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Alle wollen Wald, niemand das Schweizer Holz

Während ausländisches Holz über die Grenze gekarrt wird, bleiben viele Schweizer Bäume in den Wäldern stehen. Das soll sich nun ändern.

Sägerei im Simmental: Wegen des Frankenschocks musste die Holzbranche schlagartig die Preise senken.
Sägerei im Simmental: Wegen des Frankenschocks musste die Holzbranche schlagartig die Preise senken.
Valérie Chételat (Archiv)

Erich von Siebenthal besitzt ein Waldstück in der Nähe von Gstaad. Ein schwer zugängliches Waldstück in steilem Gelände. Hier Holz zu fällen ist aufwendig. Deshalb lässt es der SVP-Nationalrat und Präsident des Bernischen Waldbesitzerverbands im Moment ganz bleiben. Er holt noch Brennholz für seine Holzheizung aus dem Wald. Bauholz aber, Holz zum Verkauf, fällt er zurzeit keines mehr. Es lohnt sich nicht. Der Preis, den ihm die Sägereien dafür zahlen würden, ist zu tief. Die Einnahmen würden nicht einmal den Arbeitsaufwand decken. Andere Besitzer von Wald in Hanglagen kommen zunehmend zum selben Schluss, zumindest die Privaten. Ihnen gehört knapp ein Drittel des Schweizer Waldes. «In diesen Wäldern, vor allem in den schwer zugänglichen, wird heute kaum noch geholzt», sagt von Siebenthal. Anders ist es in den Wäldern, die der öffentlichen Hand gehören. Dem Kanton Bern beispielsweise, der so viel Wald besitzt wie niemand sonst in der Schweiz. 127 Quadratkilometer sind es, das entspricht der Fläche von Thuner-, Brienzer- und Bielersee zusammen. Der Kanton holzt aufgrund der tiefen Preise nicht weniger als zuvor. Er fällt jedes Jahr so viel Holz wie nachwächst: 80'000 Kubikmeter. Würde dieses Holz auf Güterwagen verladen, ergäbe das einen Zug von Thun bis Bern, wie die Volkswirtschaftsdirektion auf ihrer Website schreibt.

Wald pflegen, Sägereien beliefern

Der Kanton Bern holzt jedoch nicht nur aus finanziellen Gründen. Es geht auch darum, den Wald zu pflegen. Denn Wald dient als Schutz gegen Lawinen oder als Erholungsgebiet. Um Wald nachhaltig zu pflegen, müsse Holz geerntet werden, erklärt Michael Gloor, der den Staatsforstbetrieb des Kantons Bern leitet. Zudem würden mit dem Holz einheimische Sägereien beliefert.

Ein Problem sind die tiefen Holzpreise aber auch für den Kanton Bern. Verschärft hat sich die Situation vor fast genau zwei Jahren, als die Schweizerische Nationalbank die Frankenuntergrenze aufhob. Wodurch ausländisches Holz sozusagen über Nacht mehr als 10 Prozent günstiger wurde. Die Schweizer Holzbranche hatte keine Wahl: Wollte sie nicht allzu viele Aufträge ins Ausland verlieren, musste sie nachziehen und die eigenen Preise ebenfalls senken.

Kantonsförster Gloor hält fest, es sei schon vor der Aufhebung der Euro-Untergrenze eine Herausforderung gewesen, den Wald kostendeckend zu bewirtschaften. Seither seien die Holzpreise über 10 Prozent gefallen. Dennoch geht die Rechnung für den Kanton Bern offenbar einigermassen auf: Die Kosten würden durch die Holzerlöse «grösstenteils gedeckt», schreibt Gloor. Die Waldbewirtschaftung sei kostendeckend. Das liege daran, dass die öffentlichen Besitzer grössere Waldflächen besässen und daher auch solche, die leichter bewirtschaftbar seien, sagt Erich von Siebenthal. Somit sei das Holzen für sie günstiger. Für die Privaten lohne es sich bei ungünstiger Topografie jedoch nicht. Sie liessen deshalb die Bäume stehen. Während hierzulande weniger Holz gefällt wird, werden jeden Monat knapp 160 000 Tonnen Rohholz, Halbfabrikate aus Holz sowie Fertigprodukte aus Holz in die Schweiz importiert, wie die Zahlen der Eidgenössischen Zollverwaltung zeigen.

