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Chinas Börsencrash ist gefährlicher als Griechenland-Krise

Das Vertrauen in Chinas Wirtschaft sinkt. Experten warnen: «Das Schlimmste kommt noch.»

Achterbahnfahrt an den Börsen: Ein Mitarbeiter einer privaten Anlegerfirma verfolgt die Aktienkurse in Shanghai.
Achterbahnfahrt an den Börsen: Ein Mitarbeiter einer privaten Anlegerfirma verfolgt die Aktienkurse in Shanghai.
AP Photo / Eugene Hoshiko, Keystone

Die dramatischen Turbulenzen an Chinas Börsen sind ein Symptom, nicht die Ursache der Probleme im Reich der Mitte. Staats- und Parteichef Xi Jinping demonstriert auf einem Gipfeltreffen im russischen Ufa das Selbstbewusstsein der neuen Wirtschaftsmacht, doch daheim wachsen Zweifel an seinem Führungsstil.

Es ist nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch seine grösste Krise – denn die Aktienindizes konnten bisher nur mit massiver staatlicher Manipulation wieder ins Plus gebracht werden.

Experten blicken gebannt darauf, ob dauerhaft Ruhe einkehren kann, wenn die Marktkräfte wieder zugelassen werden. Auch Chinas Schuldenberge und schwache heimische Nachfrage rücken wieder in den Fokus. Denn die Achterbahnfahrt an den Börsen bremst das Wachstum und die dringend nötigen Reformen noch weiter – mit globalen Folgen.

Risiko für die Weltwirtschaft

Olivier Blanchard, Chefökonom des Weltwährungsfonds (IWF), beschreibt «grössere Schwierigkeiten in Chinas Übergang zu einem neuen Wachstumsmodell, wie sie die jüngsten Turbulenzen an den Finanzmärkten zeigen», als neues Risiko für die Weltwirtschaft.

War es früher egal, «ob in China ein Sack Reis umfällt», hat das Reich der Mitte heute immense globale Bedeutung. «Es besteht die Gefahr, dass der Börsenabsturz Chinas Wachstumsraten noch weiter einbrechen lässt, was zweifellos negative Folgen für die Weltwirtschaft hätte», sagt Sandra Heep, Expertin des China-Instituts Merics in Berlin.

Wegen ihrer engen Verflechtung mit China würden Länder in der asiatischen Region stark von einer Krise im Riesenreich getroffen. Auch rohstoffexportierende Staaten hätten unter einem Einbruch der Nachfrage zu leiden. Aber auch die Schweizer Uhrenindustrie oder deutsche Autohersteller machen sich Sorgen.

Die Vorhersage für den chinesischen Automarkt in diesem Jahr wurde am Freitag von 7 auf nur noch 3 Prozent Wachstum mehr als halbiert. Chinas Wirtschaft wächst so langsam wie seit 25 Jahren nicht mehr. Das offizielle Plus von 7 Prozent ist beschönigt. Als realistisch gelten eher 5 Prozent, was längst als «harte Landung» beschrieben werden könnte.

Gewollter Börsenboom

Die staatlich orchestrierte Blase am Aktienmarkt sollte die Probleme heilen. Hohe Börsenkurse erleichterten es Staatsunternehmen, durch Kapitalerhöhungen an neue Geldmittel zu kommen. War der stagnierende Immobilienmarkt nicht mehr so attraktiv, floss das Geld in die Aktienmärkte statt aus dem Land heraus.

Auch erleichterte der Boom die Finanzierung kleinerer Unternehmen in technologischen und innovativen Sektoren, die anders als Staatskonzerne schlecht an Kredite herankommen. Doch statt die Wirtschaft anzukurbeln, drehte sich nur die Roulette-Kugel im Börsen-Casino.

Leidtragende sind unerfahrene Kleinanleger, die zuletzt in Scharen an die Börsen gelockt wurden – und ihr Geld verloren. «Es gibt drei Kurven, die soziale Instabilität auslösen können: eine politische, eine öffentliche und eine wirtschaftliche», erläutert der kritische Kommentator Zhang Lifan.

Wenn diese drei getrennt voneinander an ihr Limit gerieten, löse das noch keine grossen Probleme aus. «Aber im Moment stossen alle drei Kurven sehr nah aneinander an ihre Höchstgrenze, deswegen steht die Regierung vor einer grossen Herausforderung, wenn sie die Wirtschaftsprobleme nicht lösen kann.»

Vertrauen gerät ins Wanken

Die Turbulenzen an den Börsen verschärfen die Komplikationen aber noch. Ihre eigentliche Funktion als wichtiger Kanal zur Finanzierung der Realwirtschaft wird eingeschränkt. Neue Börsengänge mussten ausgesetzt werden.

Auch die Reform der Staatsbetriebe gerät ins Stocken. Kleinere und mittlere Unternehmen kommen wieder schlechter an Kapital. Die notwendige Öffnung des Kapitalmarktes dürfte jetzt nur noch vorsichtiger verfolgt werden, glauben Experten.

«Das Vertrauen in Chinas Fähigkeit, die Wirtschaft im Griff zu haben, gerät jetzt ins Wanken», schreibt Ruchir Sharma vom Investmenthaus Morgan Stanley im «Wall Street Journal». «Wenn das Vertrauen zusammenbricht, werden die globalen Auswirkungen schlimmer sein als die der griechischen Schuldenkrise.» Eine Abwärtsspirale in China würde Griechenland zum «Nebenschauplatz» machen.

«Nicht nur die Aktienmärkte haben ein Problem, sondern der Wirtschaft als Ganzes fehlt die Nachfrage», sagt Jörg Wuttke, Präsident der Europäischen Handelskammer in China. Ein erfahrener ausländischer Industrievertreter in Peking, der anonym bleiben will, warnt vor einem «Domino-Effekt»: «Das Schlimmste kommt noch.»

SDA/ij

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