Wir sind die Opfer unseres eigenen Erfolgs

Reich, innovativ, stabil: Kaum ein Land der Welt ist wirtschaftlich so erfolgreich wie die Schweiz. Jetzt spüren wir die Schattenseiten unserer Attraktivität. Lesen Sie den letzten Teil unserer Wirtschaftsserie.

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Die Schweiz, so wird hierzulande gerne und oft wiederholt, ist eines der wirtschaftlich erfolgreichsten Länder der Welt. Nur Luxemburg und Norwegen sind ähnlich reich. Finnland, Norwegen und Schweden führen gemeinsam mit der Schweiz die Liste der politisch stabilsten Staaten an, bei der Arbeitslosenquote können noch Korea und Singapur mithalten.

Das Land glänzt mit starken, exportorientierten Unternehmen und mit einem Staat, der schwarze Zahlen schreibt. Und der, am Bruttoinlandprodukt gemessen, eine der kleinsten Verschuldungsquoten weltweit vorweist. Die Schweiz ist ein Erfolgsmodell. (Sie ist sogar so erfolgsverwöhnt, dass die Empörung regelmässig riesig ist, wenn sie einmal in einer internationalen Statistik nicht zuoberst steht. Was hie und da passiert, wenn es um Frauen in der Arbeitswelt, die soziale Durchlässigkeit des Studiensystems oder die Suizidrate geht.)

Jedenfalls: Das Land ist wirtschaftlich extrem erfolgreich. Und genauso erfolgreich ist auch seine Währung.

Die Unternehmer fürchten um ihr Geschäft

Wenn Euro und Dollar schwächeln, verschieben Reiche ihr Vermögen in den Schweizer Franken. Das treibt den Preis des Frankens gegenüber anderen Währungen in die Höhe, stärkt also den Wechselkurs. Insgesamt hat der Franken gegenüber den Währungen seiner wichtigsten 27 Handelspartner seit 2005 um satte 23 Prozent zugelegt – 8 Prozentpunkte davon alleine in den letzten drei Monaten.

Jetzt klagen die Unternehmer; sie fürchten um ihr Geschäft. Denn was sie von ihren Kunden in Frankfurt oder Madrid einnehmen, ist nach der Umrechnung in Franken ein Siebtel weniger wert als vor einem Jahr. Die Kosten für die Fabrik im Jura oder in der Ostschweiz aber sind annähernd gleich hoch wie früher. Die Folge: Der Gewinn schmilzt dahin. «Diese Entwicklung ist für die Schweizer Wirtschaft dramatisch», schreibt nun sogar der bislang zurückhaltende Unternehmer-Dachverband Economiesuisse.

Zuvor hatten sich bereits zahlreiche Wirtschaftsvertreter an die Öffentlichkeit gewandt. Am prominentesten Swatch-Chef Nick Hayek, der in der «Finanz und Wirtschaft» vorrechnete, was der starke Franken für seinen Konzern bedeutet. Bis zu 1,2 Milliarden Franken Umsatzverlust in zwölf Monaten – das sind 120 Millionen mehr, als die Swatch-Gruppe letztes Jahr an Reingewinn verbuchte. Die kürzlich veröffentlichten Quartalsberichte bestätigen die Prognose: Die Mehrheit der Unternehmen büsste wegen der Frankenstärke zwischen 5 Prozent und 20 Prozent des Vorjahresumsatzes ein.

Die Schweiz wird Opfer ihres eigenen Erfolges.

Der Franken wird nicht von heute auf morgen billig werden

Die Schattenseite des Booms beschränkt sich nicht auf die Frankenstärke. Auch den Anstieg der Immobilienpreise verdankt die Schweiz ihrem Erfolg: Einerseits investieren Anleger direkt Geld in Objekte. Andererseits holen sich die ausgelasteten Unternehmen die dringend benötigten Spezialisten ins Land. Die stützen die Konjunktur und finanzieren die Sozialwerke mit, aber sie heizen über ihre Nachfrage auch die Mietpreise an. Es gibt nun mal im Leben, und das gilt gerade auch für wirtschaftliche Zusammenhänge, nichts umsonst.

