Porträt

Der Mindestlohn-Verkäufer

Daniel Lampart war Hausbesetzer, Musiker und Hilfsarbeiter. Nun kämpft der Chefökonom des Gewerkschaftsbunds für die Mindestlohninitiative, die nicht seine Idee war.

Daniel Lampart ist als Leiter des Zentralsekretariats des Gewerkschaftsbunds auf allen Kanälen präsent.

Daniel Lampart ist als Leiter des Zentralsekretariats des Gewerkschaftsbunds auf allen Kanälen präsent. Bild: Doris Fanconi

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Daniel Lampart ist das Gesicht des Gewerkschaftsbunds. Als Leiter des Zentralsekretariats und Chefökonom ist der 45-Jährige auf allen Kanälen präsent – sei es zum Eurokurs, zu den Abzockern oder zum Pensionskassen-Umwandlungssatz. Doch manchmal wäre es ihm wohler, sagt Lampart, wenn er nicht im Rampenlicht stünde. Solche Auftritte seien stets mit dem Druck verbunden, bestimmte Botschaften rüberzubringen und mit ihnen Erfolg zu haben.

Das ist auch jetzt wieder so: Lampart soll das Schweizer Volk von der Mindestlohninitiative überzeugen. Sagt es Ja, schreibt die Verfassung künftig mindestens 22 Franken pro Stunde vor. Das wäre Weltrekord. Kein anderes Land kennt einen auch nur annähernd so hohen Mindestlohn. Für die Initiativgegner wäre dies eine Katastrophe. Bei einer solch hohen Salärhürde fänden viele ­Berufseinsteiger keine Stelle mehr und würden von der Arbeitswelt aus­geschlossen, mahnen sie. Viele Jobs gingen verloren. Und Regionen wie das Tessin kämen in Schwierigkeiten. Als guter Ökonom müsse Daniel Lampart dies doch sehen.

Ein Sinneswandel?

Was sieht er? 2005, als Lampart noch bei der ETH-Konjunkturforschungsstelle (KOF) arbeitete, verfasste er eine Studie zum Detailhandel. Darin kam er zum Schluss, eine Erhöhung der Frauenlöhne um 20 Prozent und ein Anheben der Männerlöhne um 10 Prozent führe zu einem Beschäftigungsrückgang um 7,5 Prozent. Der «Blick» konstruierte daraus einen «Sinneswandel». Als Gewerkschaftssekretär verschliesse Lampart nämlich die Augen vor den unschönen Nebenwirkungen eines Mindestlohns.

Das hat den Chefökonomen getroffen. Diese Polemik, schrieb er in seinem Blog, sei ökonomisch unterste Schublade. Erstens sei es in der Studie nicht um eine Erhöhung der Tieflöhne gegangen, sondern um eine allgemeine Lohnerhöhung. Zweitens zahle die Mehrheit des Detailhandels schon heute 22 Franken pro Stunde, womit dies wohl der Marktlohn sei. Und drittens werde der Mindestlohn selbst dann nicht zu mehr Arbeitslosigkeit führen, wenn die Beschäftigung etwas sinke. Indem die Leute mehr verdienten, könnten sie nämlich auf einen Nebenjob verzichten, den dann jemand anders übernehmen könne.

Lampart stützt sich auf die OECD, die keine negativen Auswirkungen von Mindestlöhnen gefunden habe. Bloss schlagen in Frankreich derzeit auch linke Ökonomen vor, den dortigen Mindestlohn von 9,53 Euro zu flexibilisieren. Ein schlecht bezahlter Job sei besser als gar kein Job. Gibt das Lampart nicht zu denken? «Frankreich ist ein anderes Land», sagt er. Dort sei der Anteil der Beschäftigten, die vom Mindestlohn erfasst würden, grösser als in der Schweiz nach ­Annahme der Initiative – selbst wenn die hiesige Limite mit 22 Franken höher angesetzt werden soll. Bei uns, so der Gewerkschaftssekretär, würde die Lohnsumme nur um 0,4 Prozent steigen. «Das ist verkraftbar.»

Unia als treibende Kraft

Lampart weiss die Initiative mit gut vorbereiteten Argumenten zu verkaufen. Er tut dies derart sachlich und nüchtern, dass man auch nach einem stündigen Gespräch nicht mit Sicherheit sagen kann, ob er als Ökonom tatsächlich keinerlei Bedenken hat. Sicher ist: Wenn er solche Bedenken hätte, würde er es nicht sagen. Sicher ist auch: Es war nicht Lamparts Idee, eine solche Initiative zu lancieren. Treibende Kraft war die Unia – wie so oft beim Gewerkschaftsbund. Der Chefökonom wollte die Sache erst gründlich analysieren. «Wir haben viel überlegt, und ich habe viel gelesen», sagt er.

Hätte er den Mindestlohn nicht lieber nach Regionen differenziert? So läge die Limite im Tessin tiefer als in Zürich. Lampart ist loyal und sagt: «Ich habe alles mitgetragen.» Man habe lange über eine Regionalisierung nachgedacht, doch die Definition der Regionen sei schwierig. Die nun vorgeschlagenen 22 Franken für die ganze Schweiz seien zwar «ambitiös», aber «grundsätzlich machbar».

