Der grosse Irrtum zur «Subprime»-Krise

Eine neue Studie von US-Ökonomen zeigt, dass ein wesentlicher Teil der Analyse zur Finanzkrise falsch war. Was das für die Geschichtsschreibung und die Folgerungen daraus bedeutet.

Nicht die ärmsten Schuldner sind mit Hypotheken vor der Krise immer grössere Risiken eingegangen: Ein Haus im kalifornischen Pasadena steht im Jahr 2007 zum Verkauf, nachdem die Immobilienpreise einzubrechen begannen.

Nicht die ärmsten Schuldner sind mit Hypotheken vor der Krise immer grössere Risiken eingegangen: Ein Haus im kalifornischen Pasadena steht im Jahr 2007 zum Verkauf, nachdem die Immobilienpreise einzubrechen begannen. Bild: Keystone

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Eine aktuelle Studie von Ökonomen aus den USA wirft ein neues Licht auf die Finanzkrise, die vor 10 Jahren ihren Lauf nahm und in ihrem Ausmass nur mit der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre vergleichbar ist und bis heute nachwirkt.

Die gängige Geschichte bisher lautete in der kürzesten Form etwa so: Ärmeren und sogar mittellosen Haushalten war es in den Jahren vor der Krise möglich, Hypotheken auf Immobilien aufzunehmen. Die Banken haben ihnen diese ohne ausreichende Prüfung gegeben, weil sie diese Hypotheken ohnehin nicht in den eigenen Büchern zu halten gedachten und sie stattdessen in komplexe Anlageprodukte verpacken und in die ganze Welt weiterverkaufen wollten. Die Ratingagenturen gaben diesen Konstrukten dann noch die höchsten Bonitätsnoten. Als dann der Häusermarkt zusammenbrach, verloren diese Konstrukte massiv an Wert und weil die ganze Welt auf solchen Anlagen sass – und viele noch bei den Banken verblieben sind – kam es zur Krise.

Schuld sind nicht die Armen

Der Drang und die Möglichkeit für die Ärmeren, ebenfalls Häuser zu erwerben und sich damit zu bereichern, wird daher immer wieder als zentrale Ursache für die Krise bezeichnet. Weil Hypotheken an ärmere und daher schlechtere Schuldner als «subprime» gelten – im Vergleich zu «prime» für reichere und bessere Schuldner – wird die Finanzkrise zuweilen auch als «Subprime-Krise» bezeichnet. In einer ideologisierten Form dieses Arguments wird den Ärmeren sogar die Schuld für die weltweite Katastrophe zugeschrieben.

Wie die Ökonomen Stefania Albanesi, Giacomo De Giorgi und Jaromir Nosal nun aber zeigen, waren es gar nicht die Armen und schlechten Schuldner, die für den Anstieg der Hypothekenvergabe vor der Krise hauptsächlich verantwortlich waren. Im Gegenteil: Die Hypotheken, die diese erhielten, blieben weitgehend konstant. Zugenommen hat die Hypothekenvergabe dagegen für Schuldner mit guter und sehr guter Bonität – also für die Empfänger mittlerer und hoher Einkommen bzw. die entsprechenden Vermögensbesitzer.

Diese reicheren Hypothekenbezüger haben das Geld laut Erkenntnissen der Ökonomen weniger für ein eigenes Haus verwendet, sondern vielmehr auf steigende Hauspreise spekuliert. Dazu haben sie nicht nur eines, sondern gleich mehrere Immobilien gekauft. Da eine gewöhnliche und versicherte Hypothek nur für ein selbst bewohntes Haus zu erhalten war, mussten diese Spekulanten auf nicht standardisierte und weit riskantere Hypotheken ausweichen, wie zum Beispiel solche, deren Zinssatz über die Zeit deutlich ansteigt. Weil sie ausserdem an einem möglichst hohen Gewinn interessiert waren, haben sie so wenig eigenes Kapital wie nur möglich eingesetzt, denn damit stieg die Rendite auf dem selbst eingesetzten Kapital bei steigenden Immobilienpreisen.

