Analyse

Wir sind die Besten – na und?

Zuerst die gute Meldung: Die Schweiz gilt laut WEF erneut als wettbewerbsfähigstes Land der Welt. Der Haken daran: Es ist ein Spitzenplatz ohne Bedeutung.

Das Überleben der Unternehmen – nicht aber von Ländern - hängt von der Wettbewerbsfähigkeit ab: Eine Beschäftigte von Audemars-Piguet arbeitet an einem Uhrwerk – dem Inbegriff für die Schaffenskraft der Schweizer Wirtschaft.

Das Überleben der Unternehmen – nicht aber von Ländern - hängt von der Wettbewerbsfähigkeit ab: Eine Beschäftigte von Audemars-Piguet arbeitet an einem Uhrwerk – dem Inbegriff für die Schaffenskraft der Schweizer Wirtschaft. Bild: Sandro Campardo/Keystone

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Wir sind die Besten, das ist die Botschaft des am Dienstag veröffentlichten «World Competitiveness-Report» des World Economic Forums (WEF). Die Schweiz führt dort nicht erst jetzt die Liste der wettbewerbsfähigsten Länder an; unser Land hat diese Führungsposition bereits seit fünf Jahren inne.

Doch was bedeutet diese Rangliste eigentlich? Sie sagt nicht aus, wie reich ein Land ist, dafür ist das Bruttoinlandprodukt pro Kopf ein besserer Massstab. Sie sagt auch nicht aus, wie ein Land im Aussenhandel dasteht, das kann man mit Aussenhandelszahlen besser messen. Was also heisst das überhaupt: Wettbewerbsfähigkeit?

Ein Land funktioniert anders als Unternehmen

Bei den Unternehmen ist das einfach, denn sie überleben auf die Dauer nur, wenn sie wettbewerbsfähig bleiben: Kann die Konkurrenz bessere oder günstigere Produkte auf den Markt bringen, geht jedes Geschäft zugrunde. Doch ein Land ist kein Unternehmen – es kann nicht untergehen. Und noch wichtiger: Eine Volkswirtschaft verfolgt weder den Zweck, noch ist sie davon abhängig, Güter an andere zu verkaufen. Ihr Zweck ist das Wohl der eigenen Bürger. Auch der Aussenhandel dreht sich nur darum. Es geht letztlich um einen Tausch: Wir verkaufen Güter und Dienstleistungen ins Ausland, damit wir von dort Dinge erwerben können. Ausländisches Geld hat für uns keinen Nutzen, ausser eben den, ausländische Güter und Dienste einzukaufen.

In Konkurrenz zum Ausland stehen Länder nur in Bezug auf Produktionsfaktoren wie Arbeit, Kapital und Know-how. Fliesst davon mehr in eine Volkswirtschaft, erhöht sich dort im günstigen Fall die Produktivität und die Beschäftigung. Sagen uns die Ergebnisse des Competitiveness-Reports also, dass alle guten Arbeitnehmenden und Unternehmen ihre Zelte am liebsten in der Schweiz aufschlagen würden. Leider nein.

Was also misst der Competitiveness-Report: «Wir definieren Wettbewerbsfähigkeit als ein Set von Institutionen, politischen und weiteren Faktoren, die das Level der Produktivität eines Landes bestimmen», so steht es – frei übersetzt – im Bericht selbst. Eine hohe Produktivität bedeutet, dass ein Land seine Güter und Dienste mit weniger Ressourcen erstellen kann – oder mit den gleichen Ressourcen mehr davon. Ein Land, das hier das grösste Potenzial hat, darf sich glücklich schätzen. Mit Wettbewerbsfähigkeit hat das aber wenig zu tun.

Das Problem mit den Indikatoren für die Leistungsfähigkeit

Die WEF-Ökonomen versuchen die Leistungsfähigkeit der Länder anhand von mehr als 100 Indikatoren zu messen und zu gewichten. Darunter finden sich Messgrössen für die Eigentumsrechte, für den Stand von Ethik bzw. Korruption, für die Verlässlichkeit des Justizsystems, den Stand der Regierungsfinanzen, die Regulierungsdichte, die Gesundheit der Bevölkerung, für den Bildungsstand, die Innovationsfähigkeit, den Zustand der Banken usw.

Obwohl die Ökonomen des WEF beeindruckend viele Zahlen zusammengetragen und intensiv gerechnet haben, bleibt deren Aussagekraft letztlich beschränkt. Seit Jahrhunderten sei es ein Anliegen der Ökonomen gewesen, die Gründe für den Erfolg oder Misserfolg von Nationen zu entschlüsseln, schreiben die Autoren der Studie. Dass diese Gründe für wirtschaftliche Entwicklung alles andere als entschlüsselt sind, steht allerdings nicht im Bericht.

Das gilt bis in die Details: Noch vor der Finanzkrise galten die geringe Regulierung des Finanzsektors und dessen Innovationskraft als volkswirtschaftliche Pluspunkte. Seither wurden sie als Risiken entlarvt. Staatliches Sparen mitten in der Krise kann die Lage eher verschlechtern als verbessern, somit ist auch dieser Indikator wenig aussagekräftig – erst recht nicht, wenn die Leistungsfähigkeit einer Wirtschaft im Jahresverlauf beurteilt wird. Selbst hohe Forschungsausgaben garantieren nicht den Durchbruch bahnbrechender Innovationen, wie die Geschichte zeigt.

Was die Studie alles zu den aktuellen Stärken der Schweizer Wirtschaft aufführt, ist ein Grund zur Freude. Aber allzu viele Schlüsse lassen sich aus diesen Daten nicht ziehen.

Erstellt: 04.09.2013, 17:52 Uhr

Das Lob des WEF

Die Schweiz ist gemäss einem alljährlichen Bericht des World Economic Forum (WEF) erneut das wettbewerbsfähigste Land der Welt. Auf den weiteren Plätzen folgen Singapur und Finnland. Die Vorteile der Schweizer Wirtschaft für die globale Wettbewerbsfähigkeit haben sich gemäss WEF im vergangenen Jahr nicht verändert.

Die Stärken lägen in der Innovationskraft sowie dem Bildungssystem und den Forschungsinstituten. Ausserdem besitze die Schweiz eine der wirksamsten und transparentesten Administrationen der Welt, eine hervorragende Infrastruktur sowie gut funktionierende Finanz- und Arbeitsmärkte. «Das makroökonomische Umfeld in der Schweiz ist eines der stabilsten der Welt, während viele Nachbarländer mit Schwierigkeiten konfrontiert sind», unterstreichen die Autoren. Weiter loben sie Schweizer Produkte sowie die Vielfalt der Dienstleistungen des Landes.

Im Gegenzug kritisieren die Autoren des Berichts die stark protektionistische Landwirtschaft. Zudem wird der Schweiz nahegelegt, Jugendlichen den Zugang zu Universitäten und Frauen den Zugang in die Wirtschaft zu erleichtern - zwei Punkte, in denen die Schweiz anderen Ländern hinterherhinke. Das WEF lobt derweil den Finanz- und Bankensektor, der sich schnell auf die neuen Realitäten eingelassen habe. Die Banken und Finanzinstitute schafften es immer wieder, neuen Kunden zu gewinnen, heisst es im Bericht, der auch die Bemühungen der Behörden, den Finanzsektor zu regulieren, zur Kenntnis nimmt.

Allerdings blieben Risiken bestehen - etwa die hohe Abhängigkeit der Banken vom Ausland und die hohe Rate der Hypothekenschulden. «Der Motor der Schweizer Wirtschaft - die Banken und Finanzinstitute - wird unter Aufsicht gestellt und ist gezwungen, grosse Veränderungen vorzunehmen», heisst es weiter. «Es ist wichtig, dass die Schweiz von Überregulierung und Protektionismus absieht und sich auf ihre Wettbewerbsvorteile konzentriert.» (sda)

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