Was der Fed-Entscheid für die Schweiz bedeutet

Nach Ankündigungen der Europäischen Zentralbank führt die Zinssenkung der US-Notenbank weltweit zu noch tieferen Zinsen. Diesem Sog kann sich die SNB schlecht entziehen.

Nun ist auch eine Zinssenkung der SNB wahrscheinlicher geworden: SNB-Präsident Thomas Jordan (m.) mit Vizedirektor Fritz Zurbrügg und Direktoriumsmitglied Andrea Maechler. (Archiv Reuters/ Denis Balibouse)

Nun ist auch eine Zinssenkung der SNB wahrscheinlicher geworden: SNB-Präsident Thomas Jordan (m.) mit Vizedirektor Fritz Zurbrügg und Direktoriumsmitglied Andrea Maechler. (Archiv Reuters/ Denis Balibouse)

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Am Mittwoch hat die US-Notenbank ihren Leitzins um 0,25 Prozent gesenkt - und damit definitiv Abschied genommen von der Normalisierung der Zinsen. Für die nächste Zukunft schliesst sie weitere Zinssenkungen explizit nicht aus. Das hat auch für die Schweiz Folgen: «Die Entscheidung des Fed hat diesmal für die Schweizerische Nationalbank (SNB) eine grössere Bedeutung als sonst.», sagt der Ökonom Alessandro Bee von der UBS. Der Grund: «Die deutliche Kurskorrektur beim Fed hat angesichts der Bedeutung der US-Wirtschaft und des Dollars eine weltweite monetäre Lockerung zur Folge, der sich die SNB nicht entziehen kann», erklärt UBS-Ökonom Bee.

Bereits letzte Woche hat die Europäische Zentralbank (EZB) etwas verklausuliert für den Herbst eine weitere Öffnung der Geldschleusen in Aussicht gestellt. Schon dies bewog einzelne Bankökonomen dazu, eine Zinssenkung der Nationalbank im September zu prognostizieren. Dazu zählt Alessandro Bee von der UBS. Er rechnet mit einer Reduktion auf Minus 1 Prozent. Schon mit den aktuellen Minus 0,75 Prozent ist der Leitztins in der Schweiz so tief wie in keinem anderen Land der Welt. Auch Marktdaten, wie die so genannten Zinsfutures, zeugen von der Erwartung einer Zinssenkung der SNB.

Das Verhalten der US-Notenbank ist für das weitere Vorgehen der SNB vor allem indirekt wichtig - über die EZB. Je weiter diese ihre Zinsen senkt, desto tiefer geht auch die Schweizer Notenbank. Dass die Euro-Notenbank letzte Woche ihre Leitzinsen unverändert liess, führen Ökonomen darauf zurück, dass sie ihr Handeln vom Entscheid des Fed abhängig machen wollte. Die Verschiebung passte sonst schlecht zur Alarmstimmung, die EZB-Präsident Draghi an seiner Pressekonferenz verbreitet hat. Die Erwartungen für die Industrie bezeichnete er als «schlimmer und schlimmer».

Draghi unter Zugzwang

Draghi wollte sichtlich den Eindruck vermeiden, mit seiner Politik bewusst den Euro zu schwächen. Schon eine frühere Anspielung auf eine Zinssenkung in Europa hat ihm den Vorwurf von US-Präsident Donald Trump per Twitter eingebrockt, den Euro zu Lasten der USA abwerten zu wollen. Wenn die EZB nach Zinssenkungen in den USA nicht reagiert, droht hingegen eine Aufwertung des Euro. Das kann sich Draghi angesichts der grossen Bedeutung der Exporte für die fragile Konjunktur der Eurozone ebenfalls nicht leisten. Damit befindet sich die Währungsunion gegenüber den USA in der gleichen Lage, wie die Schweiz gegenüber der Eurozone. Und beim Versuch, die Aufwertung ihrer Währung zu verhindern, stehen beide gleichermassen unter scharfer Beobachtung von Donald Trump, der darin ein unfaires Verhalten sieht.

