«Wieso kommt der Single Sky nach zehn Jahren immer noch nicht?»

Die Staaten trödeln bei der Einführung des Einheitlichen Europäischen Luftraums. Tag für Tag fliegen 27'000 Flugzeuge im Schnitt je 42 Kilometer zu weit. Der EU-Verkehrskommissar droht nun mit Sanktionen.

Verursachen laut EU-Kommission unnötige Kosten von fünf Milliarden Euro: Die aktuellen Flugbewegungen über Europa auf einer Karte. (Screenshot Flightradar24.com)

Verursachen laut EU-Kommission unnötige Kosten von fünf Milliarden Euro: Die aktuellen Flugbewegungen über Europa auf einer Karte. (Screenshot Flightradar24.com)

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EU-Verkehrskommissar Siim Kallas ist heute nach Zypern geflogen. Der Este sprach dort an einer Konferenz zum Single European Sky, dem Einheitlichen Europäischen Luftraum. Seit zehn Jahren existiert dieser nur auf dem Papier. Bevor er abflog, tippte Kallas eine Mitteilung auf Twitter: Er wollte von den Mitgliedsländern eines wissen: «Wieso kommt der Einheitliche Europäische Luftraum nach zehn Jahren immer noch nicht?»

Die Vorteile des gemeinsamen Luftraums liegen auf der Hand. In Europa ist die Flugsicherung heute national organisiert. Jeder Flug über mehrere Länder muss von einer Flugsicherungsgesellschaft zur nächsten weitergegeben werden. Dazu kommt, dass die nationalen Luftfahrtsbehörden die Lufträume wiederum in insgesamt 650 kleine Sektoren aufgeteilt haben, mit der Folge, dass die Flugzeuge häufig nicht den direktesten Weg wählen können. Somit fliege jedes Flugzeug pro Flug im Durchschnitt 42 Kilometer weiter als nötig, sagt die EU-Kommission laut einem Bericht auf Europeanvoice.com. Bei den aktuell über 26'000 Flugbewegungen pro Tag koste dies insgesamt fünf Milliarden Euro pro Jahr und verteure die Tickets für die Passagiere.

Beispiel USA

Dass ein einheitlicher Luftraum kostengünstiger ist, legt das Beispiel der USA nahe. In einem ungefähr gleich grossen Luftraum gibt es dort doppelt so viele Flugbewegungen wie in Europa – aber nur ein Drittel so viele Luftraum-Kontrollzentren wie in Europa, die nur die Hälfte der Kosten der europäischen Flugsicherung verursachen.

Während das Ziel klar ist, hapert es bei der Umsetzung: Seit zehn Jahren ist klar, wie der Single European Sky aussehen soll. Die einzelnen Länder sollen 27 Lufträume zu 9 übergreifenden Sektoren zusammenschliessen. Im letzten November hat die EU-Kommission in einem Bericht aber festgestellt, dass die Mitgliedsländer die nötigen nationalen Aufsichtsorganisationen nicht mit genügend Mitteln ausgestattet und nur ungenügende Schritte unternommen hätten, um die nötige Aufsicht sicherzustellen.

Kallas' Prestigeprojekt

Während die Staaten trödeln, hat sich der zuständige EU-Transportkommissar Kallas nun offensichtlich dazu entschlossen, den Staaten bis zum Ende seiner Amtszeit Beine zu machen. Der Single European Sky sei eine seiner höchsten Prioritäten, sagte der Este schon im März in einem Interview mit einem Luftfahrtsmagazin.

Kurz vor seiner Reise nach Zypern liess Kallas gemäss der «Financial Times Deutschland» denn auch verlauten, dass er einige der EU-Mitgliedsstaaten, darunter Deutschland, vor dem Europäischen Gerichtshof verklagen wolle. Ein nicht namentlich genannter EU-Beamter liess sich mit den Worten zitieren, Kallas sei richtig sauer, dass es nicht mehr Fortschritte gebe.

Angst vor Beschränkung des Wachstums

Während unnötig lange Flüge die Umwelt und das Portemonnaie der Passagiere belasten, sorgt sich die EU-Kommission aber vornehmlich um das Wirtschaftswachstum. Wenn das Wirtschaftswachstum wieder anziehe, werde die beschränkte Kapazität in der Flugsicherung zur Wachstumsschranke, sagte Kallas' Kabinettschef Henrik Hololei im Juli an einer Konferenz zur europäischen Zivilluftfahrt in Strassburg.

«Die Zeit drängt», wollte Kallas laut den Vorabberichten heute in Zypern sagen. Die Kommission schätze, dass die durch die Überlastung des Luftraums verursachten Kosten bis 2050 um 50 Prozent zunehmen, wenn nichts passiere. (mw)

Erstellt: 11.10.2012, 14:29 Uhr

«Die Zeit drängt»: EU-Verkehrskommissar Siim Kallas. (Archivbild AFP)

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