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Das Problem der Wettbewerbsranglisten

Erneut belegt die Schweiz im «Global Competitiveness-Report» des WEF den ersten Rang. Auch wenn das der Schweizer Seele guttut, bleibt die Aussagekraft dieses Rangs beschränkt.

Unternehmen sind von ihrer Konkurrenzfähigkeit auf den Absatzmärkten abhängig, Länder nicht: Der Roboter Nao - Inbegriff der Innovationsfähigkeit - spielt an der ETH Lausanne Fussball.
Unternehmen sind von ihrer Konkurrenzfähigkeit auf den Absatzmärkten abhängig, Länder nicht: Der Roboter Nao - Inbegriff der Innovationsfähigkeit - spielt an der ETH Lausanne Fussball.
Laurent Gillieront, Keystone

Wenn Berichte über die Wettbewerbsfähigkeit von Ländern erscheinen, haben die Schweizer meistens Grund zum Feiern. So auch im Fall des heute veröffentlichten «Global Competitiveness Report» des Weltwirtschaftsforums (WEF), der Organisation also, die auch das bekannte Januartreffen der Welteliten in Davos durchführt. Wie schon im letzten Jahr führt die Schweiz auch diesmal die Liste von 137 betrachteten Ländern an. Nicht viel anders sieht es bei anderen ähnlichen Untersuchungen aus. Im «World Competitiveness Yearbook» der Eliteschmiede IMD in Lausanne belegt die Schweiz im laufenden wie im vergangenen Jahr unverändert den zweiten Platz hinter Hongkong.

Das Problem bei solchen Ranglisten ist allerdings, dass sie ein grosses Missverständnis nähren: dass nämlich Länder wie Unternehmen auf den Absatzmärkten miteinander im Wettbewerb stehen. Unternehmen, die in ihren Märkten gegenüber Konkurrenten immer stärker ins Hintertreffen geraten, sind irgendwann vom Untergang bedroht, ihr ganzes Streben muss daher sein, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Für Länder insgesamt gilt das hingegen nicht.

Der Aussenhandel ist ein Tauschgeschäft

Der Zweck einer ganzen Volkswirtschaft ist nicht, möglichst viel zu exportieren, um daran zu verdienen. Der Aussenhandel eines Landes ist vielmehr ein Tauschgeschäft: Länder exportieren mindestens einen Teil jener Güter und Dienste, die bei ihnen vergleichsweise am besten bzw. am günstigsten erzeugt werden können und diese tauschen sie gegen Importe von Gütern und Dienstleistungen ein, die im Inland gar nicht oder nicht günstig genug hergestellt oder gewonnen werden können. Entsprechend richten Unternehmen auch weltweit ihre Wertschöpfungsketten aus. Es ist auch nicht so, dass alles, was in einem Land produziert und konsumiert wird, aus dem Aussenhandel stammt. Ein monetärer Gewinn aus dem Handel ist nicht der Zweck einer Volkswirtschaft, sondern das grösstmögliche Wohl der ansässigen Menschen.

Wenn also ein Land in einer solchen Wettbewerbstabelle bei den Rängen zurückfällt, ist es nicht bedroht, wie das im Fall eines Unternehmens der Fall wäre, das an Wettbewerbsfähigkeit einbüsst. Problematisch an der Rangfolge ist ausserdem, dass sie eine Exaktheit und Wissenschaftlichkeit vorgibt, die nicht existiert. Das zeigt alleine schon der Umstand, dass verschiedene Studien nicht zum gleichen Schluss kommen. Meist (so auch beim Bericht des WEF und dem des IMD) fliessen für die Bewertungen einerseits ökonomischen Daten ein und andererseits Einschätzungen von befragten Vertretern der Wirtschaftselite.

Das Problem des Zirkelschlusses

Welches Gewicht aber Daten wie zum Beispiel jene zum Bildungsstand, zur Wirtschaftsentwicklung, zum Gesundheitssystem oder zu Innovationen für die sogenannte Wettbewerbsfähigkeit haben, ist nicht exakt bestimmbar. Sowohl bei den Daten wie bei den Befragungen besteht ausserdem das Problem des Zirkelschlusses: Ist ein Land gerade erfolgreich und hat es deshalb einen guten Ruf, sehen die Daten gut aus und die befragten Manager werden es loben, dementsprechend wird das Land als besonders wettbewerbsfähig eingeschätzt. Über die Zukunft sagt das aber wenig aus. Die USA belegten noch zwei Jahre vor der Finanzkrise im WEF-Ranking den ersten Rang. Island ist im gleichen Jahr 2005 zwei Ränge auf den 14. Platz vorgerückt, obwohl kurz darauf dessen Wirtschaft dramatisch zusammenbrach. Der Erfolg von Island hatte auf einer gigantischen Verschuldung beruht.

Doch sieht man einmal von der Rangfolge ab und gibt ihr nicht allzu viel Gewicht, dann haben solche Studien dennoch ihren Wert. Während Länder auf Absatzmärkten wie ausgeführt nicht zueinander im Wettbewerb stehen, tun sie es auf den Faktormärkten: den Märkten für Kapital und Arbeit. Wenn es einem Land gelingt, hochproduktive und innovative Investitionen, Unternehmen, Unternehmer, Experten und Talente anzuziehen, dann kann das den Wohlstand in diesem Land erhöhen. Wie attraktiv ein Land für diese Faktoren ist, hängt durchaus unter anderem von den genannten Wirtschaftsdaten und der Meinung unter den Eliten ab.

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