Mit der Zinssenkung des Fed und dem Hinweis einen möglichen weiteren Zinsschritt ist ein entschiedenes Handeln der EZB im September fast sicher. Damit ist auch eine Zinssenkung der SNB wahrscheinlicher geworden. Schon die Erwartung einer expansiveren Politik von EZB und Fed liess den Preis des Euro in der letzten Woche erstmals seit zwei Jahren wieder unter die psychologisch wichtige Marke von 1.10 Franken sinken, was für eine deutliche Aufwertung des Schweizer Frankens steht. Im Mai vor einem Jahr kostete der Euro noch rund 1.20 Franken.

Wie aus Bankenkreisen zu erfahren ist, würden auch Zinsen von Minus 1 Prozent noch nicht dazu führen, dass gewöhnliche Bankkunden mit Negativzinsen auf ihren Einlagen belastet werden. Anders sieht es für Private und Firmenkunden mit einem grösseren Vermögen aus. Sie werden bei den meisten Banken schon jetzt mit Negativzinsen belastet. Die Institute geben allerdings keine konkreten Vermögensgrenzwerte an.

Credit-Suisse-Chef Tidjane Thiam machte vor der Presse am Mittwoch klar, dass eine weitere Senkung der Zinsen in den negativen Bereich Folgen für Bankkunden mit einem grossen Vermögen haben würden. Konkret werde der Grenzwert für Kundeneinlagen gesenkt, ab dem Negativzinsen belastet werden. Das gleiche ist von anderen Banken zu hören, die nicht genannt werden möchten.

Experten rechnen mit SNB-Intervention auf Devisenmarkt

Aktuell werden rund die Hälfte der Giroeinlagen der Banken bei der SNB mit Negativzinsen belastet. Um die negativen Folgen noch tieferer Negativzinsen auf die Profitabilität der Finanzinstitute abzumildern - so erwarten Analysten - werde die Nationalbank bei einer Zinssenkung einen grösseren Anteil der Einlagen der Banken davon befreien. Eine genannte Möglichkeit besteht darin, die zusätzliche Belastung nur für neue Einlagen auf den Girokonten einführen.

Eine Alternative zu einer Senkung der Zinsen tiefer in den negativen Bereich sind Interventionen der Nationalbank auf dem Devisenmarkt. Einige Ökonomen - wie jene der Credit Suisse - gehen davon aus, dass darin die erste Verteidigungslinie der SNB bei einer weiteren starken Aufwertung besteht. Aus Daten zu den Giroguthaben der Banken bei der Nationalbank lässt sich ableiten, dass diese in der letzten Woche angesichts der erneuten Frankenaufwertung zum ersten Mal seit dem Sommer 2017 wieder mit Käufen von Euro gegen neu geschaffene Franken dessen Aufwertung zu stoppen versucht hat. Weil die SNB das Geld für die Käufe den Banken auf deren Konten gutschreibt, steigen ihre Giroguthaben. Konkret haben sie in der letzten Woche um 1,7 Milliarden Franken auf 581 Milliarden Franken zugenommen und damit so stark wie seit dem Mai 2017 nicht mehr.

Doch ob sie die Zinsen weiter senkt oder Devisen kauft - die negativen Nebenerscheinungen einer noch expansiveren Geldpolitik sind jetzt problematischer als früher. Die Bilanz der SNB hat durch die bisherigen Devisenmarktinterventionen mit einem Umfang von 835 Milliarden Franken bereits ein Ausmass erreicht, das vielen bis zum Bundesrat Sorgen bereitet. Geringe Wertschwankungen der Devisenanlagen verursachen zudem rasch gigantische Gewinne oder Verluste. Allein für das erste Halbjahr hat die SNB wieder einen Gewinn von 38,5 Milliarden Franken ausgewiesen. Ein erneuter Aufwertungsschub des Franken würde rasch in einen Verlust von ähnlichem oder grösserem Ausmass münden.

Die Negativzinsen führen schon jetzt dazu, dass in den Hypothekenmärkten grosse Risiken eingegangen werden, die mit Regulierungs- und Selbstregulierungsmassnahmen nur schwer zu kontrollieren sind. Dies und weitere Entwicklungen auf den Kapitalmärkten als Folge der Zinsentwicklung bedroht letztlich die Finanzstabilität, wie verschiedene professionelle Beobachter immer wieder warnen. Der Entscheid der US-Notenbank hat die ohnehin schon schwierige Lage der Nationalbank noch weiter erschwert.

Erstellt: 01.08.2019, 09:05 Uhr

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