Bauen mit Holz boomt

Denn die Nachfrage nach Holz ist hierzulande gross. Holz als Baustoff boomt regelrecht. Das Material ist nachhaltig und damit im Trend. Doch vor allem bei Grossbaustellen wird oft nicht Schweizer Holz verwendet. «Dort wird zu 70 Prozent ausländisches Holz verarbeitet», sagt von Siebenthal. Gemäss Angaben des Bundesamts für Umwelt (Bafu) stammt insgesamt die Hälfte des in der Schweiz verwendeten und verkauften Holzes aus dem Ausland. Denn obwohl die Schweizer Holzbranche ihre Preise gesenkt hat, sind diejenigen der ausländischen Anbieter noch immer tiefer. Beim Langnauer Holzverarbeiter Balz Holz heisst es, grosse Mengen könne man aus dem nahen Ausland bei vergleichbarer Qualität 15 bis 25 Prozent günstiger einkaufen. Dabei seien die längeren Transportwege eingerechnet. Bei gewissen Produkten verwendet Balz Holz trotzdem ausschliesslich Schweizer Holz. Das Unternehmen erlebt es aber oft, dass es bei Offerten gegen günstigere Mitbewerber aus dem Ausland unterliegt. «Leider erhalten wir Absagen, wenn nur der Preis zählt und weitere Punkte wie Ökologie, regionale Produktion oder Herkunft keine Bedeutung haben», teilt Betriebsleiter Andreas Schmutz mit.

Von der Politik fühlen sich viele in der Holzbranche vernachlässigt. Vor allem weil man sie in der Diskussion um die Verlierer des Frankenschocks vergessen habe. In einer Mitteilung des Verbands Holzindustrie Schweiz vom vergangenen Jahr heisst es: «Das Seco denkt offenbar immer noch, dass ‹nur› die exportorientierten Metall- und Elektrobranchen von der Frankenstärke betroffen sind.»

Und dann war da noch die Sache mit den tschechischen Fenstern für das Bundeshaus. Das sei ein «Alarmsignal» gewesen, schreibt Hansruedi Streiff, Direktor des Verbands Holzindustrie Schweiz. «Würde Paris mit nicht-französischem Holz bauen, Wien mit nicht-österreichischem?», fragt er. Der Verband setzte sich in der Revision des Waldgesetzes daher für einen Passus ein, der besagt, dass Holzbauten, die von der öffentlichen Hand mitfinanziert werden, mit Schweizer Holz erbaut werden müssen. Doch das Anliegen fand kein Gehör. Stattdessen heisst es nun im revidierten Waldgesetz, das Anfang Januar in Kraft trat, dass das Holz aus nachhaltigen Quellen stammen müsse. Das sei das Minimum, schreibt Streiff. Für die Schweizer Holzindustrie bringe es aber keine Vorteile. Denn auch die meisten Importe kämen aus Ländern mit nachhaltiger Forstwirtschaft.

Bedeutet nachhaltig aber nicht auch kurze Transportwege? Laut Bafu kann das nicht generell definiert werden. Es brauche immer eine Einzelfallprüfung, schreibt Rolf Manser, Chef der Abteilung Wald. Die graue Energie sei ein Kriterium bei der Beurteilung der Nachhaltigkeit. Von Siebenthal sagt, er werde bei der Umsetzung genau hinschauen. Holz aus dem Ausland in die Schweiz zu transportieren, sei nicht nachhaltig.

Kampagne für Schweizer Holz

Das Bafu will der Holzbranche nun aber selbst unter die Arme greifen. Heute lanciert das Bundesamt eine Kampagne, welche Bauherren und Möbelkäufer für die Vorzüge von Schweizer Holz sensibilisieren soll. Aus Holz geschnitzte Statuen von bekannten Schweizer Persönlichkeiten sollen dafür sorgen, dass einheimisches Holz mehr Beachtung erhält. In der Branche kommt das gut an. Das sei sinnvoll, heisst es bei Balz Holz. Und auch von Siebenthal hält eine solche Kampagne für nötig, sofern sie denn verständlich und volksnah sei.

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