Arbeitslosigkeitsrisiko für Jugendliche hat sich erhöht

Eine neue KOF-Studie zeigt auf: Trotz Hunderttausender neuer Stellen ist die Zahl der Jobsuchenden gestiegen.



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Für Frauen in der Schweiz hat sich das Risiko, arbeitslos zu werden, in den vergangenen 20 Jahren deutlich verringert im Vergleich zu Männern mit gleichem Alter und Ausbildungsniveau. Und das, obwohl Frauen in besagtem Zeitraum in weitaus grösserer Zahl erwerbstätig geworden sind. Das «weibliche» Arbeitslosigkeitsrisiko ist zwar weiterhin grösser als das «männliche» – dennoch bezeichnet Michael Siegenthaler die «substanziell verbesserte Stellung der Frauen am Arbeitsmarkt» als eines der auffälligsten Ergebnisse einer gestern veröffentlichten Studie mit dem Titel «Für wen erhöhte sich das Risiko in der Schweiz, arbeitslos zu werden?»

Siegenthaler ist Mitautor der Studie, die von der KOF (Konjunkturforschungsstelle an der ETH Zürich) herausgegeben worden ist. Als Gründe für das relativ günstige Abschneiden der Frauen gegenüber den Männern am Arbeitsmarkt nennt der KOF-Ökonom die bessere Ausbildung der Frauen sowie den Umstand, dass «Frauen immer mehr Berufserfahrung mitbringen, weil sie sich nach der Ausbildung weniger aus dem Arbeitsmarkt zurückziehen». Hinzu kommt laut Siegenthaler, dass im Gesundheits- und Bildungswesen, wo überproportional viele Frauen beschäftigt sind, in den letzten Jahren besonders viele neue ­Stellen geschaffen wurden.

Eine Frage der Statistik

Demgegenüber hat sich für Jugendliche (15 bis 24 Jahre alt) das Arbeitslosigkeitsrisiko im Laufe letzten zwei Jahrzehnte merklich erhöht. Abzulesen ist dies an der Arbeitslosenrate für Jugendliche: Hatte sie zwischen 1991 und 1993 weniger als 5 Prozent betragen, so lag sie im ersten Quartal 2015 bei 7,5 Prozent. Die Zahlen entstammen der Erwerbslosenstatistik, welche das Bundesamt für Statistik (BFS) gemäss den Kriterien der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) führt. Einzig sie sind nach Meinung von Siegenthaler aussagekräftig. «Wenn hierzulande von einer Jugendarbeitslosigkeit von 3 Prozent die Rede ist, dann ist das nicht korrekt», sagt der KOF-Experte mit Verweis auf die vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) erhobenen ­Arbeitslosenzahlen.

Während das Seco seine Zählung auf die bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren registrierten Arbeitslosen beschränkt, ist die Erwerbslosenstatistik gemäss ILO-Kriterien breiter gefasst. Besonders augenfällig wird der Unterschied der beiden Erhebungskonzepte bei arbeitslosen Jugendlichen, wie ­Siegenthaler ausführt: Da sie noch kein Arbeitslosengeld erhalten, ist ihr Anreiz, sich zu registrieren, gering. Daher fallen sie bei den Seco-Arbeitslosenzahlen heraus, während sie in den BFS-Erwerbs­losenzahlen enthalten sind.

«Regelrechtes Jobwunder»

Siegenthaler will denn auch die KOF-Studie nicht zuletzt als «Appell» verstanden wissen, das Augenmerk stärker auf die «konzeptionell bessere Arbeitslosenstatistik» zu richten – eben auf die breiter gefasste Erwerbslosigkeit. Verwendet man ihre Zahlen für einen Langfristvergleich, so wird deutlich, dass die Schweizer Erwerbslosenquote seit Anfang dieses Jahrhunderts – als sie sich zwischen 2 und 2,5 Prozent bewegte – trotz zwischenzeitlicher Rückgänge gestiegen ist und sich seit 2013 mehr oder weniger deutlich oberhalb der 4-Prozent-Marke eingependelt hat. Die letzte verfügbare Zahl für das erste Quartal 2015 weist eine Quote von 4,4 Prozent aus.

«Natürlich klagen wir in der Schweiz auch bei diesem Stand immer noch auf einem sehr hohen Level», räumt Siegenthaler ein. Zu denken geben müsse jedoch, dass die Erwerbslosigkeit zugenommen habe, obwohl zwischen 2004 und 2014 über 700'000 neue Erwerbstätige einen Arbeitsplatz fanden, «und wir entsprechend ein regelrechtes Job­wunder erlebt haben».

Die KOF-Studie zieht daraus den Schluss, dass die höhere Arbeitslosigkeit in der Schweiz höchstwahrscheinlich strukturelle Gründe hat. Sie wäre, mit anderen Worten, nicht auf den Konjunkturverlauf zurückzuführen. Insbesondere für die Jahre 2003 bis 2005 sowie 2012 bis 2014 registrierten die Studienautoren einen Anstieg der strukturellen Arbeitslosigkeit. Wobei Letzterer besonders ausgeprägt war: Selbst eine zunehmende Zahl offener Stellen konnte nicht verhindern, dass sich die Erwerbslosenquote erhöht hat.

Zu den Verlierern auf dem Arbeitsmarkt zählen – neben den Jugendlichen, denen es meist an beruflicher Erfahrung fehlt – Menschen mit tiefem Bildungsgrad, aber auch solche in «mittel bezahlten Berufsgruppen», wie es die KOF ­formuliert. Insbesondere Personen mit einem Matura- oder Lehrerseminar­­abschluss seien zunehmend von Arbeitslosigkeit betroffen.

Erstellt: 21.07.2015, 21:36 Uhr

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