Hintergrund

Zentralbanken im Blindflug

Die mächtigsten Zentralbanker stecken derzeit in Washington ihre Köpfe zusammen. Ausgerechnet aus diesem Kreis kommen erstaunliche Bekenntnisse – und die Warnung vor «bösen Nebenerscheinungen» der Krisenpolitik.

Immer, wenn der Flieger wieder abzustürzen droht, reagieren die Notenbanken mit einer neuen Geldschwemme (Quantitative Easing, QE): Fed-Chef Ben Bernanke bläst einen weiteren Geldballon auf (QE 3 wurde schon im letzten September angekündigt).

Immer, wenn der Flieger wieder abzustürzen droht, reagieren die Notenbanken mit einer neuen Geldschwemme (Quantitative Easing, QE): Fed-Chef Ben Bernanke bläst einen weiteren Geldballon auf (QE 3 wurde schon im letzten September angekündigt). Bild: Luojie, China Daily

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Was in den hochentwickelten Volkswirtschaften geschieht, verstehen wir nicht wirklich», zitiert die «Financial Times» (Artikel nur im Bezahlbereich zugänglich) Lorenzo Bini Smaghi, das frühere Mitglied des EZB-Direktoriums. Mit diesem ungewöhnlich ehrlichen Bekenntnis zu den Auswirkungen der Krisenbekämpfungsmassnahmen der Geldpolitiker gebe der italienische Ökonom die Stimmung an der Frühjahrstagung des IWF in Washington wieder, konstatiert das Wirtschaftsblatt.

Smaghi ist kein einsamer Rufer in der Wüste. Mervyn King, abtretender Chef der Bank of England, warnt, es bestünde das Risiko, «dass wir zu viel versprechen oder dass man von uns zu viel erwartet». Im Klartext: Wer glaubt, die Zentralbanken (Feuerwehr) bekämen die Krise (Feuer) rasch in den Griff, der irrt.

Historisch ohne Beispiel

«Wir befinden uns in einem Blindflug, sogar wenn man Jahrhunderte zurückgeht», schrieb letzte Woche Deutsche-Bank-Analyst Jim Reid zur Geldschwemme der Zentralbanken von Washington über Tokio und London bis nach Frankfurt. Will heissen: Man befindet sich in einem Experiment, dessen Ausgang äusserst ungewiss ist.

Es gibt keine Erfahrungswerte, auf die man sich abstützen könnte. «Selbst die Erfahrungen mit Japan helfen hier nur unwesentlich weiter», sagt Ökonom Felix Brill von Wellershoff & Partner im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Japan versucht seit über 20 Jahren, die Folgen der geplatzten Immobilienblase zu bewältigen. Der Erfolg blieb aus. Im Gegenteil: Die japanische Wirtschaft schwankt seither zwischen Rezession und Miniwachstum hin und her, und die Staatsverschuldung schwingt sich in immer luftigere Sphären empor.

Goldpreissturz lenkt den Fokus von Inflation ab

Aber wenn Japan nicht in den Griff zu bekommen ist, was muss man erst recht von Rettungsmassnahmen von gegenseitig abhängigen Megavolkswirtschaften erwarten?

Mit dem Fokus auf die Gefahren der bisherigen lockeren Geldpolitik von Washington bis Tokio war zumeist die Rede von der Inflationsgefahr. Die Geldschwemme werde langfristig zu unerwünscht grosser Inflation führen, so die Warner. Doch mit dem jüngsten Preissturz beim Gold, dessen unaufhaltbarer Anstieg der letzten Jahre mit der Inflationsangst in Verbindung gebracht wurde, rückt diese Begründung in den Hintergrund.

Boom bei Unternehmenskrediten

Dafür ist nun die Rede von «bösen Nebenerscheinungen» («Financial Times»), welche die bisherigen Rettungsversuche nach sich ziehen. Der IWF benennt dafür drei potenzielle Risiken, die alle mit der lockeren Geldpolitik zu tun hätten:

  • Unternehmen – vor allem in den USA – kämen derzeit zu leicht an Kredite (Anleihen), die Risikokontrolle würde zu lasch gehandhabt. Dieser Markt habe einen Status erreicht, der normalerweise für eine späte Phase eines Boom-Bust-Zyklus (steter Anstieg, gefolgt von einem abrupten Absacken) spreche. Für Ökonom Brill ist klar: «Kapitalgeber gehen auf der Suche nach guten Renditen grössere Risiken als üblich ein. So können Projekte finanziert werden, die sonst kaum vom Kapitalmarkt alimentiert würden.»
  • Billiges Geld schwappt in die aufstrebenden Märkte, vor allem in Form von Krediten für dort ansässige Firmen. Damit würden diese Unternehmen in den Sog von Währungsrisiken gezogen. Schwankungen an den internationalen Devisenmärkten träfen so auch die aufstrebenden Märkte empfindlich. Brill dazu: «Vor allem in den USA ist billiges Geld derzeit im Überfluss vorhanden. Sind die Heimmärkte gesättigt, schauen sich Investoren auch in anderen Märkten nach Finanzierungsprojekten um, welche eine gute Rendite versprechen.»
  • Ein Ende der expansiven Geldpolitik könnte einen sprunghaften Anstieg der Marktzinsen nach sich ziehen, und das wiederum würde den Kreditmarkt und die gesamte US-Wirtschaft destabilisieren.

