Das würde eine US-Zinssenkung bedeuten

Eine Lockerung der Geldpolitik im Juli gilt als sicher. Wer davon profitiert, ist allerdings ungewiss.

Sieht mehr Unsicherheiten: Fed-Chef Jerome Powell. Foto: Yuri Gripas, Reuters

Sieht mehr Unsicherheiten: Fed-Chef Jerome Powell. Foto: Yuri Gripas, Reuters

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Die amerikanische Zentralbank steht bereit. Bereit, den Leitzins zu senken, falls sich das wirtschaftliche Umfeld nachhaltig verschlechtert. Gemäss der Medienmitteilung zur Sitzung des Offenmarktausschusses sind die Währungshüter in der Festlegung der Geldpolitik nicht mehr «geduldig», sondern werden «entsprechend» handeln, um die wirtschaftliche Expansion mit einem starken Arbeitsmarkt und einer Inflationsrate nahe dem Ziel von 2 Prozent aufrechtzuerhalten.

«Viele Mitglieder des Offenmarktausschusses sehen stärkere Argumente für eine Senkung des Leitzinses», sagte Jerome Powell, der Chef des Federal Reserve, an der Medienkonferenz nach der Fed-Sitzung.

Das zeigt sich teils auch in der Erwartung der Währungshüter bezüglich des künftigen Leitzinses. Als das Fed im März zuletzt die Schätzungen zur künftigen Geldpolitik publizierte, rechnete noch kein Mitglied des Offenmarktausschusses (Fed-Direktorium und Präsidenten der Distriktnotenbanken) mit einem niedrigeren Leitzins per Ende Jahr. Das hat sich geändert.

Gespaltene Währungshüter

Nun erwarten acht der siebzehn Währungshüter eine Senkung des Leitzinses bis Ende Jahr. Sieben gehen gar von einer Reduktion von 50 Basispunkten aus. Nur noch acht rechnen mit keiner Änderung. Bis Ende des kommenden Jahres erwarten neun Währungshüter einen niedrigeren Leitzins. Entsprechend gesunken ist auch die Medianschätzung bis 2020. Zeigte sie im März noch eine Erhöhung um 25 Basispunkte an, weist sie nun eine Reduktion aus.

Der Grund für die Anpassung sind die gestiegenen Risiken. «Uns beschäftigen die Handelsentwicklung sowie Sorgen um das globale Wirtschaftswachstum», sagte Powell. Grundsätzlich sei der Ausblick aber weiter positiv. Entsprechend wurde die Wachstumsprognose für 2019 nicht verändert.

«Der Privatkonsum hat jüngst angezogen, der Arbeitsmarkt läuft heiss, die Löhne steigen, und das Vertrauen der Konsumenten ist hoch.» «Schwach» fielen hingegen die Kapitalinvestitionen der Unternehmen aus. Weiterhin «gedämpft» ist zudem die Inflation. Diesbezüglich rechnen die Währungshüter mit einer langsameren Annäherung ans Ziel von 2 Prozent.

Wie die Marktteilnehmer auf die künftige Geldpolitik reagieren, hängt davon ab, ob sie von den Investoren als locker genug beurteilt wird. Eine Senkung von 25 Basispunkten an der nächsten Fed-Sitzung vom 31. Juli gilt als sicher.

Die Wahrscheinlichkeit für zwei weitere Senkungen 2019 beträgt 65 Prozent. Ist die Geldpolitik locker genug, werden die Anleger wohl ähnlich reagieren wie nach der Fed-Sitzung vom letzten Mittwoch.

Aktien, Unternehmensanleihen und Gold dürften steigen, der Dollar hingegen nachgeben. Ob diese Reaktion aber nachhaltig ist, muss sich zeigen. Denn das Federal Reserve wird die Leitzinsen erst senken, wenn es die wirtschaftliche Expansion als gefährdet einschätzt. Zwar sagte Powell, dass «eine Unze Prävention gleich viel Wert hat wie ein Pfund Heilmittel», gleichzeitig will er sich von einem schwachen Datenpunkt aber nicht irritieren lassen. «Ich möchte die Entwicklung über drei oder gar sechs Monate sehen.»

Eine Lockerung der Geldpolitik wird darum nicht ohne Abschwächung der Konjunktur stattfinden. Das ändert auch die Aussichten für die Aktienmärkte, wie ein Blick in die Vergangenheit zeigt. Gemäss einer Analyse des Researchhauses Ned Davis Research über die vergangenen hundert Jahre steigt der Aktienmarkt gemessen am Dow Jones Industrial nach einer ersten Senkung des Leitzinses in den folgenden zwölf Monaten im Mittel 16 Prozent. Das Bild ändert sich aber, wenn die wirtschaftliche Entwicklung einbezogen wird.

Das Fed ist nur ein Akteur

Gab es in den folgenden zwölf Monaten nach der Zinssenkung keine Rezession, stieg der Dow Jones 24 Prozent. Komplizierter wird das Bild im Fall einer Rezession. Folgte die erste Senkung nahe dem Ende der Rezession, unterstützte die lockere Geldpolitik die Erholung und gab dem Aktienmarkt Auftrieb (+23 Prozent). Folgte sie hingegen nach Beginn der Rezession, betrug das Plus 11 Prozent. Gar ein Minus von 6 Prozent resultierte bei einer ersten Lockerung vor der Rezession.

Es gilt aber festzuhalten, dass die amerikanische Zentralbank in zwei der drei Zinssenkungsepisoden vor der Rezession gegen eine geplatzte Blase in Vermögenswerten ankämpfte. Sowohl im Jahr 2001 als auch 2007 vermochte das Federal Reserve mit einer lockeren Geldpolitik nur wenig auszurichten. Ist die Historie ein Indikator, sollten Investoren also darauf hoffen, dass die US-Wirtschaft eine Rezession vermeiden kann. Dann würde eine Lockerung der geldpolitischen Zügel dem Aktienmarkt am ehesten Auftrieb geben.

Wie Powell betonte, ist die derzeitige wirtschaftliche Grosswetterlage kompliziert. Die Handelsdispute und die sich abschwächende globale Wirtschaft stellen zwei grosse Unsicherheiten dar. Die involvierten Akteure – nicht nur Zentralbanker, sondern auch Politiker – bieten keine Gewähr dafür, immer rational zu handeln. Der Einfluss des US-Leitzinses auf die Konjunktur und die Märkte darf deshalb nicht überschätzt werden.

Erstellt: 27.06.2019, 13:46 Uhr

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