Das Ländle hängt die Schweiz ab

Die Schweiz will sich als «Crypto Valley» etablieren. Doch Liechtenstein befindet sich bereits auf der Überholspur.

Finanzplatz für Krypto-Unternehmen: Vaduz FL will vom Boom bei den neuen Währungen profitieren. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Finanzplatz für Krypto-Unternehmen: Vaduz FL will vom Boom bei den neuen Währungen profitieren. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

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Nicht die grossen Fische fressen die kleinen, sondern die schnellen die langsamen, lautet ein Wirtschaftsdogma. In der noch jungen Blockchain-Technologie ist das Fürstentum Liechtenstein derzeit schnell unterwegs.

Der Zentralschweizer Kanton Zug gilt zwar in der Branche immer noch als ein globaler Hotspot. Doch etliche der dort ansässigen innovativen Start-ups liebäugeln bereits mit einem Umzug ins Ländle. Dafür gibt es zwei Gründe: Die gesetzliche ­Regulierung ist weiter als in der Schweiz, und die Jungfirmen ­erhalten dort dank der kleinen Privatbank Frick umfassendere Finanzdienstleistungen.

Teures Konto

Während manche Banken mit repräsentativen Bauten am Paradeplatz in Zürich, am Bundesplatz in Bern oder weiteren ­Toplagen in grösseren Städten protzen, begnügt sich die Bank Frick mit einem unscheinbaren Gebäude am Rande eines Wohngebiets der Liechtensteiner ­Gemeinde Balzers. Ohne die blaue Anschrift und die Beflaggung könnte es ein beliebiges Bürogebäude oder sogar ein Mehrfamilienhaus sein.

Im Eingangsbereich hat es weder Bankschalter noch Kunden, da die Bank Frick vor allem mit Finanzintermediären Geschäfte macht. Äusserlich wirkt sie zwar unscheinbar, dennoch beobachten die grossen Schweizer Finanzinstitute derzeit aufmerksam, was die Bank tut. Der Grund: Die Bankverbindungen der Schweizer Blockchain-Start-ups führen fast alle nach Balzers.

Es ist naheliegend, dass mit der Nachfrage die Preise steigen. In der Branche in Zug heisst es, allein schon die Eröffnung eines Geschäftskontos bei der Bank Frick koste 4000 Franken. Mauro Casellini, Leiter des Teams Firmenkunden, dementiert diesen Betrag nicht, relativiert ihn allerdings: «Diese Fälle sind komplex – wir verrechnen nur unseren Aufwand im Umfang von üblicherweise zwanzig bis dreissig Stunden, den wir für vorgängige Abklärungen benötigen.» Dabei gehe es unter anderem darum, Verstösse gegen die Geldwäscherei-Vorschriften zu vermeiden. 

Das Geschäft ist attraktiv, doch sind Schweizer Banken derzeit vorsichtig.

Doch oft lehnt die Bank Frick Anträge nach einer kurzen Sichtung von Dokumenten ab. Dazu kommt es, wenn interessierte Unternehmen die Grundkriterien nicht erfüllen. Zum Beispiel kommen Offshorefirmen – also Firmen, die ihren Sitz in Staaten mit wenig Steuertransparenz haben – prinzipiell nicht infrage. 

Geschäftskonten für Blockchain-Unternehmen bieten mittlerweile auch erste Schweizer Finanzinstitute an. Doch die Bank Frick geht bereits einen Schritt weiter und begleitet junge Firmen beim sogenannten Initial Coin Offering (ICO), mit dem sich die Blockchain-Unternehmer Kapital beschaffen.

Beim ICO ist das Geldwäschereiproblem für Banken besonders heikel. Denn das Geld der Kapitalgeber kommt nicht in Schweizer Franken von einer Bank, sondern häufig fliesst es in Kryptowährungen direkt von Privatpersonen. Um der Geldwäscherei vorzubeugen, muss eine Bank die Investoren kennen, von denen sie Geld entgegennimmt. Da dies anders läuft als bei der traditionellen Kapitalbeschaffung, entstehen neue Risiken, und die Finanzinstitute müssen ihre Kontrollen anpassen. In Balzers haben die Mitarbeiter die neuen Prozesse bereits verinnerlicht, wie die Bank betont. 

Kritik aus der Schweiz

Für die Bank Frick zahlt es sich aus, dass sie sich weiter traut als die Schweizer Konkurrenz. Das Blockchain-Geschäft hat bereits einen Teil dazu beigetragen, dass das Volumen der verwalteten Vermögen im vergangenen Jahr um 50 Prozent auf 3,8 Milliarden Franken gestiegen ist. Die Zahl der Mitarbeiter hat sich in den letzten zweieinhalb Jahren fast verdoppelt und liegt heute bei 111. «Im Blockchain-Finanzgeschäft sind wir ein führender Player», sagt Mauro Casellini selbstbewusst. 

