Das billige Öl macht die Menschheit gefährlich träge

Ein Vierteljahrhundert kann es dauern, bis Öl wieder teurer wird. Für den Planeten ist das ein Schreckensszenario. Der niedrige Preis beschwört neue Gefahren herauf.

Der niedrige Ölpreis ist Gift für den Fortschritt: Die grösste Raffinerie der Schweiz in Cressier NE. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Der niedrige Ölpreis ist Gift für den Fortschritt: Die grösste Raffinerie der Schweiz in Cressier NE. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

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Die Prophezeiung von Fatih Birol wird viele Menschen erfreuen. Der Chef der Pariser Energieagentur (IEA) rechnet damit, dass die Ära des billigen Öls noch Jahrzehnte anhalten wird. Es könnte noch 25 Jahre dauern, bis sich der Preis für das Fass wieder auf über 80 Dollar erholt.

Was für Autofahrer, Energieverbraucher und Fluggesellschaften nach einer guten Nachricht klingt, dürfte die Welt teuer zu stehen kommen. Der Drang nach Innovationen lässt die Suche nach alternativen Energien versiegen. Dauerhaft billige Energie macht die Menschheit träge.

Flugzeugbauer beispielsweise, die wegen der hohen Kerosinpreise in den vergangenen Jahren immer spritsparendere Modelle entwickelt haben, verspüren aufgrund solcher Prognosen weit weniger Druck zu handeln. Sie können in Zeiten dauerhaft niedrigerer Spritpreise ihre aktuelle Flugzeugtechnologie weiter gut verkaufen.

Die Energie-Agentur hat ihre Ölpreis-Prognose an die neuen Realitäten nach unten angepasst. Danach gibt es die 100 Dollar frühestens im Jahr 2027 oder im Niedrigpreis-Szenario gar nicht mehr. Infografiken: Die Welt

Dass die grüne Revolution ausfällt, ist jedoch längst nicht die einzige Gefahr. Wenn nun auch die Öl-Multis wegen des niedrigen Preisniveaus weniger investieren und keine neuen Vorkommen erschliessen, wird der Energiemarkt in der Zukunft anfällig für Ölschocks wie in den 70er-Jahren. Damals sorgten explodierende Notierungen immer wieder für heftige wirtschaftliche Verwerfungen.

Der IEA-Report dürfte insbesondere die Politik wachrütteln. Die Prognosen haben das Zeug, den UN-Klimagipfel, der in knapp drei Wochen in Paris startet, durcheinanderzuwirbeln. Wenn die Preise für die fossilen Energieträger dauerhaft niedrig bleiben, macht das den Ausstieg aus der Kohlenstoffwirtschaft indirekt teurer. Der Charme CO2-freier Quellen wie Sonne, Wind oder Wasser bemisst sich auch am Preis der herkömmlichen Energieträger. Klimaexperten fordern daher, dass im Zweifel der Staat einspringen muss, um die Preisrelationen zu verändern.

Kampf gegen das Fracking

"Für eine erfolgreiche Klimapolitik muss derjenige, der den knappen Deponieraum der Atmosphäre nutzen will, zahlen", sagt Ottmar Edenhofer, Direktor des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) und einer der führenden Klimaökonomen Deutschlands. "Daher muss Energie aus Kohle, Öl und Gas teurer werden. Wir brauchen eine CO2-Bepreisung, entweder durch eine Steuer oder durch ein funktionierendes Emissionshandelssystem."

Bis mindestens 2020 wird das Öl-Angebot über der Nachfrage liegen. Erst wenn diese Schwemme absorbiert ist und sich der Markt im Gleichgewicht befindet, können die Preise wieder nachhaltig steigen.

Der IEA-Report dürfte Edenhofer in seiner Forderung nach staatlichen Interventionen bestärken. Laut Analyse der Energie-Agentur dürfte erst im Jahr 2020 die Ölschwemme, die momentan die Preise drückt, vom Markt absorbiert sein. Dann, so prognostizieren die Experten in ihrem neuen Basis-Szenario, wird sich der Barrel-Preis wieder auf rund 80 Dollar hoch arbeiten. Es bestehe allerdings auch die Möglichkeit, dass der Preis noch bis 2040 sehr niedrig bleibt.

Die Notierung für Erdöl war ab Mitte 2014 innerhalb weniger Monate um die Hälfte gefallen und bewegt sich aktuell um die 50 Dollar pro Barrel (159 Liter). Ursache ist vor allem das stark ausgeweitete Angebot der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) mit Saudiarabien an der Spitze, die damit auch die Konkurrenz durch das per Fracking gewonnene Öl in den USA bekämpfen wollen. Zusammen fördern alle Öl-Länder derzeit gut 96 Millionen Barrel, zwei Millionen Fass mehr als nachgefragt werden. Diese Überproduktion ist dafür verantwortlich, dass die Notierungen weiter niedrig bleiben.

Die Konsumenten profitierten zwar von einer langen Periode niedriger Ölpreise, erklärte die IEA. Doch die Gefahr wachse, von einer kleinen Zahl an Produzenten abhängig zu werden. Bei Notierungen von 50 Dollar rentiere sich die Förderung von Schieferöl in den USA nicht mehr. Lediglich Förderländer im Nahen Osten könnten noch wirtschaftlich pumpen.

Gift für den Fortschritt

Nach Meinung der IEA-Experten ist ein Szenario denkbar, in dem die Wirtschaft wie in den 70er-Jahren an dieser Krisenregion hängt - mit entsprechenden Folgen. Vor vier Jahrzehnten hatten arabische Länder ein Ölembargo gegen den Westen verhängt und damit die globale Ökonomie in eine tiefe Rezession gestossen.

Damit wächst nach Meinung der IEA in Zukunft auch die Gefahr eines plötzlichen und heftigen Preisanstiegs. Die niedrigen Ölpreise gäben keinen Anlass zur Entspannung, erklärte IEA-Chef Birol. Das Gegenteil sei der Fall: "Jetzt ist die Zeit, uns gegen künftige Bedrohungen zu wappnen."

Das gilt auch aus technologischer Sicht. Denn auf der Suche nach einer alternativen Energieversorgung hat sich ein intensiver Erneuerungszyklus in Gang gesetzt. Fluggesellschaften, Reedereien oder Speditionen sind aufgrund des ökonomischen Drucks gezwungen, ihre Flotten schnell zu erneuern. Dieser Druck ist deutlich geringer, wenn das Öl dauerhaft billig bleibt. Ein Flugzeugbauer wie Airbus beispielsweise tüftelt mit Hochdruck an neuen Materialien.

Der Konzern empfindet den Innenraum künftiger Maschinen dem Gerippe von Vögeln nach. All diese Innovationen sind teuer und werden ständig mit Blick auf die wirtschaftliche Notwendigkeit hinterfragt. Fordern weniger Airlines komplett neue Flugzeugtypen, da es keine grosse Notwendigkeit gibt, Kerosin zu sparen, werden die Investitionen in neue Ideen reduziert. Die Branche verlangsamt ihr Innovationstempo. Die billige Energie lähmt den Fortschritt – überall.

Erstellt: 11.11.2015, 21:12 Uhr

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