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Das Coronavirus spaltet die Welt

Die Seuche ist nicht in erster Linie eine Gefahr für die Gesundheit, sondern für Wirtschaft und Gesellschaft.

Wegen des Coronavirus ist der Konsum in China eingebrochen: Menschen in Wuhan tragen Schutzmasken beim Einkauf. Foto: Reuters
Wegen des Coronavirus ist der Konsum in China eingebrochen: Menschen in Wuhan tragen Schutzmasken beim Einkauf. Foto: Reuters

Was wir bisher über das Coronavirus wissen, zeugt nicht von einem fundamentalen Risiko für die Weltbevölkerung. Bisher deutet noch alles darauf hin, dass es nicht viel schlimmer ist als das gewöhnliche Grippevirus.

Klar: Wir wissen nicht, wie sich das Virus verändert, und damit auch nicht, ob es tödlicher (oder harmloser) wird. Eine simple Rechnung verdeutlicht zudem die Risiken einer Ausbreitung – und erklärt die Angst davor: Wenn alle Angesteckten (beginnend mit den aktuell rund 10'000 Kranken) täglich eine Person infizieren, würde noch vor Ablauf von 20 Tagen die ganze Weltbevölkerung von rund acht Milliarden Menschen das Virus in sich tragen. Natürlich berücksichtigt diese simple Rechnung neben anderem nicht, dass die Länder alles tun, um die Infizierten abzuschotten.

Das Besondere an diesem Virus besteht darin, dass die Ängste, die es auslöst, in bedenklicher Weise die bereits bestehenden Spaltungen in der globalen Weltordnung und auch innerhalb unserer Gesellschaftenzu verschärfen drohen – und das in einem Ausmass, wie das bei früheren Epidemien nicht möglich war.

«Wir brauchen mehr Zusammenarbeit auf der Welt. Aber wegen der Seuche wächst das Misstrauen, die Gräben werden tiefer.»

Das liegt an den Möglichkeiten der sozialen Medien. Noch viel schneller als das Virus selbst verbreiten sich heute Gerüchte über die Krankheit, mögliche Träger und Ursachen –und damit auch vollkommener Unsinn. «Hier überschneiden sich Angst, Rassismus und das Misstrauen gegenüber Regierungen und Pharmakon­zernen perfekt», sagt Maarten Schenk, Mitbegründer der Faktenprüfseite Lead Stories. Solange noch vieles zur Krankheit offen bleibt und die Angst vor einer Ansteckung überwiegt, bleiben Fake News erfolgreich. Aber auch deshalb, weil ein Misstrauen gegenüber Eliten und Institutionen bereits vor dem Virus verbreitet war: das Gefühl, von «denen da oben» verschaukelt und im Stich gelassen zu werden.

Auf Skepsis stiess schon länger auch die Globalisierung. Sie steht unter Generalverdacht, nicht nur ökonomisch, sondern auch kulturell. Dieser Haltung verdankt in den USA Donald Trump seine Präsidentschaft. Das Virus passt denn auch perfekt in dieses Weltbild: Wer die Welt bereist, wer Ausländer trifft, wer an inter-nationalen Anlässen teilnimmt: Alle machen sich jetzt verdächtig, alle werden als Gefahr wahrgenommen. Fluggesellschaften streichen Flüge, wie sie das bei früheren Epidemien nie getan haben.

Konsum in China bricht wegen Virus ein

Und dann ist ausgerechnet China Quelle des Virus. Die aufstrebende Macht wird immer mehr zur Konkurrentin des Westens. Nicht nur in wirtschaftlicher und militärischer Hinsicht, sondern auch ideologisch ist die autoritäre Spielart des Kapi­talismus Chinas ausserordentlich erfolgreich. Die rasante wirtschaftliche Entwicklung hat das einst bitterarme Riesenland in kürzester Zeit zu einem geopolitischen und weltwirtschaftlichen Machtfaktor gemacht. Dass es wohl keinem politisch freieren Land gelingen würde, eine Stadt wie Wuhan mit ihren 11 Millionen Einwohnern in so kurzer Zeit und so effektiv unter Quarantäne zu setzen, wird mit einer Mischung aus Bewunderung und Schrecken zur Kenntnis genommen.

Gleichzeitig fällt es jetzt leichter denn je, in China eine Bedrohung zu sehen. Ihre Bürger werden gerade gemieden wie die Pest. Selbst die Beruhigung im Handelskrieg zwischen den USA und China steht wegen des Virusauf wackligen Füssen.

Denn die Krankheit droht das erst eben abgeschlossene sogenannte Phase-1-Abkommen zu gefährden. Dieses regelt unter anderem, dass China für viele Milliarden Dollar US-Agrargüter aufkauft. Das ist Donald Trump angesichts der US-Landwirte als potenzielle Wähler ein besonderes Anliegen.

Weltwirtschaft in fragilem Zustand

Wegen des Virus ist aber der Konsum in China eingebrochen, und die USA beklagen bereits, dass die vereinbarten Käufe nicht eingehalten werden könnten. Ausserdem hat sich Chinas Währung gegenüber dem US-Dollar abgeschwächt, weil das Virus auf die chinesische Wirtschaft drückt. Auch das ist den Amerikanern ein Dorn im Auge und hätte mit dem Abkommen explizit verhindert werden sollen.

Schliesslich droht die Angst vor der Krankheit auch Konsequenzen für die Weltwirtschaft zu haben. Deren Zustand ist ohnehin fragil. Es ist gut möglich, dass nicht nur in China der Konsum einbricht und dass überall Investitionen hinausgeschoben werden. Sollte sich deshalb die ökonomische Lage vieler Menschen verschlechtern, hat es das Virus noch einfacher, Menschen und Nationen gegenein-ander aufzubringen.

Die weltweite Verbreitung der Seuche würde – wie viele andere Probleme – eine engere internationale Zusammenarbeit erfordern. So wie sich die Lage jetzt entwickelt, ist das Gegenteil der Fall: Das gegenseitige Misstrauen wächst, die Gräben werden tiefer.

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