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Bittere Pillen für China

Dem Wirtschaftswunderland China geht die Puste aus. Das Milliardenvolk muss sich auf langsameres Wachstum einstellen – was keineswegs schlecht sein muss.

Dem chinesischen Entwicklungsmodell geht die Luft aus: Arbeiter auf einer Baustelle. (16. Januar 2014)
Dem chinesischen Entwicklungsmodell geht die Luft aus: Arbeiter auf einer Baustelle. (16. Januar 2014)
Reuters

Die Diagnose klingt erschreckend: Wachstum auf Pump, hohe Verschuldung, Instabilität am Finanzmarkt, Überkapazitäten in der Industrie und Lagerbestände auf Rekordniveau. Seit zwei Jahren schon erlebt das einstige «Wirtschaftswunderland» China das langsamste Wachstum seit Ende der 90er Jahre. Auch 2013 waren es wieder nur 7,7 Prozent. Besserung ist nicht in Sicht: In diesem Jahr soll es sogar noch weniger werden, da China schmerzhafte Reformen plant. Der Abschwung dürfte auch die europäische Exportindustrie treffen, wenn China weniger Maschinen und Industrieanlagen kauft.

«Dem chinesischen Entwicklungsmodell, über kreditfinanzierte Investitionen das Wachstum anzukurbeln, geht die Luft aus», sagt der frühere Professor an der Tsinghua Universität, Patrick Chovanec. Auch die Handlungsmöglichkeiten der neuen Führung schrumpften, erläutert der heutige Chefstratege der US-Anlagenverwaltung Silvercrest. «Es bedarf mehr und mehr Kreditvergabe, doch es kommt immer weniger Wachstum dabei heraus.» Die Regierung stecke in einem Dilemma. «Sie muss die Kreditvergabe eindämmen, aber das bedeutet weniger Wachstum.»

Kredithahn leicht zugedreht

In der zweiten Jahreshälfte wurde der Kredithahn bereits ein wenig zugedreht. Trotzdem nahm die Kreditvergabe über das ganze Jahr um 9,7 Prozent zu. Das Schattenbankenwesen hat einen wachsenden Anteil, was die Risiken am Finanzmarkt noch erhöht.

Die rasant steigenden Schulden lokaler Stellen sind so dramatisch, dass sie die Entwicklung gefährden könnten, warnt der Rechnungshof. Im Juni 2013 standen Provinzen, Städte und Kommunen mit 17,9 Billionen Yuan (2 Billionen Euro) in der Kreide. Ende 2010 waren es erst 10,7 Billionen Yuan.

«Das Kreditwesen Chinas hat sich in den vergangenen vier Jahren so schnell ausgeweitet, dass es sogar die Entwicklung in Japan in den 80er Jahren, in Südkorea in den 90er Jahren und in den USA vor 2008 in den Schatten stellt», warnt der ehemalige Präsident der EU-Handelskammer in China, Jörg Wuttke, der die Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) berät.

Angesichts wachsender finanzieller Instabilität hält Wuttke eine grosse Pleite wie bei der Lehmann-Bank in den USA, die 2008 die globale Finanzkrise auslöste, in China durchaus für möglich. Hat die neue Führung die Kraft, das Ruder herumzureissen? «Politisch sicher ja, aber hat sie auch das Geld?» fragt Wuttke.

Umfassende Reformen

Auf ihrer Plenarsitzung im November beschloss das Zentralkomitee «umfassende» Reformen. Der Markt soll eine «entscheidende» Rolle in der Verteilung der Ressourcen bekommen, wozu auch Kapital gehört. Die nötige Liberalisierung der Zinsen würde aber zwangsläufig zu höheren Finanzierungskosten für die Unternehmen führen, was wiederum das Wachstum verlangsamen werde, schreibt die australische ANZ-Bank.

Das langsamere Wachstum werde China langfristig aber gut tun, sind sich die Experten einig. «Es wäre sogar besser, wenn es noch langsamer wäre», sagt Andrew Polk vom US-Forschungsinstitut Conference Board der Nachrichtenagentur dpa.

Reformen wären nicht möglich, wenn die Regierung zu den alten, heute überholten Methoden greife und damit gegen die Abschwächung der Konjunktur ankämpfe. Der Abschwung sei strukturell, nicht zyklisch. «Die heutigen Probleme der Wirtschaft resultieren daraus, dass sie zu schnell gewachsen ist.»

Auch ausländische Unternehmen müssen sich auf schwierigere Zeiten einstellen, wenn China seine Wirtschaft umkrempelt. «Die Investitionen werden an Dampf verlieren», erwartet Ökonom Chovanec.

AFP/mw

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