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Brüllt der keltische Tiger bald wieder?

Irland will erneut zum wirtschaftlichen Musterschüler werden. Gelingt das, wäre es ein Beweis für die Richtigkeit der Austeritätspolitik. Wenn da nur die vielen Aber nicht wären.

Die Arbeitslosenquote ist wieder gesunken: Eine Strassenmusikantin spielt im Herzen von Dublin. (16. Dezember 2013)
Die Arbeitslosenquote ist wieder gesunken: Eine Strassenmusikantin spielt im Herzen von Dublin. (16. Dezember 2013)
Keystone
Ein Land im Sparmarathon: Eine Frau geht im irischen Buncrana an einem Billigladen vorbei.
Ein Land im Sparmarathon: Eine Frau geht im irischen Buncrana an einem Billigladen vorbei.
Keystone
Strassenprotest gegen die Sparmassnahmen der irischen Regierung am 27. Dezember 2010. Die Figuren zeigen den damaligen Premier Brian Cowen (l.) und Finanzminister Brian Lenihan.
Strassenprotest gegen die Sparmassnahmen der irischen Regierung am 27. Dezember 2010. Die Figuren zeigen den damaligen Premier Brian Cowen (l.) und Finanzminister Brian Lenihan.
Peter Muhly, AFP
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Der irische Premierminister Enda Kenny gibt sich selbstbewusst. «Heute kann ich bestätigen, dass Irland sich im Zeitplan befindet und am 15. Dezember den Hilfsfonds von EU und IWF verlassen wird», erklärte er übers Wochenende am nationalen Fernsehen. «Ja, ich weiss, es war hart. Auch das neue Budget wird hart sein. Aber es hat zwei zentrale Punkte, die in eurem Interesse sind. Wenn wir unsere Sparziele erreichen, dann können wir das Bailout-Programm verlassen und unser Geld wieder in die Schaffung von neuen Jobs investieren.» Den gebeutelten Iren mögen diese Worte wie Honig die Kehle heruntergeflossen sein. Doch ist der Optimismus des Premierministers tatsächlich gerechtfertigt?

Keine andere Volkswirtschaft hat in der jüngeren Vergangenheit eine derart turbulente Achterbahnfahrt hinter sich wie die irische. Noch in den 1980er-Jahren befand sie sich knapp über Drittweltland-Niveau. Junge Iren verliessen die Grüne Insel in Scharen und suchten ihr Glück im Ausland, hauptsächlich in den USA. Der «keltische Tiger», das irische Wirtschaftswunder, setzte erst in den 1990er-Jahren ein. Es war ein Produkt staatlicher Wirtschaftspolitik. Irland senkte die Unternehmenssteuern auf rekordtiefe 12 Prozent. Als neues EU-Mitglied wurde es darauf bald zu einer Art wirtschaftlichem Flugzeugträger vor der Küste Europas.

Irland hatte plötzlich sehr viel zu bieten: junge, gut ausgebildete Arbeitskräfte, freien Zugang zum liberalisierten EU-Markt und tiefe Steuern. Google, Apple, Dell, aber auch Novartis, Pfizer und verschiedene Grossbanken liessen sich nicht zweimal bitten. Irlands Wirtschaft verzeichnete Jahr für Jahr Rekordwachstumsraten. Das Auswanderungs- wurde zum Einwanderungsland. Polen und Letten, selbst Deutsche und Franzosen pilgerten respektive flogen mit Ryanair nach Dublin. Sie hatten dafür gute Gründe: Vor der Krise besass Irland das grösste Pro-Kopf-Einkommen in Europa und die tiefste Staatsverschuldung.

Heikles Geschäftsmodell

Die Schattenseite des irischen Booms war ein geradezu grotesker Immobilienboom. Innerhalb eines Jahrzehnts verfünffachten sich die Häuserpreise. Als sie in der Krise wieder abstürzten, waren Irlands Banken pleite. Die Regierung verpflichtete sich jedoch, für die Schulden der Banken einzustehen. Die Folgen waren brutal: Die irischen Staatsschulden – vor der Krise noch unter 30 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) – schossen auf weit über 100 BIP-Prozent. Es wird geschätzt, dass sie Ende Jahr bei 123 BIP-Prozent liegen werden. Über Nacht wurden die Iren wieder arm, und zwar im doppelten Sinne: Einerseits wohnen viele von ihnen in völlig überschuldeten Häusern, andererseits müssen sie als Steuerzahler für den Wahnsinn der Banken geradestehen.

Trotzdem sind die Iren wild entschlossen, erneut zu Musterschülern Europas zu werden. Brüssel und Berlin haben alles Interesse daran, dass sie es auch schaffen. Gelingt es nämlich, dass sich die Iren wieder aus eigener Kraft auf den Finanzmärkten refinanzieren können, dann ist das auch der Beweis, dass die Austeritätspolitik funktioniert. Daran gibt es jedoch begründete Zweifel. Der Preis, den die Iren in den letzten Jahren zu bezahlen hatten, war sehr hoch. Die Arbeitslosigkeit schnellte zeitweise gegen 20 Prozent. Die Löhne brachen ein, und junge Iren verliessen die Insel wieder in Scharen. Trotzdem beträgt die Arbeitslosenquote nach wie vor 13,3 Prozent.

Zudem basiert das Geschäftsmodell auf einem prosperierenden Europa. Irland lebt von den Exporten in die EU, und die Wachstumsaussichten sind nicht eben rosig. In der Eurozone hat die Austeritätspolitik der letzten Jahre tiefe Spuren hinterlassen. Nach sechs Jahren haben selbst die duldsamen Iren allmählich die Nase voll vom Sparen. Auf Drängen seiner Koalitionspartnerin, der Labour-Partei, musste Finanzminister Michael Noonan sein auf Druck von EU und IWF auf 3,1 Milliarden Euro angesetztes Sparpaket auf 2,5 Milliarden reduzieren. Trotzdem hofft die Regierung, dass der Schritt in die Selbstständigkeit gelingen wird. Der erste Test, eine Platzierung von kurzfristigen Staatsanleihen in der Höhe von 25 Milliarden Euro, ist diesen Sommer erfolgreich über die Bühne gegangen.

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