Das Preisniveau steigt an – zur Freude der Notenbanken

Nach Jahren mit negativer Teuerung rücken die Inflationsziele der Währungshüter näher. Die Frage ist, wie weit diese Entwicklung noch geht.

Nach Jahren mit sinkenden Preisen steigt die Teuerung wie von der Nationalbank gewünscht jetzt wieder an: Warenkorb in einer Denner-Filiale.

Nach Jahren mit sinkenden Preisen steigt die Teuerung wie von der Nationalbank gewünscht jetzt wieder an: Warenkorb in einer Denner-Filiale. Bild: Keystone

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Ziel der Notenbanken in den letzten Jahren war stets, mit ihrer Geldpolitik die Inflation zu erhöhen, also für ein steigendes Preisniveau zu sorgen. Die Schweizerische Nationalbank (SNB), wie das Fed der USA oder die Europäische Zentralbank, hat als zentralen Auftrag, die Preisstabilität sicherzustellen. Und das ist für sie gleichbedeutend mit einer Inflation von rund 2 Prozent. Die zwei wichtigsten Begründungen der ökonomischen Wissenschaft: Erstens überschätze die gemessene Inflation die Inflation, weil Qualitätsverbesserungen zu wenig erfasst werden. Zweitens hat die Notenbank so einen grösseren Manövrierspielraum. Eine negative Inflation, wie sie die Schweiz in den letzten Jahren hatte oder Japan über Jahrzehnte, ist schwierig mit Geldpolitik zu bekämpfen, weil sich dann das Horten von Geld lohnt, bzw. die um die Teuerung bereinigten Realzinsen höher liegen.

Aktuelle Daten zeigen nun, dass die Notenbanken weltweit ihrem Ziel näherkommen. An den Zutaten für eine höhere Inflation fehlt es jedenfalls nicht: eine brummende Wirtschaft, zunehmend angespannte Arbeitsmärkte, steigende Ölpreise und die weiterhin grosszügige Geldversorgung. In der Schweiz ist die Zeit mit negativer Teuerung seit dem vergangenen Jahr vorbei. Gemessen an der Veränderung des Landesindexes der Konsumentenpreise ist das Preisniveau hierzulande im April um 0,8 Prozent im Vergleich zum gleichen Vorjahresmonat angestiegen und um 0,2 Prozent im Vergleich zum März. Für das gesamte Jahr rechnet das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) mit einer durchschnittlichen Teuerung von 0,6 Prozent.

Einen Hinweis auf die Inflationserwartungen der Zukunft geben auch die Langfristzinsen, weil Gläubiger den erwarteten Verlust an Kaufkraft ihrer Ausleihungen durch Zinsaufschläge entschädigt haben wollen. Als Massstab für Langfristzinsen gelten die Renditen von Staatsanleihen. Daran gemessen ist der Zinssatz über 10 Jahre trotz dem negativen Leitzins der Nationalbank hierzulande wieder in den positiven Bereich zurückgekehrt. Allerdings ist das Niveau mit 0,14 Prozent noch immer sehr tief. Noch am Vorabend der Finanzkrise lag die Rendite 10-jähriger Anleihen des Bundes bei rund 3 Prozent.

Die USA gehen voran

Die Frage ist nun, ob die Inflation nicht nur weiter auf den Zielwert der Notenbanken ansteigt, sondern auch, ob sie diesen sogar zu überschiessen droht. Anschauungsunterricht dazu liefert vor allem die Entwicklung in den USA, denn deren Wirtschaft befindet sich bereits am längsten in einem Konjunkturhoch. Die auf das Vorjahr bezogene Inflation ist dort seit dem vergangenen Juni mit nur zwei Ausnahmen jeden Monat angestiegen und lag gemäss der Erhebung vom April bereits bei 2,5 Prozent. Selbst die sogenannte Kerninflation, die volatile Preise wie jene für Lebensmittel und Energie ausschliesst, lag mit 2,1 Prozent über dem angepeilten Teuerungs-Zielwert der Notenbank von 2 Prozent.