Die wichtigste Erkenntnis daraus: Der Franken wird nicht von heute auf morgen billiger. Dazu ist die Schweiz schlicht zu erfolgreich. Stattdessen muss sie sich darauf einstellen, dass sie mit ihrer starken Währung wird leben müssen. Der Schmerz dürfte sich abschwächen, weil die Zulieferer- und Importpreise mit der Zeit sinken. Doch er wird, solange die Schweiz reicher, sicherer und stabiler ist als die meisten anderen Staaten der Welt, kräftig bleiben. Der Franken spiegelt die tatsächliche Stärke der Schweizer Wirtschaft. Darum ist die Nationalbank machtlos: Sie kann mit noch so viel frisch gedruckten Franken nicht die Probleme von Eurozone und USA heilen.

Wer spezialisiert ist, kann höhere Preise verlangen

Es gibt also nur einen Weg – Schweizer Unternehmen müssen sich eine Strategie einfallen lassen, die sich mit einem starken Franken vereinbaren lässt. Wie diese aussehen kann, zeigen all jene Unternehmen, die in den letzten Wochen trotz des ungünstigen Kurses solide Zahlen präsentierten. Keine Probleme haben erstens kleine Firmen, die nicht nur hier produzieren, sondern auch hier verkaufen. Für sie spielt der Währungseffekt keine Rolle. Zweitens geht es jenen gut, die ihre Güter jeweils dort herstellen, wo sie diese auch verkaufen – beispielsweise die Industriekonzerne Sulzer und ABB. Sie hebeln so den Währungseffekt aus. Drittens präsentiert gute Zahlen, wer hoch spezialisierte Produkte herstellt. Etwa der Industriekonzern Georg Fischer. Er liefert derart spezialisierte Teile, dass er von seinen Kunden höhere Preise verlangen kann.

Mit höchster Qualität und klugen Strukturen können Schweizer Firmen trotz Frankenstärke auf den Weltmärkten mithalten – ob es nun um Berghotels, Maschinen, Bankdienstleistungen oder Medikamente geht. Auch Swatch-Chef Hayek nimmt den Fehdehandschuh an: Er wolle «dank starker Marken, viel Kreativität und Innovation» Ende des Jahres einen Umsatz von 7 Milliarden Franken präsentieren. Das sind 560 Millionen Franken mehr als letztes Jahr – mit einem solchen Ergebnis würde Swatch die Wechselkurs-Einbussen auffangen.

Der Staat hingegen kann nicht viel tun, um den Druck für die Wirtschaft zu lindern. Er hat mit der Kurzarbeit ein sinnvolles Instrument geschaffen, das gerade mittelständischen Unternehmen in akut schwierigen Zeiten helfen kann. Auch das kürzlich zusätzlich gesprochene Geld für Schweiz Tourismus ist gut investiert, ebenso die Ausgaben für die Zusammenarbeit von Universitäten und Unternehmen. Zusätzliche Steuererleichterungen oder tiefere Sozialabgaben hingegen brauchen die Schweizer Firmen wirklich nicht: Auch hier ist das Land aus Unternehmersicht weltweit eines der erfolgreichsten. In kaum einem entwickelten Staat ist die Belastung so tief wie in der Schweiz.

Erstellt: 27.07.2011, 10:50 Uhr

Serie «Weltwirtschaft in der Krise»

Teil 1 hat einen Überblick über die aktuellen Brennpunkte der Weltwirtschaft gegeben, die im Beitrag und den weiteren Teilen vertieft zur Sprache kommen.

Teil 2 hat sich am Freitag mit den Ursachen und weiteren Aussichten in der Eurokrise befasst.

Teil 3 widmete sich den USA: der Verschuldung dort und den Risiken, die diese und die anhaltende Wirtschaftsschwäche für die Weltwirtschaft darstellen.

Teil 4 ging auf Asien ein, insbesondere auf China, und warum auch die Entwicklungen dort zu einer Gefahr für die Weltwirtschaft werden können.

Teil 5 wendet im Text nebenan den Blick zurück in die Schweiz. Das Land erscheint angesichts der Sorgen anderer wie ein Paradies. Doch gerade das hat Folgen, die die hiesige Wirtschaftslage bedrohen.

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