In der Schweiz sind skeptische Stimmen zu hören: Die Bank Frick profitiere zwar vom neuen Geschäft, doch sie gehe auch ein hohes Risiko ein. Casellini ist überzeugt, die Risiken im Griff zu haben. Es sei durchaus möglich, die bestehenden Vorschriften zur Geldwäscherei auch im Umgang mit Kryptowährungen einzuhalten. «Wir handhaben das sehr konsequent und übertreffen sogar die gesetzlichen Vorgaben der Schweiz», sagt er. 95 Prozent aller Anfragen in diesem Geschäft scheiterten am strengen Massstab, den die Bank Frick anlege. 

Schweizer Experten halten Gesetz für überflüssig

Nicht nur bei den Bankdienstleistungen ist das Ländle auf der Überholspur, sondern auch bei der Regulierung. Während in der Schweiz die Bankiervereinigung an Empfehlungen arbeitet, legt Liechtenstein gleich ein neues Gesetz für Blockchain-Geschäfte vor. Eine prägende Rolle spielt dabei der 37-jährige Anwalt ­Thomas Nägele, dessen Büro sich im gleichen Gebäude wie das «House of Blockchain» in Vaduz befindet. Auch Nägeles Anwaltskanzlei, die vor allem im Blockchain-Geschäft tätig ist, wächst: Innert zweieinhalb Jahren ist die Zahl der Stellen von 1 auf 13,5 gestiegen. Demnächst kommen zwei weitere hinzu. 

In der Schweiz wartet die Branche auf die angekündigten Empfehlungen und verfolgt neugierig die Entwicklung in Liechtenstein. Hierzulande gibt es ­Experten, die ein spezielles Blockchain-Gesetz für überflüssig halten. Nägele räumt ein, dass die Anwendung der bestehenden Gesetze auf neuen Technologien durchaus möglich wäre. «Doch für die Praxis schafft dies nicht die notwendige Rechtssicherheit, da die heutigen Gesetze nicht im Wissen um die neue Technologie geschaffen worden sind.»

Neues Gesetz 2019

Als Beispiel nennt er den Token, der im Blockchain-Geschäft eine wichtige Rolle spielt. Ein Token ist eine Art Wertmarke. Der Käufer erhält damit unterschiedliche Rechte. Dies kann ein Anteil an Wertgegenständen wie einem Auto sein. Da dieses Auto jedoch nicht in seiner eigenen Garage steht, braucht es jemanden, der diesen Besitzanspruch sicherstellt. Nägele spricht vom «Validator», der entweder das Auto selber verwahrt, oder zivil­rechtlich dafür einsteht, dass der Token-Besitzer seinen Anspruch darauf durchsetzen kann.

Ein Validator ist in den bis­herigen Gesetzen nicht vorgesehen. Doch Nägele ist überzeugt, dass damit Vertrauen geschaffen werden kann und die Blockchain-Technologie damit Schub erhält. Das Gesetz soll bereits 2019 in Kraft treten. Damit ­dürfte das Ländle der Schweiz im Blockchain-Geschäft einen ­weiteren Schritt voraus sein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.07.2018, 19:44 Uhr

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Eine Blockchain ist im Grunde eine dezentrale Datenbank. Die gesamte Datenkette wird auf Tausenden verschiedenen Rechnern weltweit gespeichert. Alle Transaktionen in der Blockchain werden überall fort­laufend aktualisiert und aufeinander abgestimmt. Manipuliert jemand etwas auf einem einzelnen Rechner, so wird das erkannt und korrigiert. Das macht das System besonders sicher.

Nutzer können deshalb direkt mit anderen Nutzern Transaktionen abschliessen. Es braucht dafür nicht mehr vertrauenswürdige Institutionen wie eine Bank, die eine Transaktion abwickelt und damit Geld verdient. Eine bekannte Anwendung für Blockchain sind Kryptowährungen wie der Bitcoin. Mit ihr wird derzeit vor allem spekuliert.

Doch nicht wegen Kryptowährungen wird der Technologie grosses Potenzial zugeschrieben, sondern weil sich Verträge integrieren und damit die Abwicklung von Geschäften stark verein­fachen lassen. Vor allem in Zug arbeiten viele Jungunternehmer an teilweise vielversprechenden Projekten. Wie viel vom aktuellen Hype übrig bleibt, wird sich aber noch weisen müssen. (ki)

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