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Besser möblierte Berge als verlassene Dörfer

Die Empörung über künstliche Funparks in den Alpen ist überzogen. Denn die touristische Nutzung verhindert Schlimmeres.

MeinungEdgar Schuler
Wie viel Fun ist zuträglich? Sommerschlittelbahn in Appenzell Innerrhoden. Bild: Keystone
Wie viel Fun ist zuträglich? Sommerschlittelbahn in Appenzell Innerrhoden. Bild: Keystone

193 Funparks, das hat die Naturschutzorganisation Mountain Wilderness herausgefunden, finden sich heute in den Schweizer Bergen. Tendenz: Explosiv zunehmend. Die meisten – 130 – dieser Hüpfburgen, Sommerschlittelbahnen, Seilparks und anderen «Spassgaranten» (Originalton aus den Flumserbergen) sind erst in den letzten acht Jahren entstanden. Zahllose weitere sind geplant, wie die «SonntagsZeitung» berichtete. Schrecklich, finden Umweltschützer. Wirtschaftlich notwendig, sagen Bergbahn- und Kurdirektoren.

Für sie sind die neuen Angebote eine Investition in Gegenwart und Zukunft des Fremdenverkehrs. Das lahmende Wintergeschäft soll im Sommer kompensiert werden. Die Bahnen lassen sich so besser auslasten. Die Alpenschutzorganisation Mountain Wilderness hingegen klagt an: Geschäftsleiterin Maren Kern spricht mit Schaudern von der «Möblierung der Alpen». Ruhesuchende Städter, die gern frühmorgens in Gottes freier Natur bergan schreiten, werden ihr zustimmen.

Nun beruht der Protest zunächst auf einem Missverständnis: Was wir als «unsere Schweizer Alpen» kennen, war nie eine unberührte Naturlandschaft. Keine Wildnis, wie der Name der Umweltorganisation suggerieren möchte. Bis hinauf auf die höchsten genutzten Alpweiden hat der Mensch während Jahrhunderten die Berglandschaft geformt, Milchwirtschaft betrieben, sie als Lebensraum genutzt.

Mit dem Kletterpark CLiiMBER und der Rodelbahn FLOOMZER hat Flumserberg «den Sommer aktiviert».
Mit dem Kletterpark CLiiMBER und der Rodelbahn FLOOMZER hat Flumserberg «den Sommer aktiviert».
Michele Limina
Alpenschützer kritisieren die «Möblierung» der Berge.
Alpenschützer kritisieren die «Möblierung» der Berge.
Michele Limina
Wandern in der Natur oder der Adrenalin-Kick auf dem Schlitten . . .
Wandern in der Natur oder der Adrenalin-Kick auf dem Schlitten . . .
Michele Limina
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Der Tourismus, der im 19. Jahrhundert dank reichen Engländern hier entstand, war nicht erfolgreich wegen der puren Natur, der Gipfel und Gletscher. Nein: Geschäftstüchtige Bergler inszenierten diese Spektakel für ihre Gäste. Vom Bergweg bis zur Seil- und Zahnradbahn, vom Hotelpalast mit Aussicht bis zur abgelegenen SAC-Hütte mit Plumpsklo: Ohne diese, ja, Möblierung der Alpen wäre die Schweiz ärmer, wirtschaftlich wie kulturell. Der Tourismus trägt dazu bei, dass auch in Berggebieten die Bevölkerung ein Auskommen hat.

Heute ist die Konkurrenz an sonnensicheren Badestränden mit Spassgarantie riesig. Dank Easyjet und Co. ist sie schnell und günstig zu erreichen. Darum ist es verständlich, wenn Bergtouristiker darüber nachdenken, was sie ihren Kunden über das reine Bergerlebnis hinaus bieten können. An den Bergen selber werden sie mit Funparks kaum etwas ändern. 193 Anlagen in der kleinen Schweiz tönt nach viel. Aber die Zahl unberührter Flecken im Alpenraum dürfte noch schneller wachsen. Die Abwanderung ins Tal ist ungebrochen, Hotels schliessen, Alpweiden, Weiler und Dörfer verschwinden unter Gestrüpp. Die Renaturierung der in Jahrhunderten gewachsenen Kulturlandschaft Alpen ist womöglich das grössere Problem als ein paar Hüpfburgen.

Ein Einwand allerdings ist angezeigt: Wer seine Feriendestination zum Funpark macht, muss mit diesem Etikett dann leben. Und wird austauschbar. Ob man nach Rust in den Europapark fährt oder in die Flumserberge, um mit dem «Floomzer» zu Tale zu rasen, macht dann kaum noch einen Unterschied. Ausser dass der Europapark über die Mittel verfügt, ständig weiter in Attraktionen zu investieren. Während sich der Neuigkeitswert des «Floomzer» schnell abnutzt. Die Feriendestinationen müssen abwägen: Wie viel Fun ist einer Entwicklung zuträglich, die nicht nur morgen und übermorgen die Kassen füllt – sondern den Kulturraum Alpen langfristig lebenswert macht?

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