«Das war ein Fehlstart»

Mit einem dicken Minus ins neue Jahr: Was lässt sich von den Börsenturbulenzen ablesen? Was ist für 2016 zu erwarten? Dazu Julius-Bär-Chefstratege Christian Gattiker.

Tiefrot: Ein Mann vor einer Börsentafel in Peking. (4. Januar 2016)

Tiefrot: Ein Mann vor einer Börsentafel in Peking. (4. Januar 2016) Bild: Keystone

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Absturz und Handelsstopp an den Aktienmärkten in China, minus 3 Prozent in Japan, minus 1,5 Prozent in der Schweiz: Der Einstieg ins neue Börsenjahr ist missglückt. Schlechte Vorzeichen für 2016?
Nein. Natürlich, es war ein Fehlstart. Davon aber einen negativen Trend für das ganze Jahr abzuleiten, wäre am 4. Januar doch etwas verfrüht. Der Einbruch ist vor allem auf die wenig erfreulichen Ereignisse der letzten Tage zurückzuführen: die Spannungen im Nahen Osten, sehr schwache Zahlen vom verarbeitenden Gewerbe in China. Eine Rolle spielte auch der neue Mechanismus, der an den chinesischen Börsen seit heute einen Handelsstopp bei Kursabgaben von über 7 Prozent vorsieht. Er sorgte für Unsicherheit und verstärkte damit den Absturz, da die neue Marke in Reichweite kam und die Händler einem Handelsunterbruch zuvorkommen wollten.

Die schwierige Wirtschaftslage in China hat letztes Jahr zu einem Börsencrash geführt. Auch heute gaben die Märkte wegen schlechter Zahlen aus China nach. Wird 2016 also alles noch schlimmer?
Es wird sicher ein holpriges Jahr werden für China. Doch diese Turbulenzen hat jede Volkswirtschaft erlebt, die von einem export- auf ein binnenorientiertes Wirtschaftsmodell umgestiegen ist – zum Beispiel Taiwan in den 80er-Jahren oder Südkorea in den 90ern. Solche tief greifende Veränderungen sorgen immer für Verwerfungen an den Märkten. Weil die chinesische Wirtschaft in den letzten Jahren sehr stabil war, ist die Unsicherheit nun umso grösser. Man muss sich aber vor Augen führen, dass nicht die ganze chinesische Wirtschaft leidet: Die verarbeitende Industrie schwächelt, doch der Dienstleistungssektor entwickelt sich ziemlich solide. Auch die chinesischen Börsenmärkte haben sich übers letzte Jahr hinweg gesehen nicht so schlecht entwickelt, wie die Kursschwankungen es glauben machen könnten.

Die US-Märkte haben sich letztes Jahr seitwärts entwickelt, der deutsche DAX legte hingegen um 6 Prozent zu. Fazit: In Europa läuft es besser.
Dieser Vorsprung der Europäer ist eine Währungsillusion. US-amerikanische oder Schweizer Investoren, die in Euro investierten, haben im letzten Jahr viel Geld verloren. Umgekehrt haben die europäischen Anleger satte Währungsgewinne mit US- und Schweizer Aktien mitgenommen. Wer die Performances der einzelnen Märkte vergleicht, muss auch die Währungsschwankungen berücksichtigen. Ganz allgemein lässt sich sagen: Den Schwellenländern erging es am schlechtesten, sie litten vor allem unter den tiefen Rohstoff- und Ölpreisen. Am besten lief es den konsumnahen Titeln in der Alten Welt, die von der steigenden Kaufkraft im Westen profitiert haben.

Der SMI hat seit 2011 um 85 Prozent zugelegt, für nächstes Jahr prophezeit Julius Bär wieder ein Plus von rund 8 Prozent. Der Höhenflug ist also noch nicht zu Ende.
Wir erwarten ein akzeptables Aktienjahr, aber kein berauschendes. 2011 war der Aktienmarkt ausgebombt, nun sind wir wieder näher bei der Normalität angelangt. Die richtige Frage lautet deshalb: Was könnte den Kurs nun zusätzlich treiben? Für Schweizer Aktien macht der Franken den grössten Unterschied. Ein leicht schwächerer Schweizer Franken, mit dem wir dieses Jahr rechnen, könnte zu den 8 Prozent beitragen. Stärkere Partnerwährungen würden das Auslandgeschäft vieler Schweizer Firmen aufwerten.

Welche Märkte und Branchen werden uns 2016 positiv überraschen?
Wir sind optimistisch für die Binnenwirtschaft in Nordamerika und Europa. Der Boom in den Schwellenländern ist vorbei, anstatt 6 Prozent wächst die Weltwirtschaft dieses Jahr damit nur noch rund 3 Prozent. Davon profitieren Branchen, die in den letzten Jahren ein Schattendasein fristeten, zum Beispiel konsumnahe Industrien. Dieser Trend lässt sich an der Entwicklung von Firmen wie Lindt & Sprüngli ablesen: Der Schokoladenkonzern macht den grössten Teil des Umsatzes in Nordamerika und in Europa, die Aktie legte letztes Jahr um 30 Prozent zu. Ähnliches gilt für andere konsumnahe Unternehmen wie Nestlé oder den Aromahersteller Givaudan. Auch die industrielle Revolution, in der wir uns derzeit befinden, spiegelt sich in den Märkten wider. Einer der erfolgreichsten Indizes in Schweizer Franken war letztes Jahr der Technologieindex Nasdaq. Traditionelle Branchen wie die Autoindustrie haben es hingegen schwerer.

Für welche Branchen und Unternehmen wird das nächste Jahr besonders mühsam?
Der Rohstoffsektor steckt in einer kompletten Krise, das hat sich bei Glencore schon letztes Jahr gezeigt. Hier lautet die Frage: Wie viel schlimmer kann es überhaupt noch werden? Der Tiefpunkt steht wohl noch bevor, vielleicht kommt er 2016. Darunter leiden wie gesagt die Schwellenländer, von denen die meisten stark rohstofflastig sind. Wie gross die Risiken für hiesige Investoren dort sind, hat sich in Argentinien vor Weihnachten gezeigt, als die Regierung die Währung freigab. Das macht zwar langfristig Sinn, aber kurzfristig hat der argentinische Peso über Nacht 30 Prozent an Wert verloren – und damit auch die Investments in dieser Währung.

Eines der wichtigsten Themen letztes Jahr war die Leitzinserhöhung in den USA. Welche weiteren Konsequenzen wird sie haben?
Die erste Erhöhung im Dezember war bereits eingepreist. Die Frage ist nun, was die US-Notenbank dieses Jahr macht. Hier gehen die Prognosen weit auseinander. Viele rechnen mit drei bis vier weiteren Zinserhöhungen im nächsten Jahr, das halte ich aber für unrealistisch. Ich fühle mich an die Situation von 1997 erinnert, als das Fed eine zaghafte Zinserhöhung vornahm und dann aufgrund von Turbulenzen in den Schwellenländern zurückbuchstabieren musste. Aber egal, wie es mit der Zinspolitik tatsächlich weitergeht: Die Unsicherheit darüber wird die Märkte nächstes Jahr prägen.

Erstellt: 04.01.2016, 18:49 Uhr

Christian Gattiker ist Chefstratege und Leiter Research bei der Bank Julius Bär.

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