Auch bezüglich dieser Risiken befindet man sich im Blindflug. Gibt es eine Blase bei den Unternehmenskrediten? Wenn ja, wann platzt sie? Oder hat man die Lage doch im Griff? Zentralbanker seien besorgt, dass immer noch exotischere geldpolitische Experimente gemacht würden, meint der frühere EZB-Banker Smaghi. Fed-Vize Janet Yellen hingegen betont, die US-Notenbank hätte die richtige Balance gefunden. Auf den Punkt bringt es der IWF-Verantwortliche für Finanzstabilität José Vinals: «Sagen wir es kurz: Wir befinden uns auf unerforschtem Terrain.»

Erstellt: 18.04.2013, 13:36 Uhr

Artikel zum Thema

Die Tragik der Eurokrise

Never Mind the Markets Never Mind the Markets Die Arbeitslosenraten in den Ländern der Eurozone stehen auf Rekordniveau. Leider sind es zwei komplett divergierende Rekorde. Zum Blog

«Die Eurofantasten wollen ihr Baby auf keinen Fall sterben lassen»

Interview Die Eurokrise lässt sich nicht stoppen, sagt Europa-Kenner Dieter Freiburghaus. Zypern sei nur ein weiterer Fall, «bis der Euro auseinanderbricht». Europa müsse zurückgebaut werden, so der Professor. Mehr...

Die chronische Politkrise

Never Mind the Markets Never Mind the Markets Mit dem Chaos in Italien ist die Eurokrise wieder da. Die Ereignisse machen klar, dass Ursache und Hauptrisiken nicht wirtschaftlicher, sondern politischer Natur sind. Zum Blog

Besorgte Gesichter: IWF-Chefin Christine Lagarde am Jahrestreffen in Washington.

Die IWF-Prognose

Die lodernde Schuldenkrise im Euro-Raum lässt beim Internationalen Währungsfonds (IWF) die Alarmglocken schrillen. Denn nun droht auch Frankreich und damit ein Schwergewicht der Euro-Zone in die Rezession abzugleiten. Der IWF prognostiziert Frankreich für 2013 eine um 0,1 Prozent schrumpfenden Wirtschaftsleistung. «Dies könnte Fragen aufwerfen hinsichtlich der Fähigkeit der Euro-Kernländer, den Randstaaten bei Bedarf zu helfen.» Mittelfristig drohe der Euro-Zone eine andauernde Stagnationsphase.

«Die Aussichten für die Weltwirtschaft haben sich erneut verbessert, doch bleibt die Erholung in den Industrieländern holprig», lautet der Gesamtfazit des IWF.

Der Europäischen Zentralbank legt der IWF eine geldpolitische Lockerung nahe, da in etlichen Krisenländern am Rande der Euro-Zone die Zinsen noch zu hoch seien. Ansonsten könnten Staaten wie Deutschland, denen es finanzpolitisch relativ gut gehe, ihre Spielräume nutzen und mehr für das Wachstum tun, empfiehlt der Fonds.

Anders als Europa sagte der IWF den USA ein solides Wachstum voraus. Japan werde wegen seiner super-expansiven Geld- und Fiskalpolitik deutlich an Wachstumskraft gewinnen. In China bleibe es trotz minimaler Einbussen bei hohen Zuwachsraten. Das chinesische Bruttoinlandprodukt wuchs von Januar bis März allerdings nur um 7,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und damit nicht so stark wie unter Konjunkturbeobachtern erwartet. Rund um den Globus wird das Wirtschaftswachstum gemäss IWF-Prognosen in diesem Jahr 3,3 Prozent betragen. 2014 soll die weltweite Konjunktur um 4,0 Prozent zulegen. (sda)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Die Kunst des Überlebens: In der Royal Academy of Arts in London schwimmen 50 Ohrenquallen als Teil einer Kunstinstallation in ihrem Aquarium. Die Meerestiere sind einige der wenigen, die vom Klimawandel profitieren. (20. November 2019)
(Bild: Hollie Adams/Getty Images) Mehr...