Falsche Anreize für alle

Gleichzeitig nahm damit aber auch das Risiko eines Zahlungsausfalls zu, sobald die Hauspreise nicht mehr anstiegen. Da allerdings in vielen US-Staaten die Möglichkeit bestand, bei einer Überschuldung der Bank einfach die Immobilie abzugeben, blieb das Risiko für die Spekulanten beschränkt, während es vor allem für das Finanzsystem insgesamt zugenommen hat. Und weil das Finanzsystem letztlich gerettet werden musste, haben es am Ende die Steuerzahler getragen.

Dass bisher vor allem die Ärmeren Hypothekenbezüger für die Krise verantwortlich gemacht wurden, erklären die Studienautoren mit einer bis jetzt zu wenig genauen Untersuchung der Daten. Bisher wurde die Hypothekarvergaben auf der Ebene von Regionen gemäss Postleitzahlen ausgewertet. Dabei hat sich gezeigt, dass in Regionen mit vielen schlechten, also ärmeren Schuldnern die Hypothekenvergabe besonders deutlich angestiegen ist. Die Studienautoren haben jetzt aber neu eine umfassende Datenmenge ausgewertet, die auf der individuellen Ebene der Hypothekarschuldner ansetzt. Dadurch kamen sie zu den beschriebenen Resultaten. Auch in den Gegenden, in denen sich viele Subprime-Schuldner befanden, waren es die Hypotheken an die besseren, das heisst reicheren Schuldner, die deutlich zugenommen haben.

Keine fundamental neue Geschichtsschreibung

Bleibt die Frage, was die neuen Erkenntnisse an der Beurteilung der Finanzkrise ändern und welche Folgerungen sich für die Politik und insbesondere die Regulierungsbehörden aufdrängen.

Eine komplette Neubeurteilung der Krise – wie das einige bereits behaupten – ist auch mit den neuen Erkenntnissen nicht angesagt. Vieles am eingangs beschriebenen Krisenszenario bleibt dadurch unbestritten: Die Banken haben sich wenig um die Risiken der von ihnen vergebenen Hypotheken gekümmert, weil sie sie ohnehin komplex verpackt weiterverkaufen wollten. Die Risiken wurden von allen unterschätzt, weil niemand damit gerechnet hat, dass die Preise nicht mehr weiterwachsen und die Ratingagenturen haben trotz der hohen Risiken dieser komplexen Hypothekenkonstrukte diese mit höchsten Bonitätsnoten ausgezeichnet.

Dass auch die Subprime-Hypotheken einen massiven Einbruch erlebt haben, bleibt ebenfalls richtig. Denn der Zusammenbruch der Hauspreise hat auch die Ärmeren betroffen, die in ihren Immobilien gewohnt haben. Der wesentliche Unterschied ist aber, dass es als besonders unfair erscheint, diesen Leuten nach den neuen Erkenntnissen auch noch die Schuld für den Ablauf der Geschichte anzulasten, weil sie eben zu gierig gewesen sein sollen.

Auch der eingeschlagene Pfad bei den Regulierungen erfordert keine fundamentale Neuausrichtung. Im Gegenteil: Die neuen Erkenntnisse machen nur klar, wie wichtig die Massnahmen sind, die auch in der Schweiz ergriffen wurden, und dass sie auf keinen Fall gelockert werden dürfen. Damit die Banken nicht zu viele Risiken auf Kosten der Allgemeinheit eingehen können, sind hohe – möglicherweise noch höhere – Eigenkapitalpuffer notwendig. Damit Hypothekarnehmer sich nicht zu stark verschulden können, machen Höchstbelehnungsgrenzen im Verhältnis zu den damit erworbenen Immobilien wie auch im Verhältnis zum Einkommen Sinn, genauso wie ein hypothetischer maximaler Zinssatz, den ein Schuldner tragen können muss. Wichtig bleibt auch die genaue Beobachtung der Hauspreisentwicklung verbunden mit der Möglichkeit, weitere Massnahmen, wie zum Beispiel zusätzliche Kapitalpuffer für die Banken, zu verlangen, wenn die Immobilienpreise rasch zu stark ansteigen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.10.2017, 19:21 Uhr

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