Ein untrügliches Zeichen für höhere Inflationserwartungen in den USA ist auch, dass die Rendite 10-jähriger Staatsanleihen erstmals seit Ende 2013 wieder auf über 3 Prozentpunkte gestiegen ist. Daraus lässt sich durch die Kombination mit inflationsgeschützten Anleihen eine Inflationserwartung von mehr als 2 Prozent errechnen. Als im Februar Daten zum US-Arbeitsmarkt den grössten Lohnanstieg seit der Rezession angezeigt haben, hat dies die Weltbörsen talwärts gesandt. Grund war die Sorge, dass die Notenbank wegen Inflationssorgen die Zinsschrauben stärker anzieht als bisher erwartet. Dass seither der Ölpreis deutlich angestiegen ist und mittlerweile pro Fass (159 Liter) bei knapp unter 80 Dollar notiert, sorgt erstmals seit langem wieder für Inflationssorgen.

In der Schweiz gehen die meisten Fachleute davon aus, dass die Inflation noch für längere Zeit nicht deutlich ansteigt. Einzelne, wie der Ökonom Stefan Gerlach von der Bank EFG, warnen hingegen davor, dass Inflationsschübe sich nicht immer langsam ankündigen und deshalb nicht ausgeschlossen werden können. Ein Anstieg der Teuerung um 1 Prozent in der Schweiz hat in den nächsten 12 Monaten gemäss seinen auf historischen Daten beruhenden Berechnungen allerdings ebenfalls nur eine Wahrscheinlichkeit von 12 Prozent.

Der Franken ist schuld

Anders als in den USA und in der Eurozone, wo die Entwicklung der Inlandpreise die grösste Rolle spielt, hat in der Schweiz vor allem die Entwicklung des Frankenkurses jüngst auf die Inflation gewirkt – über die sich dadurch verändernden Preise der Importe. Die deutliche Überbewertung des Frankens in den letzten Jahren war der wichtigste Grund für die negative Teuerung. Seine Abschwächung hat umgekehrt die Inflation wieder ansteigen lassen. Auch der teurere Ölpreis in Dollar und der gestiegene Dollarkurs in Franken befeuert die Teuerung.

Entwicklungen wie einst in den 1970er-Jahren, als die Inflation auf deutlich mehr als 10 Prozent angestiegen ist, sind hingegen nicht zu erwarten. Das liegt vor allem daran, dass die Möglichkeiten der Arbeitnehmer äusserst beschränkt bleiben, höhere Löhne durchzusetzen. Laut der Lohnerhebung der Grossbank UBS sind im laufenden Jahr nur Lohnerhöhungen im Umfang von 0,7 Prozent zu erwarten. Kaufkraftbereinigt würde das praktisch eine Nullrunde bedeuten. Eine Lohn-Preis-Spirale wie damals ist deshalb praktisch ausgeschlossen.

Gegen einen steigenden Lohn- und Preis-Druck spricht auch, dass die Schweizer Wirtschaft insgesamt und der Arbeitsmarkt im Besonderen sich noch nicht gänzlich vom Frankenschock der letzten Jahre erholt hat. Sowohl im Dienstleistungs- wie im Industriebereich gibt es noch Überkapazitäten. Die tiefe durch das Seco aufgrund von gemeldeten Arbeitslosen gemessene Arbeitslosenquote von (saisonbereinigten) 2,7 Prozent im April zeichnet ebenfalls ein zu positives Bild. Die international besser vergleichbare sogenannte Erwerbslosigkeit verharrt weiter bei 5,2 Prozent und ist damit deutlich höher als zum Beispiel in Deutschland, wo sie sich nur auf 3,6 Prozent beläuft.

Der dämpfende Einfluss der Globalisierung

Dazu kommt, dass eine deutliche weitere Abschwächung des Frankens ebenfalls unwahrscheinlich ist, ebenso wie ein deutlicher weiterer Anstieg des Ölpreises. Letzteres vor allem, weil die aktuell höheren Preise die Schieferölproduktion in den USA profitabel machen. Das zusätzliche Angebot setzt dem Preisauftrieb Grenzen.

Als weitere Gründe für einen anhaltend geringen Preis- und Lohnauftrieb nennen Ökonomen den nach wie grossen Einfluss der Globalisierung und des damit verbundenen internationalen Wettbewerbs, der es den Produzenten generell erschwert, Preisanpassungen nach oben vorzunehmen. Den gleichen Effekt haben moderne Technologien, mit denen bisherige menschliche Arbeit erledigt werden kann. Auch diese Entwicklung schränkt die Verhandlungsmacht der Beschäftigten ein. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.05.2018, 15:01 Uhr

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