Wirbel um den bösen Wolf von der Wallstreet

Martin Scorseses Film über den Finanzjongleur Jordan Belfort, der Kleinsparer um über 200 Millionen Dollar betrogen hat, vergisst die Opfer.

Szene aus dem Film «The Wolf of Wallstreet» mit Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio.<br>Foto: Mary Cybulski

Szene aus dem Film «The Wolf of Wallstreet» mit Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio.
Foto: Mary Cybulski

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«In der Armut gibt es keine Würde ... Wenn ihr mit euren Problemen fertig werden wollt, werdet reich», brüllt Jordan Belfort zu Beginn des Films «The Wolf of Wallstreet» seinen Händlern zu, die sich umgehend ans Werk machen. 10 Jahre später ist der Schaden beträchtlich: Stratton Oakmont, wie die US-Schwindelfirma heisst, hat Kleinsparer um über 200 Millionen Dollar betrogen.

Der Film von Martin Scorsese mit Leonardo DiCaprio als Hauptdarsteller handelt von einem realen Betrugsfall aus den 80er-Jahren, der als Vorbild für Dutzende weiterer Banden diente, die nach dem Börsencrash von 1987 den Anlegern wertlose Aktien andrehten. Davon indes ist im Film keine Rede. Vergessen geht auch, dass Belfort alias DiCaprio seine Opfer nie voll entschädigte. Und die milde Strafe, mit der sich die Grossbetrüger aus der Affäre zogen.

Der Film, der nächste Woche in der Schweiz anläuft, hat in den USA erneut eine Kontroverse um die Exzesse an der Wallstreet und deren Verherrlichung ausgelöst. Hollywood hat das genutzt. In der zweiten Woche spielte der Streifen 13,5 Millionen Dollar ein, nur 28 Prozent weniger als in der Premierenwoche. Jeder Rückgang um weniger als 50 Prozent gilt in der Branche als Erfolg.

Auch in Europa ist das Interesse riesig. Die schwedische Nordea-Bank etwa organisierte für Kunden und Angestellte eine Sondervorstellung. Der Andrang war so gross, dass es eine Warteliste gab. Bei der Swedbank waren die Tickets für die Angestellten schon nach fünf Minuten vergeben. Die Börse in Mailand will den «Wolf» gleich am Handelsplatz selber vorführen, weil der italienische Vertreiber des Films kürzlich dort gelistet wurde. Auch in Paris fand die Premierenparty in der ehemaligen Börse statt.

Der Film ist eine fast dreistündige Orgie aus Sex, Drogen und Machogehabe. Die Botschaft von Regisseur Scorsese und Hauptdarsteller DiCaprio jedoch ist diese: «Ich hoffe, die Leute werden verstehen, dass wir dieses Gebaren nicht gutheissen, sondern es verurteilen», so der Schauspieler. «Für mich spiegelt Belforts Biografie alles wider, was mit der heutigen Gesellschaft nicht stimmt.» Und laut Scorsese zeigt der Film «gute Menschen, die schlechte Dinge tun».

Viele dieser schlechten Dinge gehen im Film unter: etwa, dass die Schwindelfirma in vielem vorwegnahm und an Kleinsparern testete, was der Milliardenbetrüger Bernard Madoff später weit professioneller mit reichen Kunden perfektionierte. Zwar wurden schliesslich mehr als 100 Betrüger rund um Belfort angeklagt, aber sie tauchen im Film höchstens als Clowns und Idioten auf – nicht als ausgemachte Schwindler.

Betrüger mit Wallstreet-Allüren

Irreführend ist schon der Titel. Stratton Oakmont war keine Wallstreet-Firma, sondern eine der Hinterhofklitschen, die im Schatten der Grossbanken von der Aktieneuphorie profitieren wollten. Bevölkert wurden sie von Möchtegernbankern, die wie Belfort keine Arbeit an der Wallstreet fanden oder ihre Stelle verloren hatten. Gordon Gekko sei sein Vorbild gewesen, schreibt Belfort in einer Autobiografie. Wie die Filmfigur in Oliver Stones Wallstreet-Movie habe auch er das schnelle Geld gesucht.

