssätze verspätet oder gar nicht reduziert werden, wird auch in der zweiten Säule schon längst umlagefinanziert – eine Last für die nachfolgenden Generationen, die ihre Eltern nicht tragen mussten. Dieses Ungleichgewicht wird in anderen Ländern zumindest teilweise vermieden.

Verklärter Blick

Eine dritte Säule, die freiwillige Sparmöglichkeiten mit steuerlichen Anreizen bietet, kennen viele Länder, darunter Deutschland, die USA, Australien und Südafrika. Je besser die staatliche Vorsorge ausgebaut ist, desto weniger wird freiwillig gespart; in der Schweiz wird die dritte Säule relativ wenig genutzt. Denn die verhältnismässig tiefe Altersarmutsquote in der Schweiz und der hohe Lebensstandard der meisten heutigen Rentner verklären die Dringlichkeit für eigenverantwortliches Handeln während des Erwerbslebens für die heutigen Erwerbstätigen. Doch dies wird sich in Zukunft rächen, da die erste und die zweite Säule zunehmend unter Druck geraten. Die private Altersvorsorge sollte so auch hierzulande an Bedeutung gewinnen.

In internationalen Ranglisten hat die Schweizer Altersvorsorge in den vergangenen Jahren Plätze eingebüsst. Der Hauptgrund ist, dass die Versprechen aus der ersten und der zweiten Säule ohne zunehmende Belastung der jungen Generationen nicht mehr finanzierbar sind. Um ein Abrutschen ins Tabellenmittelfeld zu verhindern, muss das Rentenalter an die Lebenserwartung gekoppelt, der gesetzliche Umwandlungssatz deutlich gesenkt und die dritte Säule gestärkt werden.

(Finanz und Wirtschaft)

Erstellt: 17.09.2019, 20:49 Uhr

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