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Die Börse ist ein furchtbarer Herrscher

Was war der grösste Fehler der Finanzpolitiker? Sie wirkten zu wenig wahnsinnig. Selbst ein kleines Projekt wie die Schwächung des Frankens muss wirken wie der Plan eines Irren.

Auf und ab wie ein tollender Hund: die Börse, hier die Anzeigetafel für den deutschen Aktienindex DAX in Frankfurt.
Auf und ab wie ein tollender Hund: die Börse, hier die Anzeigetafel für den deutschen Aktienindex DAX in Frankfurt.
Keystone

Der Spekulant André Kostolany verglich vor Jahren Wirtschaft und Börse mit einem Mann und seinem Hund. Während die Wirtschaft, also der Mann, ruhig dahingeht, tollt der Hund herum. Mal prescht er vor, mal bleibt er zurück, doch am Ende macht er den gleichen Weg wie der Mann.

Heute gleicht das Verhältnis eher dem Spaziergang eines Mannes mit einem Tyrannosaurus Rex. Während der Mann dahingeht, beisst der Saurier ihm ein Bein ab und macht sich dann auf Richtung Stadt, um dort das Regierungsviertel zu verwüsten.

Das Erschreckende an der jetzigen Finanzkrise ist: Niemandem wird mehr geglaubt. Bei ihrem Beginn, Sommer 2007, waren es nur die Banken, die sich kein Geld mehr liehen, weil sie sich gegenseitig für pleite hielten.

Die Ohnmacht aller

Heute sind die Retter der Banken an der Reihe. Zuerst erwischte es kleine Staaten mit grossen Banken wie Island und Irland. Dann grosse Staaten mit einem grossen Immobilienhandel wie Spanien oder Grossbritannien. Und heute stehen die zwei mächtigsten Staatsbündnisse des Planeten auf der Kippe: die EU und die USA.

Längst haben die Finanzmärkte ihre Computerschirme verlassen und bestimmen die politische Agenda. Kursstürze, Schlagzeilen, Gipfeltreffen jagen sich. Politiker brechen ihre Ferien ab, konferieren und sprechen für Hunderte von Milliarden Unterstützungs- oder Sparpakete. Und nichts scheint richtig zu funktionieren. Auf Entscheide, die vor wenigen Jahren unfassbar kühn ausgesehen hätten, folgt ein höhnisches «Zu spät! Zu wenig!» von den Märkten, dann von Presse und Publikum. Gefolgt vom nächsten Krisengipfel.

Die beiden grossen Versäumnisse

Warum dieser globale Macht- und Kontrollverlust? Im Rückblick zeigen sich zwei Versäumnisse. Der erste Fehler war die Folge einer brutalen Fehleinschätzung. Ab 1980 förderten fast alle westlichen Regierungen ihren Finanzplatz: durch den Abbau von Regulierungen und Spitzensteuersätzen. Das schien clever. Denn die Finanzmärkte vervierfachten sich und machten immer neue Rekordgewinne. Nur, wie sich zeigte, ohne das Risiko einzurechnen.

Denn, simpel gesagt, war das Erfolgsmodell der Banken dasselbe wie das von Spielern, die im Casino mit geliehenem Geld spielen: Gewinne sind Gewinne – Verluste das Problem anderer Leute. Nur arbeiteten die Banker – als die grosse Bürokratie, die Banken sind – leider verantwortungsvoller: Sie versicherten sich zusätzlich durch komplexe Finanzinstrumente – gegenseitig. So schufen sie ein Monster: ein planetengrosses finanzielles Klumpenrisiko.

Nach dem Crash verpasste die Politik in dem kurzen Zeitfenster, als die ruinierten Märkte am Boden lagen, zwei Dinge: Erstens brachte sie das Casino nicht unter Kontrolle. Die Regulierungen blieben weitgehend Kulisse: 5 Meter hohe Staumauern gegen einen möglichen 20-Meter-Tsunami. Und zweitens vernachlässigten sie neben der Bankenrettung alle anderen Krisenherde: ihre in Not geratene Bevölkerung und mit ihr die Firmen, bei denen diese Bevölkerung kaufte. Und arbeitete.

Zwei Jahre nach der teuersten Aktion der Geschichte – der Bankenrefinanzierung – und inmitten einer explodierenden Arbeitslosigkeit kündigten die Politiker Amerikas und Europas an, Konjunktur- und Sozialbudgets radikal zusammenzustreichen. Aus Angst vor denselben Märkten, die sie soeben gerettet hatten, begingen sie Mord an der eigenen Wirtschaft. Und das sogar erfolglos. Die Börse fällt und fällt.

Zugeben hatten die Politiker wenig Chancen: Denn das Problem in einer gigantischen Krise ist, dass sich die Gesetze der Ökonomie radikal verschieben: Was unverantwortlich scheint, ist verantwortlich. Und das Verantwortliche wird fahrlässig.

Das Rettungspaket muss monströs sein

Sparen scheint nach Zeiten grosser Ausgaben (die Schulden der OECD-Länder explodierten durch den Bankencrash von 72 auf 100 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung) zwar vernünftig. Aber wenn weder Banken noch Leute, noch Firmen Geld ausgeben, ist staatliches Sparen unverantwortlicher Selbstmord.

Dagegen muss jede sinnvolle Krisenpolitik wie die Tat eines entschlossenen Wahnsinnigen aussehen. Ein Konjunkturprogramm muss so gigantisch sein, dass Leute und Unternehmen nicht mehr anders können, als an eine goldene Zukunft zu glauben. Das Rettungspaket für den Euro muss so monströs sein, dass niemand an seinen Untergang glaubt. Selbst ein kleines Projekt wie die Schwächung des Frankens muss wirken wie der Plan eines Irren. Sobald man Nationalbankchef Philipp Hildebrand glaubt, dass er die Schweizer Ersparnisse in einem Meer von frisch gedruckten Franken untergehen lässt, ist die Krise gelöst.

Bei der Bankenrettung war die Summe genug irrsinnig. Sie gelang. Bei den Konjunkturprogrammen, dem Euro und dem Franken bisher nicht. Denn die Märkte – bald zu zwei Drittel von Computern gesteuert – sind seltsame Wesen: Getrieben von entweder Angst oder Gier, interessiert sie nicht, was ist – schon gar nicht, was vernünftig ist – sondern das, was alle anderen sagen, was ist. Sie haben die Psychologie einer Hundemeute: Bei Zweifeln beisst sie zu, Hoffnungen versetzen sie in Taumel. Das macht die Börse zu einem furchtbaren Herrscher.

Der Finanzmarkt als Orakel

Das Problem ist, dass Zeitungen, Ökonomen, Politiker nach 30 Jahren Routine im Fördern von Börse und Banken den Finanzmarkt als Orakel ernst nehmen. Dabei wäre die einzige Chance, Entschlossenheit zu zeigen.

Was tun? Man kann nur beten, dass sich die Politik trotz ihrer Versäumnisse durchwurstelt. Klar ist nur, dass die Vernunft zwei Dinge gebietet: erstens, dass das Monster geschrumpft wird, etwa durch eine Kapitaltransaktionssteuer. Zweitens, dass die Kassen durch Steuern auch bei der einzigen Schicht refinanziert werden, die die letzten 30 Jahre unter dem Strich davon profitierte: bei den Reichsten. Alles andere wäre Selbstmord der Politik. Und des Kapitalismus.

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