«Als Ökonom finde ich das Experiment wahnsinnig aufregend»

Der Brexit schockiert Europa. Der Ökonom Klaus Wellershoff sagt, was dies für die Wirtschaft, die Schweiz und den Finanzsektor in London bedeutet.

«Die EU hat jetzt weder die Zeit noch die Ressourcen, sich um Schweizer Anliegen zu kümmern»: Klaus Wellershoff.

«Die EU hat jetzt weder die Zeit noch die Ressourcen, sich um Schweizer Anliegen zu kümmern»: Klaus Wellershoff.

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Grossbritannien wird die EU verlassen. Welche Konsequenzen hat das für die britische Wirtschaft?
Die Wahrscheinlichkeit einer Rezession in Grossbritannien ist jetzt sehr gross. Trotz Pfundschwäche wird die Bank of England die Zinsen daher kaum anheben können. Die Inflation steigt und wir stehen vor einer Regierungskrise. Das ergibt einen unangenehmen Cocktail für die Konjunktur.

Was sind die Folgen für die Schweiz?
Der Euro-Franken-Kurs hat reagiert. Doch gehen wir davon aus, dass das nur eine kurzfristige Entwicklung ist. Der Grund dafür ist einfach: die Briten treten aus, die Eurozone ist davon nicht berührt. Selbst wenn die Dänen auch noch aus der EU austreten würden, hätte der Euro noch kein fundamentales Problem.

Wird es für die SNB in den kommenden Tagen nicht hektisch?
Heute ist es hektisch. Die SNB hat sich selbst verpflichtet, beim Wechselkurs zu intervenieren.

Wo wird der Euro-Franken-Kurs nach der Brexit-Aufregung landen?
Kurzfristige Prognosen sind unseriös. Es kann noch viel passieren. Beispielsweise finden am Wochenende in Spanien Wahlen statt. Das einzige, was Ökonomen sagen können ist, dass der Franken gegenüber dem Euro deutlich überbewertet ist. Solche Situationen lösen sich über die Zeit auf. Das war nach der Aufhebung der Franken-Euro-Untergrenze so, und wird jetzt wieder der Fall sein.

Die unmittelbare Marktreaktion ist negativ. Wann wird sich die Lage beruhigen?
Für die Finanzmärkte gibt es nicht nur das Problem Brexit. Der Weltwirtschaft geht es insgesamt nicht gut. Die USA stehen knapp vor einer Rezession, China und Japan geht es ähnlich. Brasilien und Russland sind in einer Rezession. Nur die europäische Wirtschaft wächst. Zudem werden die Inflationsraten in den nächsten sechs bis neun Monaten drastisch ansteigen, nur schon wegen der Ölpreisentwicklung. Diese Kombination aus schwachem Wachstum und steigender Inflation ist schwierig.

Was bedeutet das?
Die Finanzmärkte stehen vor unruhigen Zeiten. Die Brexit-Sorgen könnten nahtlos in Weltwirtschafts-Sorgen übergehen. In den USA finden bald Wahlen statt. Dort sind die Perspektiven für den Finanzmarkt ebenfalls nicht rosig. Donald Trump brächte Unsicherheit, Hillary Clinton mehr Regulierung.

Experten, Finanzmärkte und Wettanbieter haben nicht mit dem Brexit gerechnet. Warum lagen sie falsch?
Es zeigt, dass die Prognoseinstrumente dann fehlerhaft sind, wenn Themen oder Kandidaten viele Nichtwähler ansprechen. Es könnte in den USA eine ähnliche Entwicklung geben. Donald Trump liegt bei den Umfragen weit hinten. Das könnte aber nur daran liegen, dass seine Wähler bei den Umfragen nicht erreicht werden.

Wie wird der Austritt Grossbritanniens ablaufen?
Der Austritt dürfte schneller erfolgen, als viele denken, denn die Brexit-Befürworter werden auf einen raschen Austritt drängen. Es wird jetzt zu harten Verhandlungen zwischen Grossbritannien und der EU kommen. Das wird zwei Jahre lang für viel Lärm und Streit sorgen.

