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Die Briten würden sich nur ins eigene Knie schiessen

Wie teuer käme ein Austritt Grossbritanniens aus der EU das Land zu stehen? Die Bertelsmann-Stiftung findet dafür eine klare Antwort.

Ein Austritt Grossbritanniens aus der EU würde auch den Bankensektor des Landes empfindlich treffen - Blick auf den Finanzdistrikt von Canary Wharf, London.
Ein Austritt Grossbritanniens aus der EU würde auch den Bankensektor des Landes empfindlich treffen - Blick auf den Finanzdistrikt von Canary Wharf, London.
Andy Rain, Keystone

Grossbritannien würde sich mit einem Ausscheiden aus der Europäischen Union, im Fachjargon als Brexit bezeichnet, selbst am meisten schaden. Die britische Wirtschaftsleistung pro Kopf würde in einem solchen Fall bis 2030 jährlich um 0,6 bis 3 Prozent geringer ausfallen, verglichen mit einer weiteren EU-Mitgliedschaft des Landes. Mit Ausnahme von Irland bekämen die EU-Länder die wirtschaftlichen Auswirkungen eines Brexit deutlich geringer zu spüren. Zu diesem Ergebnis kommt ein kürzlich veröffentlichtes Papier der deutschen Bertelsmann-Stiftung.

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung ist natürlich kein Zufall: Am 7. Mai sind die Briten zur Wahl eines neuen Unterhauses aufgerufen. Sollte er als Premierminister bestätigt werden, will David Cameron 2017 ein Referendum über die britische EU-Zugehörigkeit abhalten. Vor diesem Hintergrund hat die Bertelsmann-Stiftung zu eruieren versucht, welche wirtschaftlichen Folgen Grossbritannien zu gewärtigen hat, falls sich eine Bevölkerungsmehrheit gegen Europa entscheidet. Da handelspolitische Entscheide erfahrungsgemäss bis zu zwölf Jahre für ihre volle Wirksamkeit benötigen, haben die Autoren des Papiers – ausgehend von einem Brexit 2018 – als Stichjahr 2030 gewählt.

Drei Brexit-Szenarien

Wie einschneidend eine Abkehr von der EU für die Briten sein wird, dürfte massgeblich davon abhängen, wie London und Brüssel ihre künftigen Beziehungen ausgestalten. Die Bertelsmann-Studie hat hierfür drei Szenarien definiert. Im günstigsten Fall, bei Abschluss eines bilateralen Handelsabkommens, erlangt Grossbritannien einen mit der Schweiz und Norwegen vergleichbaren Status mit der EU. Beim mittleren Szenario kommt kein Handelsabkommen zustande, sodass die Briten im Handelsverkehr mit der EU ähnliche Zollbelastungen in Kauf nehmen müssen wie etwa die USA. Und der Worst Case unterstellt, dass die 38 geltenden (und die zwölf angestrebten) Freihandelsabkommen der EU mit Drittländern für Grossbritannien nicht mehr gelten und deshalb von der Londoner Regierung mühsam neu ausgehandelt werden müssen.

Je nach Szenario fallen für die britischen Exporteure in die EU höhere Kosten an, was ihre Absatzchancen entsprechend mindert. Mit höheren Kosten sind auch die Importe aus der EU verbunden, die sich für die britischen Konsumenten in Preisverteuerungen niederschlagen. Gebremste Exporte und steigende Konsumentenpreise – beides wirkt sich dämpfend auf die britische Wirtschaft aus. Dies gilt umso mehr, als die Verflechtungen mit der EU ziemlich stark sind: Über die Hälfte aller britischen Exporte werden auf dem Kontinent abgesetzt, und von dort gelangen auch über 50 Prozent der Gesamtimporte ins Land.

Laut der Studie müssen jene britischen Wirtschaftszweige mit besonders drastischen Einschnitten rechnen, die stark in die europäischen Wertschöpfungsketten integriert sind. Das gilt etwa für die Chemie, den Automobil- und den Maschinenbau. Für die Chemie beispielsweise wird bei Zugrundelegung des ungünstigsten Szenarios mit einem jährlichen Wertschöpfungsverlust von fast 11 Prozent bis 2030 gerechnet. Überproportional stark belastet würde auch die für die britische Wirtschaft besonders wichtige Finanzindustrie: Ihr entgehen jährlich 5 Prozent an Wertschöpfung.

Gravierende Einbussen – minimaler Pluspunkt

All diese Einbussen sind primär die Folgen eines erschwerten Handelsaustausches zwischen der EU und einem mehr oder minder stark isolierten Grossbritannien. Würde man über diese statische Betrachtung hinaus zusätzlich dynamische Effekte einbeziehen, wären die Auswirkungen eines Brexit auf die britische Wirtschaft noch weitaus einschneidender. So schmälern zum Beispiel Einschränkungen im grenzüberschreitenden Handel den Wettbewerbsdruck im Inland, was wiederum den Anreiz für Innovationen und Investitionen verringert; in der Folge verlangsamt sich das Produktivitätswachstum in der Wirtschaft. Bei Berücksichtigung solcher Dynamiken müsste die britische Wirtschaft laut der Bertelsmann-Studie langfristig mit jährlichen Leistungseinbussen von 2 bis 14 Prozent rechnen – und nicht nur mit bis zu 3 Prozent im rein statischen Modell.

Gegenüber den gravierenden wirtschaftlichen Nachteilen einer britischen Abkehr von Europa verblasst der einzige finanzielle Pluspunkt fast bis zur Unkenntlichkeit. Nach einem Brexit würden die Londoner Zahlungen in die EU-Kasse entfallen. 2013 überwies Grossbritannien 8,64 Milliarden Euro mehr nach Brüssel, als das Land über Subventionen und andere Zuwendungen von dort ausbezahlt erhielt. Diese Summe könnte die Regierung jedes Jahr einsparen oder anderweitig verwenden – das wären dann gerade mal etwa 0,5 Prozent der Wirtschaftsleistung.

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