Das sind die Vorschläge von Tsipras

Rechtzeitig hat Griechenland die Reformliste bei der EU deponiert. Tsipras' Regierung bietet konkrete Sparmassnahmen an.

Nähert sich mit seinen Reformen den Forderungen der Gläubiger an: Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras.

Nähert sich mit seinen Reformen den Forderungen der Gläubiger an: Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras. Bild: Keystone

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Mit einem ausgiebigen Reformangebot hat Griechenland einen grossen Schritt hin zu einer Lösung des Schuldenstreits mit seinen Gläubigern gemacht. In einer 13-seitigen Liste präsentierte die Regierung um Ministerpräsident Alexis Tsipras am Donnerstagabend Vorschläge für Reformen. Athen bittet im Gegenzug um ein neues, dreijähriges Rettungsprogramm im Umfang von 53,5 Milliarden Euro aus dem Euro-Rettungsschirm ESM.

Und das bietet Tsipras Brüssel konkret an:

Haushaltsziele

Die griechische Regierung verspricht, sich an Ziele für den Primärüberschuss zu halten: ein Prozent in diesem Jahr, zwei Prozent im Jahr 2016, drei und 3,5 Prozent für 2017 beziehungsweise 2018.

Mehrwertsteuerreform

Die Vorschläge aus Athen beinhalten eine Reihe von Steuererhöhungen, darunter eine Mehrwertsteuer für Restaurant und weitere Gastronomiebetriebe von 23 Prozent, ermässigte 13 Prozent für Grundnahrungsmittel, Energie, Hotels, Wasser und eine sogenannte superermässigte Rate von sechs Prozent auf Dinge wie Arzneimittel, Bücher und Theatervorführungen - vielleicht ist das angemessen für ein Land, das in Sachen Drama Pionierarbeit geleistet hat. Die neuen Steuerstufen sind ab diesem Oktober gültig.

Darüber hinaus wird den Steuervergünstigungen für die bei Touristen beliebten Inseln des Landes weitgehend ein Ende bereitet: Nur die entferntesten Inseln sollen die begehrten finanziellen Erleichterungen behalten.

So will Griechenland die internationalen Gläubiger zu weiteren Milliardenhilfen bewegen. (Video: Reuters)

Finanzreform

Für das Militär will Griechenland in diesem Jahr 100 Millionen Euro weniger ausgeben, diese Kürzung soll 2016 verdoppelt werden. Die Körperschaftssteuer wird von 26 auf 28 Prozent erhöht. Bauern werden ihre Steuervorzüge und Benzinsubventionen verlieren.

Die Regierung will deutlich härter gegen Steuerhinterzieher durchgreifen. Die wichtige Schiffsindustrie des Landes muss sich auf Steuererhöhungen für ihre Tonnage einstellen, die Steuervorteile für die Industrie an sich werden phasenweise zurückgefahren. Eine Luxussteuer wird auf Freizeitfahrzeuge mit einer Länge von mehr als fünf Metern ausgeweitet, die Rate steigt von zehn auf 13 Prozent.

Rentenreform

Die Regierung erwägt Reformen, die dauerhafte Einsparungen von 0,25 bis 0,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in diesem Jahr und ein Prozent ab 2016 bringen würden. Um dies zu erreichen, soll die Zahl der Frührentner sinken und das Renteneintrittsalter im Jahr 2022 auf 67 vereinheitlicht werden. Eine Ausnahme stellen besonders harte körperliche Arbeiten dar sowie Mütter, die Kinder mit Behinderungen grossziehen.

Gesetzliche Renten werden zielgerichteter, während Zusatzversorgungskassen durch Arbeitnehmeranteile finanziert werden sollen. Sozialleistungen wie ein Solidaritätszuschlag laufen phasenweise aus. Krankenbeiträge für Rentner steigen im Durchschnitt von vier auf sechs Prozent. Weitere Reformen sollen anlaufen, um das Rentensystem nachhaltiger zu machen. Dazu soll eine Überholung der Rentenbeiträge für Selbstständige sein.

Reform des öffentlichen Sektors

Die Behörden werden die Löhne von Staatsbediensteten umformen, um sicherzustellen, dass sie 2019 rückläufig sind und «den Fähigkeiten, Leistungen und Verantwortlichkeiten» des Personals entsprechen. Leistungen wie bezahlten Urlaub und Reiseerlaubnisse werden an die EU-Normen angepasst.

Ein Plan ist auf dem Weg, demzufolge Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes leichter auf Posten eingesetzt werden können, auf denen sie gebraucht werden. Ende Juli soll zudem ein Strategiepapier zum Kampf gegen Korruption fertig sein. Gleichzeitig sollen neue Gesetze für mehr Transparenz bei der Finanzierung politischer Parteien sorgen. Ermittlungen wegen finanzieller Vergehen sollen vor politischer Einflussnahme geschützt werden.

Steuerverwaltung

Die Regierung will eine unabhängige Steueraufsicht einsetzen. Reformen zur Modernisierung der Steuererhebung, zur Verfolgung von Steuerbetrug sowie zum Kampf gegen Kraftstoffschmuggel sollen ebenfalls auf denWeg gebracht werden.

Finanzsektor

Korrekturen der Insolvenzgesetze sollen dafür sorgen, dass Schuldner ihre Verbindlichkeiten bezahlen. Berater werden in der Frage helfen, wie mit faulen Krediten umgegangen wird. Es werden ausserdem Schritte ergriffen, um Investoren aus dem Ausland dazu zu bewegen, ihr Geld in griechische Banken fliessen zu lassen.

Produktmarkt

Die Regierung will Beschränkungen für Berufsgruppen wie diejenigen von Ingenieuren, Notaren und Gerichtsvollziehern öffnen. Unnötige Bürokratie soll abgeschafft werden. Durch Gesetze soll es einfacher werden, Geschäftslizenzen zu bekommen. Auch der Gasmarkt soll reformiert werden.

Privatisierungen

Die linke Regierung will Staatseigentum verkaufen und eine Privatisierung des Stromversorgungskonzerns auf den Weg bringen. Auch regionale Flughäfen und Häfen wie jene in Piräus und Thessaloniki sollen möglicherweise privatisiert werden.

Wie weiter?

Experten der Kreditgeber prüfen nun am Freitag, ob das Angebot aus Athen ausreichend ist. Am Samstag soll es dann von den 19 Euro-Finanzministern beurteilt werden. Im Idealfall könnten die 28 Staats- und Regierungschefs der EU-Mitgliedsstaaten die Vorschläge am Sonntag auf ihrem Sondergipfel in Brüssel billigen.

Aber auch in Athen muss heute Freitag das Parlament noch darüber abstimmen, ob es dem in Brüssel deponierten Paket seinen Segen gibt.

Ein Reporter vom «Wall Street Journal» hat einen Screenshot vom Tsipras-Paper auf Twitter veröffentlicht:

(rar/chk/sda/AFP/AP)

Erstellt: 10.07.2015, 07:30 Uhr

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