Werden weitere Staaten dem Beispiel Grossbritanniens folgen?
Die EU-Skeptischen Kräfte werden Auftrieb erhalten und lauter werden. Es gibt in der EU aber nur drei wirklich kritische Staaten. Das sind Dänemark, Finnland und eben Grossbritannien. Staaten in der Peripherie, die oft als Austrittskandidaten gehandelt werden, stellen ihre Mitgliedschaft nicht in Frage. Wegen der Sparprogramme ist dort die Kritik an der EU gestiegen, trotzdem sind sogar die Griechen für einen Verbleib in der EU.

Das heisst?
Die, die jetzt raus wollen, werden genau verfolgen, wie die Verhandlungen von Grossbritannien und der EU ablaufen. Bis diese nicht beendet sind, wird gar nichts passieren.

Wird sich für Grossbritannien überhaupt etwas ändern, das Land könnte über bilaterale Verträge eingebunden werden?
Das scheint mir unmöglich. Natürlich ist es so, dass andere EU-Länder ihre eigenen Interessen vertreten. In Europa wird jetzt die eine oder andere Rechnung beglichen und der eine oder andere britische Sektor wird geschwächt und das Geschäft in die EU geholt. Zudem wird an Grossbritannien wohl ein Exempel statuiert, auch um gegenüber anderen Staaten ein Zeichen zu setzen.

Kommt nun der Finanzsektor in London an die Kasse?
Die City of London, also der Finanzplatz, war in den letzten dreissig Jahren eine grosse Erfolgsgeschichte. Sie ist heute die Finanzmetropole Europas. Viele Arbeitsplätze und eine hohe Wertschöpfung hängen daran. Irland, Frankreich, Deutschland und Luxemburg werden ein Stück von diesem Kuchen wollen. Ihre Chancen stehen gut.

Die Schweiz wird leer ausgehen.
Ja, die Gefahr für die Briten geht aber noch weiter. Das Land steht noch viel schlechter da als wir, es hat keine Bilateralen Verträge wie die Schweiz. Das bedeutet: ohne neue Verträge droht in den EU-Beziehungen der Status eines Schwellenlandes.

Was bedeutet die Blockade der EU für die Schweiz?
Der Bundesrat hat sich vorgenommen im Sommer Fortschritte beim Dossier Masseneinwanderung zu erzielen. Dieser Plan ist jetzt Makulatur. Die EU hat jetzt weder die Zeit noch die Ressourcen sich um Schweizer Anliegen zu kümmern.

Die Schweiz muss hinten anstehen.
Das ist nicht gut. Doch die Vorstellung des Bundesrats, war wohl auch vorher nicht glaubwürdig. Bei der EU grosse Fortschritte zu erzielen, bei einer im Wesentlichen unvereinbaren Position, ist unrealistisch. Die Verunsicherung gegenüber Europa ist in der Schweiz gross. Die Kräfte, die sie geschürt haben, werden sich nun nicht mehr vor der Verantwortung drücken können, dass sie damit dem Wirtschaftsstandort Schweiz einen erheblichen Schaden zugefügt haben.

Wo ist das Problem?
Die Schweiz hält sich aus dem europäischen Dialog heraus. Es ist falsch zu glauben, dass die EU auf die Schweiz wartet. Alle Diskussionen, die für das Land wichtig sind, finden ohne uns statt. Uns droht die Isolation und das ist sehr schwierig.

Stimmt Sie am Brexit-Votum auch etwas positiv?
Persönlich finde ich es als Ökonom wahnsinnig aufregend, dass wir ein spannendes Experiment verfolgen können. Nun wird sich zeigen, wie ein wirtschaftlich eng verflochtenes Konstrukt aufgelöst wird. Es wird sich auch verfolgen lassen, welche Folgen das hat. Bislang liess sich nur darüber spekulieren. Doch hat das Experiment auch negative Folgen.
Ja, mir tun die Menschen leid, die dieses Experiment erleben müssen. Und es kommt noch eine politische Dimension hinzu: Ich war vor wenigen Tagen an einer Gedenkfeier für die Skagerrak-Schlacht von 1916. Das war die grösste Seeschlacht der Geschichte. Noch im Sommer 1914 konnte sich niemand vorstellen, dass es Krieg geben wird. Nationalismus kann eine unheimliche Dynamik auslösen.

Erstellt: 24.06.2016, 12:40 Uhr

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