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Wo Donald Trump recht hat

Die Aussagen des US-Präsidenten zum Freihandel treffen einen wunden Punkt: Sechs umstrittene Aspekte des aktuellen Handelssystems.

Allein chinesische Exporte in die USA sollen mehr als 2 Millionen Jobs in der US-Industrie gekostet haben: Containerschiff im Atlantik.
Allein chinesische Exporte in die USA sollen mehr als 2 Millionen Jobs in der US-Industrie gekostet haben: Containerschiff im Atlantik.
EPA/TOTE MARITIME, Keystone

Die erklärten Absichten des neuen US-Präsidenten Donald Trump, protektionistische Massnahmen einzuführen und so den Welthandel zu beeinträchtigen, sind ein noch immer unterschätztes Risiko für die Weltwirtschaft. Das heisst aber umgekehrt nicht, dass die Kritik, die er am aktuellen Handelssystem äussert, unbegründet ist. Das Gegenteil ist der Fall. Hier die wichtigsten Punkte:

  • Das weltweite Handelssystem baut auf US-Defiziten auf

Das Welthandelssystem ist stark auf die USA konzentriert. Allerdings in einer Weise, die für viele Amerikaner grosse Nachteile zur Folge hat. Viele Länder, wie etwa Deutschland und China, haben ihre Wirtschaft auf Nettoexportüberschüsse ausgerichtet. Das heisst, sie exportieren mehr, als sie einführen. Das befeuert die Nachfrage nach ihren Produkten und erhöht ihr Wirtschaftswachstum. Das Gegenteil ist in den USA der Fall. Importe entziehen da Nachfrage nach inländischen Produkten. Gemäss Studien haben allein die Nettoexportüberschüsse aus China in die USA mehr als zwei Millionen Arbeitsplätze in der Industrie gekostet. Noch mehr Stellen gingen dort allerdings als Folge der technologischen Revolution verloren.

  • Die bestehenden Handelsverträge ermöglichen ungewollte Güterströme

Besonders in der Kritik von Donald Trump steht das Nordamerikanische Handelsabkommen (Nafta), das 1994 zwischen Kanada, Mexiko und den USA geschlossen wurde. Dieses Abkommen hatte zur Folge, dass es Umgehungsmöglichkeiten für chinesische Exporte in die USA eröffnete, indem China Produkte nach Mexiko lieferte, die dann da praktisch nur noch einen neuen Anstrich erhielten und so als mexikanische Produkte in die USA weiter exportiert wurden. Dadurch gerieten die US-Anbieter weiter unter Druck.

  • Neue Handelsabkommen schränken die Souveränität ein

Die jüngsten Handelsabkommen hatten immer weniger mit dem Handel selbst zu tun und drehten sich immer mehr um deutlich weitergehende Anliegen, wie den Schutz von Investoren und speziellen Gerichtsbarkeiten für diese. Oder dann haben Marken- oder Patentschutz-Anliegen ein grosses Gewicht. Im Kern drehen sich solche Anliegen allerdings gerade nicht um die Freiheit des Handels und der Märkte, sondern gerade um deren Einschränkung. Die Einschränkung betrifft vor allem die Souveränität von Ländern, die durch immer weitergehende internationale Abkommen eingeschränkt werden.

  • Personenfreizügigkeit ist nicht Freihandel

Eine ungehinderte und unkontrollierte Migration sorgt bei den Menschen nicht nur für ökonomische Ängste, sondern auch zu solchen um die eigene Identität und Kultur. Und besonders in einer Phase schwachen Wachstums und stagnierender Einkommen zu Ängsten, die Einwanderung könnte direkt oder indirekt die eigenen ökonomischen Möglichkeiten und die Absicherungssysteme gefährden. Die Vermischung von Personenfreizügigkeit mit möglichst offenem Freihandel hat letzterem besonders geschadet.

  • Freier Kapitalverkehr ist nicht Freihandel

Internationale Kapitalströme – vor allem kurzfristige – können manchmal nützlich sein, aber sie können auch Ursache grosser Krisen sein. Etwa dann, wenn Gelder in ein Land fliessen, das hohe Wachstumsraten verspricht, weil es die ausgeliehenen Gelder in scheinbar hilfreiche Investitionen steckt. Das kann – wie immer wieder geschehen – einen sich selbst nährenden Boom auslösen mit hohen Wachstrumsraten, steigenden Zinsen und einer Wertzunahme der Währung. Die Schuldaufnahme in fremden Währungen scheint dadurch erst recht attraktiv. Doch kommen Zweifel an der Werthaltigkeit der Investitionen auf, steigen anderswo die Renditen und Zinsen, dann wird dieses kurzfristig ausgeliehene Geld rasch wieder abgezogen, die Wirtschaft und die Währung bricht zusammen und zurückbleibt ein Schuldenberg in fremder Währung. Dieses Szenario hat meist Schwellenländer betroffen.

  • Das Handelssystem hat die Ungleichheit verschärft

Es war schon immer klar, dass die Globalisierung auch Verlierer kennt. Zumindest gemäss Theorie sollte sie aber netto allen beteiligten Ländern einen Zugewinn ermöglichen – etwa in Form eines grösseren Wachstums und steigender Einkommen insgesamt. Damit würden über Umverteilungsmöglichkeiten Mittel zur Verfügung stehen, um die Verlierer für ihren Verlust (der Arbeit, der Nachfrage nach ihren Fähigkeiten und der entgangenen Einkommen) zu entschädigen. Doch eine solche Umverteilung der Globalisierungs- (und Technologie-) Gewinne hat vor allem in den USA nicht stattgefunden. Während die unteren und mittleren Einkommen weitgehend stagniert haben, sind jene an der Spitze explodiert.

Keine Lösung in Sicht

Die Unterschätzung oder sogar Nichtbeachtung der obigen Punkte hat den Freihandel unbeliebt gemacht. Dabei hat er in seiner reinen Form viele positive Folgen gezeitigt, vor allem für ärmere Länder. Die bisher geäusserten Ideen von Donald Trump, wie scharfe protektionistische Massnahmen, würden niemandem helfen, der unter der Entwicklung der letzten Jahrzehnte gelitten hat. Die Jobs würden nicht zurückkehren und auch nicht die Einkommen. Die Negierung der Probleme mit dem Freihandel hätten dann zur Folge, dass dieser selbst Schaden nimmt und die Unsicherheiten in der Weltwirtschaft deutlich zunehmen würden – zum Schaden aller.

Video – Würden die Amerikaner Donald Trump nochmals wählen?:

«Knapp 90 Prozent der Republikaner sind zufrieden»: Christoph Münger, Co-Ausland-Leiter des «Tages-Anzeiger».

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