Das klingt etwas verhalten. Aber Lampart muss sich nicht verleugnen in seinem Job. Er ist ein überzeugter Gewerkschafter. Und er war es schon immer. Bereits mit 20 Jahren wird er Mitglied, obwohl er noch studiert. Denn der junge Lampart ist auch Arbeiter. Immer wieder nimmt er Gelegenheitsjobs auf dem Bau an – sei es als Hilfsmaler oder als Hilfselektriker. So verdient er Geld für sein Hobby, die Musik. Mit seinem ersten Lohn (11 Franken pro Stunde) kauft sich Bassist Lampart einen Verstärker.

Nicht nur in Rockbands, auch im Schülerrat der luzernischen Kantonsschule Reussbühl bringt sich Lampart ein. Bald organisiert er Demonstrationen gegen die Wohnungsnot in Luzern. Selbst vor einer Hausbesetzung schreckt er nicht zurück. Das Haus wird von der Polizei geräumt, aber Lampart nicht verurteilt. Stattdessen sagt ihm ein Polizist, er solle doch nach Moskau gehen.

Interesse an «den grossen Fragen»

Auch sein Vater, ein Luzerner Kleinunternehmer, missbilligt die Aktionen. Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen, und der junge Lampart zieht früh von zu Hause aus. An der Uni Zürich studiert er Philosophie, weil ihn «die grossen Fragen» interessieren. Daneben spielt er in Orchestern Kontrabass und verdient so sein Geld. Nach ­Abschluss seines Philosophiestudiums hat er aber genug vom «ewigen Warten» als Orchestermusiker. Er lehnt An­fragen ab – im Glauben, sicher etwas anderes zu finden. Doch Lampart täuscht sich. Er findet nichts anderes. Selbst die Notschlafstelle, wo er sich als Nachtwach­aushilfe andient, fragt ihn: «Haben Sie Berufserfahrung?»

Rund zwei Monate ist Lampart ohne Job und bezieht Arbeitslosengeld. «Das war eine brutale Erfahrung: einfach nichts zu finden, obwohl man alles machen würde», erinnert er sich. Dann findet er doch noch etwas im Zahlungsverkehr der ZKB und später als Software-Entwickler. Daneben beginnt er ein Zweitstudium in Volkswirtschaft an der Hochschule St. Gallen. Nach dessen Abschluss forscht er für die KOF und erwirbt an der Uni Zürich den Doktortitel in Wirtschaftsgeschichte. Schliesslich wechselt er Anfang 2006 zum Gewerkschaftsbund, wo er ein halbes Jahr später bereits zum Chefökonomen und stellvertretenden Sekretariatsleiter aufsteigt. Seit 2011 ist Lampart ganz oben und leitet das Zentralsekretariat.

Der ehemalige Hausbesetzer wird auch von Arbeitgeberseite für seine guten Manieren gelobt. Wen immer man fragt: Lampart wird als «sehr umgänglich», «fair», «clever», «effizient» und «stets gut vorbereitet» beschrieben. Fragt man nach den Schwächen, fällt den einen gar nichts ein. Andere sprechen von mangelnder Gelassenheit oder von Verbesserungspotenzial bei der Rhetorik. Und was meint er selbst? Kann er zum Beispiel am 1. Mai auch kämpferisch auftreten? Durchaus, sagt Lampart. Nach solchen Reden höre er von Zuhörern immer wieder: «So kennen wir Sie gar nicht.»

Der Gewerkschaftsbund entlöhnt ihn mit jährlich «etwas mehr als 150 000 Franken». Einen Bonus kriegt Lampart nicht – auch nicht, wenn er am 18. Mai den Abstimmungskampf gewinnt. Seine Partnerin, sagt er, verdiene als Berufs- und Laufbahnberaterin bei der Stadt Zürich pro Stunde mehr. Was heisst pro Stunde? Hält sich Lampart nicht an die vertraglich und gesetzlich vorgegebene Arbeitszeit? Doch, sagt er. Bloss weiss er auf Nachfrage nicht, wie viele Stunden er pro Woche arbeiten müsste. «Ich erfasse einfach 40 Stunden», sagt der Gewerkschaftssekretär schmunzelnd. Den Rest leiste er ehrenamtlich.

Einfaches Mitglied der Grünen

Lampart pendelt zwischen Bern und ­Zürich, wo er mit seiner Partnerin und seiner Tochter ein eigenes Haus bewohnt. Seit zwei Jahren übt er dort auf der elektrischen Gitarre. Langsam traue er sich, seine alten Kollegen wieder anzurufen, um mit ihnen Jazz zu spielen, sagt er. Bei der Grünen Partei hingegen engagiert sich der 45-Jährige nicht mehr. Vor zehn Jahren leitete er noch deren Wirtschaftskommission. Und er kandidierte 2006 für den Stadtzürcher Gemeinderat – als Listenfüller. Jetzt aber, als Gewerkschaftssekretär, arbeite er mit allen Parteien zusammen, sagt Lampart. Das spreche gegen ein parteipolitisches Engagement. Bei den Grünen sei er nur noch einfaches Mitglied. Für den Nationalrat dürfte er ohnehin nicht kandidieren, was den nüchternen Ökonomen gar nicht stört. Er braucht nicht noch mehr Rampenlicht.

Erstellt: 23.04.2014, 06:59 Uhr

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