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«Der Aufschrei ist übertrieben»

Droht den Unternehmen nach der Aufhebung der Personenfreizügigkeit ein Personalmangel? Arbeitsmarktforscher George Sheldon nennt die Schlüsselpunkte, die eine neue Kontingentregel beachten müsste.

«Historisch wurde die stärkste Zuwanderung unter dem alten Kontingentsystem verzeichnet»: Arbeitsmarktforscher George Sheldon.
«Historisch wurde die stärkste Zuwanderung unter dem alten Kontingentsystem verzeichnet»: Arbeitsmarktforscher George Sheldon.
Keystone

Genau 80'937 effektive Neuzugänge aus den EU-17- und Efta-Staaten verzeichnete das Bundesamt für Migration in den vergangenen zwölf Monaten. So viele zusätzliche Erwerbstätige erhielten zwischen Dezember 2012 und November 2013 eine Aufenthaltsbewilligung, um für ein Schweizer Unternehmen im Gesundheitswesen, in der Gastronomie oder in der Maschinenindustrie zu arbeiten. Nun wurde die Masseneinwanderungsinitiative angenommen. Herrscht bei Bauunternehmen, Spitälern und IT-Firmen also bald Personalnotstand?

Arbeitsmarktspezialist George Sheldon von der Universität Basel trat im Vorfeld der Abstimmung als Kritiker der SVP-Initiative auf. «Die SVP-Initiative bringt gar nichts ausser Ärger», sagte er im Dezember zur Zeitschrift «Bilanz». Sheldons Fazit bleibt nach dem Ja zur Initiative dasselbe. «Im Hinblick auf den Arbeitsmarkt erwarte ich keine einschneidenden Auswirkungen», sagt er zu Redaktion Tamedia. «Der Aufschrei aus der Wirtschaft ist übertrieben.»

Vermutlich liberale Praxis

Trotzdem warnt der Forscher vor den Konsequenzen, die eine harte Umsetzung haben könnte. Dabei geht es einerseits um die Regeln zum Familiennachzug. Würde dieser für ausländische Fachkräfte erschwert, so wäre dies laut Sheldon ein «echtes Problem». Dann hätten wissensintensive Branchen Mühe, die benötigten Spezialisten aus dem Ausland zu rekrutieren. Im Vergleich zur jüngsten Vergangenheit würde die Schweizer Wirtschaft damit unattraktiver für Arbeitnehmende aus dem EU-Raum: Personalnot könnte sich dann tatsächlich da oder dort einstellen.

Andererseits ist die Vergangenheit Sheldons wichtigster Indikator dafür, wie das Migrationsregime der Schweiz nach der Umsetzung der Initiative in spätestens drei Jahren aussehen könnte. «Die Geschichte zeigt, dass die Bedürfnisse der Wirtschaft stets erfüllt wurden», sagt der Ökonom. «Historisch wurde die stärkste Zuwanderung sogar unter dem alten Kontingentsystem verzeichnet.» In den letzten Jahren seien die Zahlen vor allem wegen der längeren Verweildauer gestiegen. Entscheidend für die Wirtschaft werde deshalb auch sein, wie hoch die Kontingente für EU-Bürger tatsächlich angesetzt würden. «Bindende Kontingente wären etwas ganz Neues», sagt Sheldon.

«Kein Bürokratiemonster»

SVP-Vertreter hatten im Abstimmungskampf selbst betont, dass die Wirtschaft die notwendigen ausländischen Arbeitskräfte auch in einem Kontingentsystem erhalten müsse. Um welche Grössenordnungen es dabei geht, ist nach wie vor unklar: Es kursieren Zahlen zwischen 40'000 und 50'000, doch die Abstimmungssieger wollen sich nicht festlegen. Dass die Politik zulasten der Wirtschaft eine massive Drosselung zulässt, kann sich George Sheldon nicht vorstellen. In der Praxis bleibe die Anstellung von Arbeitskräften vermutlich liberal. «Die Behörden können ohnehin nicht sinnvoll beurteilen, ob ein Unternehmen einen bestimmten Spezialisten wirklich braucht.»

Laut dem Arbeitgeberpräsidenten Valentin Vogt hat sich das Investitionsklima für Schweizer Unternehmen durch den Volksentscheid schlagartig verschlechtert – dies, weil die Firmen erstens mit akuten Unsicherheiten und zweitens mit zusätzlicher künftiger Bürokratie konfrontiert sind. Wie George Sheldon sagt, dürfte die Einholung einer Arbeitsbewilligung für EU-Bürger künftig tatsächlich umständlicher werden. «Doch ein Kontingentsystem muss kein Bürokratiemonster sein.» Bei Fachkräften aus Drittstaaten, wo heute ein Kontingenzprinip gilt, würden die Ämter bereits heute recht speditiv arbeiten.

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