Deutschlands Wirtschaft muss sich besinnen

Der Exportweltmeister kann seine niedrige Arbeitslosenquote nur auf Kosten der Nachbarn erzielen.

Die Deutschen haben Arbeit – und dieser Autohändler bei Dortmund freut sich auf Kunden. Foto: Alamy

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Ein Ereignis, das den Naturgesetzen widerspricht und deshalb einer übernatürlichen Kraft zugeschrieben wird: Das ist gemäss Duden ein Wunder. Viele sind der Meinung, dass ebensolch übernatürliche Dinge seit einigen Jahren in Deutschland geschehen. Die Zahl der erwerbslosen Menschen hat sich in den letzten zehn Jahren fast halbiert, die Erwerbslosenquote sank 2015 auf 4,5 Prozent. Während sich die Deutschen über das neue Rekordtief freuten, reagierten die Schweizer brüskiert. In der hiesigen, vom Frankenschock gebeutelten Wirtschaft ist die Erwerbslosenquote im letzten Jahr auf 4,9 Prozent angestiegen. Sie kommt dem Rekordwert von 5,1 Prozent Anfang 2010 damit gefährlich nah – und ist zum ersten Mal seit der Jahrtausendwende höher als jene beim grossen Nachbarn. «Deutschland – die bessere Schweiz?», fragte deshalb besorgt die NZZ. Und sogar gestandene Ökonomen liessen sich dazu hinreissen, wieder einmal das «deutsche Jobwunder» zu bemühen.

Bloss: Mit übernatürlichen Kräften hat die Entwicklung wenig zu tun, sondern vielmehr mit schmerzhaften Reformen und einem günstigen (um nicht zu sagen unfairen) wirtschaftlichen Umfeld. Die Deutschen haben ihren Arbeitsmarkt im letzten Jahrzehnt einer Liberalisierungskur unterzogen. Das war bis zu einem gewissen Punkt nötig, darin sind sich die meisten Ökonomen einig. Doch gleichzeitig hat es dazu geführt, dass die Löhne deutlich weniger stark gestiegen sind als die Produktivität. Für Geringverdienende sind sie sogar gesunken. Die deutsche Wirtschaft hat sich dadurch einen Wettbewerbsvorteil gegenüber der ausländischen Konkurrenz erarbeitet – auf Kosten jener, die ohnehin schon am Ende der Lohnskala stehen.

Und gerade von ihnen gibt es immer mehr. Die Zahl der Menschen, die weniger als 450 Euro im Monat verdienen, ist im Nachgang der Hartz-IV-Reform von 5,5 auf 7,45 Millionen gestiegen. Die Folge: Heute sind in Deutschland zwar mehr Menschen erwerbstätig, dafür verdienen sie oft weniger und haben schlechte Zukunftsperspektiven. Die Lohnungleichheit ist in den letzten beiden Jahrzehnten denn auch stärker gewachsen als in den USA oder in Grossbritannien.

Exportierte Arbeitslosigkeit

Zementiert wird der Wettbewerbsvorteil durch den schwachen Euro. Hätte Deutschland noch die Mark, hätte sich diese in den letzten fünf Jahren deutlich aufgewertet. Der Euro hingegen hat im selben Zeitraum gegenüber dem Dollar fast 20 Prozent an Wert verloren, gegenüber dem Franken waren es 13 Prozent. Das hilft der deutschen Industrie, weil so die Preise für ihre Produkte im Ausland sinken. Der Vorwurf, Deutschland exportiere seine Arbeitslosigkeit, kommt deshalb nicht von ungefähr. Länder wie Frankreich, Italien und Griechenland beklagen schon seit Jahren, dass deutsche Exporte die Nachfrage nach ihren eigenen Produkten und damit die dafür nötige Beschäftigung verdrängten.

Die Liberalisierungskurs hat dazu geführt, dass die Löhne deutlich weniger stark gestiegen sind als die Produktivität.

Dabei sind die Exporte gar nicht das grosse Problem. Das Problem sind die rekordhohen Exportüberschüsse, die Deutschland seit mehr als zehn Jahren erwirtschaftet. 2014 überstiegen die Exporte die Importe um 215 Milliarden Euro. Das ist laut Berechnungen eines deutschen Instituts der grösste Überschuss weltweit. Und vor allem bedeutet es, dass Deutschland sein Kapital offenbar lieber im Ausland parkiert, als es im Inland zu investieren.Die Europäische Kommission hat Deutschland deshalb gerügt. Sie mahnte an, dass zu hohe Exportüberschüsse eines einzelnen Landes die Stabilität der Eurozone gefährdeten.

Dasselbe gilt auf Landesebene für die Ungleichheit, wie mittlerweile sogar die wirtschaftsliberale OECD erkannt hat. Sie hemme das langfristige Wachstum, weil die untersten Schichten der Gesellschaft abgehängt würden, schrieb sie letztes Jahr in einer Studie. Es ist also höchste Zeit, dass die deutsche Wirtschaft sich besinnt. Und den Vorsprung, den sie sich ohne Zweifel auch durch Klugheit und Innovationskraft erarbeitet hat, dem eigenen Land zugutekommen lässt. Zum Beispiel durch Investitionen in die Bildung oder in die Infrastruktur. Und durch höhere Löhne.

Erstellt: 13.01.2016, 20:11 Uhr

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