Der blinde Fleck in Trumps Aussenhandelsanalyse

Ziel des US-Präsidenten ist ein Ende der US-Defizite im Aussenhandel. Angesichts der Bedeutung des amerikanischen Kapitalmarkts wird er das nicht erreichen können.

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Die Spirale im Handelskrieg dreht sich weiter. Erst gestern hat Donald Trump, wie schon früher angedroht, weitere Strafzölle von 25 Prozent auf chinesische Produkte im Umfang von 16 Milliarden Dollar auf den 23. August angekündigt. Die gesamten mit solchen Strafzöllen belegten Importe aus China in die USA betreffen dann 50 Milliarden Dollar. Trump hat bereits angedroht, höhere Zölle sogar auf sämtlichen Importen aus China im Wert von 500 Milliarden Dollar zu verhängen.

Trump stört sich besonders an den Handelsüberschüssen, die China gegenüber den USA aufweist. Für ihn sind sie Ausdruck eines unfairen Verhaltens der Chinesen, indem sie US- und andere westliche in China tätige Unternehmen benachteiligen: einerseits durch hohe Zölle, weitere Schikanen und vor allem auch, weil sie ihre geistigen Eigentumsrechte missachten. Das heisst, sie verlangen, dass die Unternehmen ihre technologischen Prozesse und Fähigkeiten faktisch der chinesischen Konkurrenz preisgeben.

Dieser Vorwurf trifft zu, er steht deutlich länger schon im Raum, als Donald Trump Präsident der USA ist. Auch die Europäer und Schweizer Unternehmen stören sich daran. Doch mit seinen Massnahmen gegen China wird Trump sein Ziel eines ausgeglichenen Aussenhandels nicht erreichen – auch wenn die Chinesen sich ab sofort wie Musterschüler an Fairness verhalten würden. Dasselbe gilt für die Aussenhandelsdefizite der USA gegenüber Europa.

Die missachteten Kapitalbeziehungen

Der US-Präsident betrachtet nur die eine Seite der wirtschaftlichen Verflechtung mit dem Ausland: jene der Handelsbeziehungen mit Gütern und Dienstleistungen. Die andere, mindestens ebenso wichtige Seite ist jene der Kapitalbeziehungen. Eine nähere Betrachtung erklärt, warum diese Seite die grössere Bedeutung für die Aussenhandelsdefizite hat als Zölle und unfaires Verhalten von Handelspartnern.

Ein Handelsdefizit bedeutet, dass im Inland mehr verbraucht wird, als ein Land selbst herstellt. Ein solches Defizit kann daher nur entstehen, wenn andere Handelspartner entsprechende Überschüsse haben, also bei sich weniger verbrauchen, als sie herstellen.

Vonseiten der Kapitalseite der Aussenhandelsbilanz (Zahlungsbilanz) sieht das so aus: Das Land mit den Überschüssen spart mehr, als es investiert – wobei die Ersparnisse gesamtgesellschaftlich definiert sind als der Überschuss des Gesamtprodukts über dem Konsum. Das heisst, ein Nettoexportüberschuss ist nur möglich, wenn die Inländer nicht alles schon im Inland verbraucht haben, was hergestellt wurde. Anhaltende Überschüsse bedeuten aber auch, dass ein Teil der Einkommen aus dem im Inland hergestellten Gesamtprodukt im Ausland als Kapitalanlage verbleibt und nicht zur Finanzierung von entsprechenden Importen verwendet wird. Anhaltende Leistungsbilanzüberschüsse eines Landes gehen deshalb immer einher mit Kapitalexportüberschüssen.

Anlageparadies USA

Umgekehrt verhält es sich bei einem Land mit Aussenhandelsdefiziten wie den USA: Ein solches Land verbraucht mehr, als es selbst herstellt. Deshalb ist es auch auf einen Nettokapitalimport aus dem Ausland angewiesen, um den Konsum und die Investitionen im Inland zu bezahlen, weil dafür die im Inland erzielten Einkommen nicht ausreichen.

Der Kapitalverkehr ist aber nicht bloss die Folge der Handelsströme. Er kann auch ihre Ursache sein – und das ist zum Verständnis des US-Aussenhandelsdefizits zentral. Die USA haben den mit Abstand grössten und am weitesten entwickelten Kapitalmarkt der Welt – und mit dem Dollar auch noch die Leitwährung der Welt. Die Folge davon ist, dass die ganze Welt Kapitalanlagen in den USA tätigen will und auch tätigt – mehr als die USA an Kapital ins Ausland transferieren. Damit finanziert die Welt in den USA einen Verbrauch, der die dort erzielten Einkommen übersteigt und zum Aussenhandelsdefizit führt. Und andere Länder können wie gezeigt nur Kapitalüberschüsse gegenüber den USA erzielen, wenn sie auch Aussenhandelsüberschüsse erzielen.

Der Umstand, dass die USA der Sparhafen der Welt sind, ist auch gleichbedeutend damit, dass sich die USA gegenüber dem Ausland immer stärker verschulden; deshalb ist zum Beispiel China zum grössten Gläubiger der US-Regierung geworden. Wollen die USA einer höheren Verschuldung aus dem Weg gehen, müssten sie eine höhere Arbeitslosigkeit in Kauf nehmen. Der in Peking lehrende US-Ökonom Michael Pettis erklärt das so: «Ein Land ist entweder mit einer höheren Arbeitslosigkeit konfrontiert, oder es muss zulassen, dass die Verschuldung schnell genug ansteigt, um das Beschäftigungswachstum im Dienstleistungssektor und in den nicht handelbaren Sektoren der Wirtschaft zu finanzieren, um den Verlust von Arbeitsplätzen im verarbeitenden Gewerbe und bei den handelbaren Gütern angesichts der Konkurrenz durch ausländische Produkte auszugleichen.»

Fazit: Donald Trump hat recht, dass die anhaltenden Aussenhandelsdefizite für die USA ein Problem darstellen. Doch solange die ganze Welt mehr Kapital in die USA bringt, als sie von ihnen bezieht, wird sich daran nichts ändern. Um hier eine echte Änderung zu erreichen, brauchte es eine Form von internationaler Zusammenarbeit, die nicht existiert. Die andere Möglichkeit ist ein Rückgang der Globalisierung, der auch zu geringeren Kapitalströmen führen würde. Mit höheren Zöllen allein kann Trump so lange nichts ausrichten, wie die Amerikaner weiterhin mehr verbrauchen, als sie einnehmen, und solange die übrige Welt das mit Kapitalüberschüssen willig zu finanzieren bereit ist. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.08.2018, 20:10 Uhr

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