Eine Darstellung, die der Film kritiklos übernehme, sagt Joel Cohen. Er leitete vor 15 Jahren als Staatsanwalt in New York die Ermittlungen gegen Belfort. Laut Cohen war Belfort alles andere als eine schillernde Figur, die Jünger um sich scharte. Vielmehr sei er ein klassischer Betrüger ohne jedes Schuldbewusstsein gewesen: «Dieser Kerl hat beim Aufstehen nur daran gedacht, wie er jemand Neues ausnehmen könnte.»

Dass der Film den Gauner zu rosig zeichnet, bestätigt auch Ronald Rubin. Er arbeitete für die Börsenaufsicht SEC und ermittelte in einem der grossen Belfort-Aktienbetrugsfälle. Der Film mache es einem zu leicht, Belfort lediglich als Symbolfigur für die Geldgier an der Wallstreet zu sehen, so Rubin. «In der Realität war er ein Dieb, der jeden ausraubte, der ihm vertraute und die Schuld dann auf die Börse abschob.»

Ein Aktienhändler, der mehrere Mitglieder der Oakmont-Bande persönlich kannte, teilt die Kritik. «Ich fand es schockierend, dass der Film keine einzige Szene über die Opfer dieses systematischen Diebstahls enthalten hat», schreibt Joshua Brown auf seinem Finanzblog. «Wir sehen kein einziges Gesicht (eines Opfers). Vielmehr sind die Szenen so gestaltet, dass die Zuschauer über die naiven Kunden lachen können, während sie dem Wolf und seiner Crew applaudieren. Das ist ziemlich hässlich.»

Nach 22 Monaten wieder frei

Wie verletzend dies ist, hat eine Betroffene in einem viel beachteten offenen Brief geschildert. Christina McDowell wirft Scorsese und DiCaprio vor, die «nationale Obsession mit Geld und Status» anzuheizen und die «Geldgier und das psychopathische Verhalten» der Hauptakteure zu verherrlichen. Die Tochter eines Finanzanwalts, der im Zug des Belfort-Betrugs zu einer mehrjährigen Haft verurteilt wurde, glaubt, der Film würde eine neue Generation von Nachahmungstätern schaffen. «Die Wahrheit ist aber, dass diese Art von Verhalten Amerika in die Knie gezwungen hat.»

Am härtesten geht McDowell mit ihrem Vater Tom Prousalis ins Gericht: Er habe ihr Leben ruiniert. Was dieser in einem ebenso heftigen offenen Brief bestreitet. Der Film zeige nur «einen sehr kleinen Teil des Unterbaus des unregulierten Kapitalismus», so Prousalis. «Die Realität ist viel schlimmer.»

Belfort wurde lediglich zu vier Jahren Haft verurteilt. Er hatte gegen ein Dutzend seiner Kollegen ausgepackt und konnte so eine milde Strafe aushandeln. Nach 22 Monaten war er bereits wieder frei und fasste als Händler fauler Hypotheken wieder in der Finanzindustrie Fuss. Die Wiedergutmachung an die Opfer von über 100 Millionen Dollar hat er nie voll bezahlt. Die Behörden liessen ihn in Ruhe. Mittlerweile verdient er sein Geld als Motivationsredner und schlägt weiter Profit aus dem Betrug.

«Kreative Schwindler erfinden immer wieder neue Varianten alter Betrugssysteme», sagt Ex-SEC-Agent Rubin. «Nur sind die Aufsichtsorgane viel besser darin, den Verbrechen von gestern vorzubeugen, als jene von morgen zu verhindern.» Deshalb behält der Film mindestens in einem Punkt recht: Gier lohnt sich an der Wallstreet – fast immer.

Erstellt: 11.01.2014, 10:06 Uhr

«The Wolf of Wall Street» Trailer

Besuchte die Filmpremiere: Millionenbetrüger Jordan Belfort Foto: AP

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