«Wir sind uns der Belastung des Negativzinses bewusst»

Die Nationalbank hält trotz zunehmender Kritik an ihrer Geldpolitik fest.

«Der Nutzen des Negativzinses ist für die Schweiz eindeutig grösser als seine Kosten»: Thomas Jordan. (Archivbild) Bild: Anthony Anex/Keystone

«Der Nutzen des Negativzinses ist für die Schweiz eindeutig grösser als seine Kosten»: Thomas Jordan. (Archivbild) Bild: Anthony Anex/Keystone

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Die Schweizerische Nationalbank (SNB) tastet die Zinsen nicht an und führt damit ihre expansive Geldpolitik fort. Konkret belässt sie ihren Leitzins sowie den Zins auf Sichtguthaben bei -0,75 Prozent, wie sie am Donnerstag im Rahmen der geldpolitischen Lagebeurteilung mitteilte.

Sie betonte ausserdem ihre Bereitschaft, bei Bedarf am Devisenmarkt zu intervenieren. Zusammen mit dem Negativzins wirke dies der Attraktivität von Anlagen in Franken entgegen und verringere dadurch den Aufwertungsdruck.

Denn die SNB sieht den Franken nach wie vor als hoch bewertet an. Der handelsgewichtete Wechselkurs sei gegenüber der letzten Lagebeurteilung vom September praktisch unverändert, so die Mitteilung weiter.

Jordan äussert sich

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) nimmt die «Nebenwirkungen des Negativzinses» ernst. Aus Sicht der Banken seien sie etwa ein Kostenpunkt, räumte SNB-Präsident Thomas Jordan am Donnerstag anlässlich der geldpolitischen Lagebeurteilung ein. «Wir sind uns dieser Belastung bewusst.»

«Wir sind aber nach wie vor davon überzeugt, dass der Nutzen des Negativzinses für die Schweiz als Ganzes eindeutig grösser ist als seine Kosten», fügte er an. Und das Bankensystem werde nur so stark belastet wie nötig.

Laut Jordan hätte eine Anhebung des Zinses drastische Folgen: «Frankenanlagen würden wesentlich attraktiver, und wir müssten mit einer raschen und starken Aufwertung rechnen.» Bei einer Anhebung auf null wäre seiner Meinung nach mit einer drastischen Abkühlung der Wirtschaft, Inflation weit im negativen Bereich sowie zunehmender Arbeitslosigkeit zu rechnen.

Der Grund, warum die Zinsen weltweit so tief sind, ist laut Jordan nur «zu einem gewissen Teil» die lockere Geldpolitik. «Der Hauptgrund aber ist, dass seit geraumer Zeit global mehr gespart und verhältnismässig wenig investiert wird.»

Dies habe mit der Demografie und geringen Produktivitätsfortschritten zu tun. «Wird mehr gespart und weniger investiert, dann sinkt der Zins, bei dem die Wirtschaft im Gleichgewicht ist», so Jordan. Dieser Entwicklung könne sich die Schweiz nicht entziehen.

Wachstum 2020: 1,5-2,0 Prozent

Der Entscheid ist keine Überraschung. Während vor einigen Monaten einige Ökonomen noch mit einer Zinssenkung gerechnet hatten, wurde diesmal praktisch unisono kein Zinsschritt erwartet. Die SNB führt damit trotz zunehmender Kritik an ihrem Negativzinskurs ihre bisherige Geldpolitik fort (lesen Sie dazu auch: (SNB-Präsident widerspricht Negativzins-Kritikern). Bekanntlich hatte die SNB mit Aufhebung des Euro-Mindestkurses am 15. Januar 2015 den Leitzins auf das aktuelle Niveau gesenkt.

Abgesehen davon geht die SNB davon aus, dass sich die Schweizer Wirtschaft im kommenden Jahr robust entwickeln wird. In der erstmals publizierten Prognose für 2020 wird mit einem Wachstum des Bruttoinlandproduktes (BIP) «zwischen 1,5 und 2,0 Prozent» gerechnet. Damit ist sie im Einklang mit anderen Prognostikern. Die Prognose für das ablaufende Jahr 2019 ist nun etwas optimistischer («rund 1%» statt «0,5 bis 1,0%»).

Die Risiken für die Weltwirtschaft bleiben in den Augen der Währungshüter aber eher nach unten gerichtet. Im Vordergrund stünden weiterhin handelspolitische Spannungen und die mögliche Übertragung der Industrieschwäche auf die Gesamtwirtschaft.

Die kurzfristigen (bedingten) Inflationsprognosen für die Schweiz wurden gegenüber September minimal gesenkt. Für 2019 geht die SNB neu von einer Inflation von 0,4 Prozent aus (alt: 0,4%). Für 2020 werden nun 0,1 Prozent (alt: 0,2%) und für 2021 0,5 Prozent (alt: 0,6%) prognostiziert.

Wie üblich äusserte sich die SNB auch zum Hypothekar- und Immobilienmarkt. Die Ungleichgewichte würden bestehen bleiben, hiess es. Insbesondere im Segment Renditeliegenschaften bestehe nach wie vor die Gefahr einer Korrektur.

Die Nationalbank beobachte die Entwicklungen am Hypothekar- und Immobilienmarkt entsprechend «weiterhin aufmerksam» und prüfe regelmässig, ob der antizyklische Kapitalpuffer angepasst werden müsse.

(oli/sda)

Erstellt: 12.12.2019, 09:33 Uhr

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