Zum Hauptinhalt springen

«Der Preis für Putin steigt jeden Monat»

Experten warnen vor den Folgen der Sanktionen für Russlands Wirtschaft. Die Angst vor zusätzlichen Massnahmen treibt die Aktien nach unten, Investoren ziehen Milliarden ab.

Er nimmt Nachteile für Russlands Wirtschaft bewusst in Kauf: Präsident Wladimir Putin auf Besuch in Brasilien.
Er nimmt Nachteile für Russlands Wirtschaft bewusst in Kauf: Präsident Wladimir Putin auf Besuch in Brasilien.
Ueslei Marcelino, Reuters
Wird Kanzlerin Angela Merkel zusammen mit anderen EU-Regierungschefs weitere Sanktionen beschliessen? Merkel und Präsident Putin besuchen zusammen den WM-Final Deutschland - Argentinien in Rio de Janeiro.
Wird Kanzlerin Angela Merkel zusammen mit anderen EU-Regierungschefs weitere Sanktionen beschliessen? Merkel und Präsident Putin besuchen zusammen den WM-Final Deutschland - Argentinien in Rio de Janeiro.
Alexey Nikolsky/Ria Novosti/EPA
Wegen der Abhängigkeit von Öl- und Gaslieferungen ist Europa vor noch schärferen Sanktionen gegen Russland zurückgeschreckt: Bau einer Gaspipeline in der Nähe von St. Petersburg.
Wegen der Abhängigkeit von Öl- und Gaslieferungen ist Europa vor noch schärferen Sanktionen gegen Russland zurückgeschreckt: Bau einer Gaspipeline in der Nähe von St. Petersburg.
Anatoly Maltsev, Keystone
1 / 5

Nach der Erholung erfolgt der Absturz. Der russische Aktienmarkt büsste nach dem mutmasslichen Abschuss der Boeing 777 von Malaysia Airlines bis am Montag über 6 Prozent ein. Da ist das heutige Aufrappeln um wenige Punkte nur ein kleiner Trost. Noch im Mai und Juni hatte sich der russische Aktienindex erholt, nachdem dieser im Februar nach dem Ausbruch der Ukrainekrise in diesem Jahr den ersten Einbruch erlitt.

Die Anleger fürchten sich vor einer Verschärfung der Sanktionen durch die USA und der EU. Dies zeigt sich auch an der Prämie für Kreditausfallversicherung auf russische Staatsanleihen, die in den letzten Tagen nochmals markant gestiegen ist. Zumindest der Druck auf die EU, ihre Sanktionen weiter zu verschärfen, nimmt zu. Eine Gruppe um den britischen Premier David Cameron will am heutigen Treffen der EU-Aussenminister darauf drängen, dass zumindest Vorbereitungen getroffen werden, wirtschaftliche Massnahmen gegen Russland auszuweiten.

Bisher hat sich der Westen für Sanktionen mit chirurgischer Präzision entschieden, wie die «Financial Times» schreibt. Mit gezielten Massnahmen gegen regierungsnahe Oligarchen und einzelne Firmen möchten die USA und die EU die Folgen für die eigene Wirtschaft möglichst in Grenzen halten. Die erste Runde von Sanktionen im März wurde von Russland denn auch mit grosser Gelassenheit aufgenommen.

«Primitiver Racheakt»

Für die Sanktionen, die letzte Woche – allerdings noch vor dem Flugzeugabsturz – getroffen wurden, gilt dies nicht mehr. So haben die USA für mehrere grosse russische Konzerne den Zugang zum eigenen Kapitalmarkt erschwert. Betroffen sind Energiekonzerne wie Rosneft oder Novatek, Finanzinstitute wie die Gazprombank oder der Waffenhersteller Kalaschnikow. So können die betroffenen Firmen in den USA nur noch Kurzfristdarlehen aufnehmen. Für Unternehmen wie Gazprombank mit längerfristigen Anleihen von 8,2 Milliarden Dollar könnte es schwierig werden, diese Kredite nach Ablauf zu erneuern.

Dass die jüngsten Schritte Russland schmerzen, zeigen die Reaktionen im Land. Das russische Aussenministerium sprach von einem primitiven Racheversuch, weil sich die Ereignisse in der Ukraine nicht nach den Vorstellungen der US-Regierung entwickelten. Die Sanktionen hätten einen Bumerang-Effekt, sagte Präsident Wladimir Putin. Sie führten die amerikanisch-russischen Beziehungen in eine Sackgasse.

Auch wenn die erste Stufe der Sanktionen Russlands Wirtschaft nicht allzu sehr schmerzte, hat sich die Verunsicherung in den letzten Monaten bereits bemerkbar gemacht. So stagnierte die Wirtschaft im zweiten Quartal, nachdem im ersten Quartal bereits ein Rückgang des Bruttoinlandprodukts um 0,5 Prozent zu verzeichnen war. Gleichzeitig haben Investoren im ersten Halbjahr über 74 Milliarden Dollar aus Russland abgezogen. Laut Prognose der Weltbank muss das Land über das ganze Jahr gesehen gar mit einem Kapitalabfluss von bis zu 150 Milliarden Dollar rechnen. Schliesslich sind die Auslandsreserven Russlands seit Februar um 15 auf 478 Milliarden Dollar gesunken, da die Notenbank Dollar verkaufen musste, um den Rubel zu stützen.

Deutschlands Wirtschaft warnt

«Die Finanzmärkte senden ein klares Signal an Russland, sich nicht völlig abzuschotten», sagte Aleksei Belkin, Anlagechef eines russischen Vermögensverwalters der Nachrichtenagentur Bloomberg. Der Preis für Putins Einmischung in die Ukrainekrise werde jeden Monat teurer.

Die Angst vor einer Verschärfung der Sanktionen machte sich in den vergangenen Tagen auch in Deutschland bemerkbar. Das Land ist noch stärker als das restliche Europa von den Gaslieferungen Russlands abhängig. Das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» erachtet den Kuschelkurs des Ex-Bundeskanzlers Gerhard Schröder mit Putin als einen der grössten aussen- und industriepolitischen Irrtümer der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Schon vor dem Flugzeugabsturz warnte der Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft, dass aufgrund des Einbruchs des Handels mit Russland und der Ukraine rund 25'000 Arbeitsplätze gefährdet seien. Deutsche Unternehmer, die in Russland tätig sind, sprechen von einem empfindlichen Vertrauensverlust. Erste Spuren zeigen sich etwa in der Maschinenindustrie. So sind im ersten Quartal die Exporte von Deutschland nach Russland um 17 Prozent gefallen. Auch die Autohersteller verkaufen weniger. Opel etwa hat gar eine Fabrik in St. Petersburg für mehrere Wochen stillgelegt.

Die Schweiz, die sich mit Sanktionen gegen Russland stark zurückgehalten hat, ist vor allem über den Rohstoffhandel eng mit dem Land verbunden. Mehr als drei Viertel aller russischen Exporte umfassen den Verkauf von Kohle, Öl, Gas und Metallen. Ein bedeutender Teil des Handels wird über die Schweiz abgewickelt, so werden rund 80 Prozent des russischen Öls in Genf gehandelt.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch